Lügen der Vergangenheit

von Eva Quistorp24.05.2013Innenpolitik

Pädophile Gruppen haben die Grünen einst unterwandert und man merkt erst jetzt, was da eigentlich los war? Mitnichten. Ich und andere haben den Vorstand einst bekniet, etwas zu unternehmen.

Marie Luise Beck, seit 30 Jahren MdB für die Grünen, erklärt das Wegsehen vieler Grüner – anscheinend auch von ihr und Volker Beck – und ihren mangelnden Mut, die “Indianerkommune”:http://de.wikipedia.org/wiki/Pädophilenbewegung zur Not auch mit der Polizei zu vertreiben, damit, dass den Grünen der Kompass gefehlt habe gegenüber Pädophilen, dass erst jetzt der Blick geschärft sei gegenüber Kindesmissbrauch.

Da muss ich als Gründungsgrüne von 1979 – mit Petra Kelly, Rudi Dutschke, Roland Vogt und Herbert Gruhl – scharf widersprechen.

Spätestens seit der Weiberratsaktion von 1969 gegen die “„68er Eminenzen mit ihren Schwänzen“”:http://www.taz.de/!10211/, waren meine Sinne durch Debatten der neuen Frauenbewegung seit 1973 und durch „Courage“ und „Emma“ von 1977 äußerst geschärft gegenüber Männergewalt, Gewalt gegenüber Kindern, dem Machismo der sexuellen Revolution, dem triumphalen Gehabe, der Selbstgerechtigkeit der 68er-Macker und ihrer Anhängerinnen.

Grünen als Plattform für persönliche Karrieren

Das wertkonservative Element in der grünen Gründungsphase, mit dem Petra und ich einen Ausgleich auch in der Frage des Schwangerschaftsabbruches und der Frauenrechte gesucht hatten, wurde nach dem Europawahlkampf von linken bis linksradikalen Gruppen bedrängt und gerade durch die falsche Offenheit und Toleranz gegenüber der Indianerkommune und der “„SchwuP“”:http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13513384.html vertrieben. Damals gehörten aber eben Luise Beck genauso wie Volker Beck zum linken Flügel der Grünen, der eine ähnliche Polemik beherrschte, “wie heute Herr Dobrindt.”:http://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Dobrindt-Gruenen-Spitze-schuetzt-widerwaertigen-Paedophilen-id25219376.html

Dem hatte ich schon im Europawahlkampf, unterstützt übrigens durch Rudi Dutschke, einen Reformansatz für ein rot-grünes Bündnis und für eine bürgerinnen-nahe und moderate grüne Reform-Politik entgegengesetzt. Die K-Gruppen und Revoluzzer-Szenen hatte ich seit dem “Gewaltdesaster vom Tegeler Weg in Westberlin”:http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_am_Tegeler_Weg gemieden und bin den Weg in die gewaltfreie und undogmatische Frauen- und Ökologiebewegung gegangen. Ich habe die Bonner Friedensdemos organisiert, als andere noch in bizarr utopistischen oder SPD-hassenden Zirkeln verkehrten. Mich und Petra Kelly haben sie als „Ökopaxe“ lächerlich zu machen versucht in den dann ab Ende 1980 von Linken dominierten Grünen, bevor sie nach 1998 von Oberrealos dominiert wurden.

Altlinke und die Frankfurter Spontiszene haben nach dem Erfolg bei der Europawahl 1979 die Grünen als Plattform für ihre Macht und persönlichen Karrieren entdeckt. Sie versuchten, die Grünen auch 1983 zu kapern. Die Medien insgesamt haben die Differenzen unter den Grünen damals nie klar und differenziert beschrieben. Die Moderaten aus der undogmatischen APO, wie ich und andere Frauen der Bürgerinitiative, wurden auch von Politologen vollkommen übergangen oder auf eine Person reduziert.

“Auf der Webseite der Grünen”:http://www.gruene.de/partei/1977-1979.html zu ihrer Chronologie stehen nur drei Namen der zehn EuropakandidatInnen von 1979: Petra Kelly, Josef Beuys und Baldur Springmann. Die ermordete Feministin und die zwei verstorbenen Männer, denen ein Trend zu rechts-anthroposophischem Gedankengut nachgesagt wird. Roland Vogt, BBU-Vorstand und ehemals SPD, Herbert Gruhl, CDU-Umweltpolitiker und ich, damals mit Rudi Dutschke im Wahlkampf unterwegs, kommen dabei nicht vor.

Wir haben den Vorstand bekniet

Das ist keine Kleinigkeit, sondern Geschichtsklitterung. Nun, die Toten können nicht mehr reden. Wenn man aber die abartigen Auswüchse bei den Grünen besser verstehen will, muss man das anschauen, was Arno Widmann, selber 68er der Frankfurter Szene, „Unterwanderung“ nennt – durch linke Gruppen wie durch Pädophile. Wer wurde denn da unterwandert, zur Seite geboxt, vergessen und wer konnte sich warum durchmogeln? Da ist genauere Selbstkritik nötig.

Die falsche Offenheit gegenüber allem, was als links, radikal oder Minderheit galt, wurde zwischen 1981 und 1987 gegen die Moderaten und Reformorientierten instrumentalisiert, die damals schon vor Fischer, Dany, Fücks, Trittin, Roth, Künast auf ein rot-grünes Bündnis zum Atomausstieg oder die deutsche und europäische Einheit hinsteuerten.

Die schwache Grenzziehung, die Unklarheit zwischen sexueller Freiheit und sexuellen Übergriffen seien damals der Zeitgeist gewesen und erst heute nicht mehr nachvollziehbar? Das war für mich und Petra bei der Gründung der Grünen nie verständlich.

Ich habe damals zusammen mit Eberhard Walde versucht, die Indianerkommune aus dem Saal zu treiben und den Bundesvorstand auf dem Podium bekniet, etwas gegen sie zu unternehmen. Schließlich hatte man auch Rechte vergrault. Doch bei der faulen Toleranz ging es immer schon um interne Linien und Postenkämpfe. Dazu kamen Überforderungen im Parteitagsgewirr, wie es einige Grüne aus NRW in der „FAZ“ gut beschreiben.

Ohne die Energiewende, die Abschaffung aller Atomwaffen, weltweite Frauenrechte als Ziel der Grünen hätte ich mein Leiden in ihnen wohl eher beendet, unter einer blinden Toleranz, die sich und fast alle Minderheiten für die einzig Guten hielt. Ich habe auch deswegen die „kritischen Realos“ 1986 gegründet, um zu „SchwuP“ und anderen extremen Gruppen ein Gegengewicht in der Partei zu schaffen, als ich in den Bundesvorstand gewählt wurde und als Reformminderheit da die heißesten Kampfphasen durchzustehen hatte.

Bruch mit den 68er-Mythen

Interessant ist, dass viele des heutigen grünen Spitzenpersonals aus der K-Gruppe und R-Szene kommen, Organisationserfahrung mitbrachten, sich mit Taktik und ihrem Klüngel durchzusetzen. Gut, sie wenden ihre Intelligenz und Machtbewusstsein heute enorm viel klüger an. Die autonomen Feministinnen aus der Gründungsphase wie Waltraud Schoppe, Petra Kelly, ich und andere wurden zwischen 1990 und 1998, mit dem Machtaufstieg der ehemals Linken an die Regierungsmacht, zur Seite gedrängt. Die Frauenquote, die ich schon auf dem Gründungsparteitag gefordert habe, wurde mit Frauen besetzt, die 10 oder 20 Jahre jünger waren.

Es waren aber wir älteren Feministinnen, die den Kinderkrankheiten der Grünen rechtzeitig entgegentraten. Die neue Frauenbewegung war ein Bruch mit den 68er-Mythen, ebenso wie es die Europa-Grünen waren. Sie waren nicht einfach eine Weiterführung, wie es im Buch von Daniel Cohn Bendit (2008) erscheinen soll.

So lassen sie gerade diejenigen Grünen im Dunkel der Anonymität, die gegen den Zeitgeist und die Fehler rechtzeitig und mutig und mit Bedrohung ihrer Parteikarrieren angekämpft haben. Schade, dass Gerd Langguth nicht mehr der Forscher sein kann, den die Grünen als unabhängigen Aufarbeiter bestellen können.

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