Lüftet den Schleier

von Eva Quistorp11.08.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Religionsfreiheit allein mag die Vollverschleierung von Frauen erlauben. Aber das Grundgesetz besteht aus mehr Artikeln, die alle zusammen die Burka in einer modernen westlichen Gesellschaft nicht zulassen. Ein Plädoyer für die Komplexität der Freiheit.

Ein Gegeneinander von islamischer und christlicher Welt wurde zum ersten Mal während des 2. Golfkrieges 1991 wahrgenommen. Damals versinnbildlichten George Bush und Saddam Hussein die beiden kulturell-religiösen Pole, Huntington rief den Kampf der Kulturen aus. Damals war ich schon der Ansicht, dass in einer globalisierten Welt der Antisemitismus nicht wieder aufleben darf. Ich glaubte wie so viele, dass der Weg des interreligiösen Dialogs einer des Friedens, der Verständigung und des Ausgleichs sei.

Religionsfreiheit in Deutschland

Aber der interreligiöse Dialog, der nur zwischen Universitätsprofessoren, an evangelischen Akademien und zwischen Islamexperten und Theologen stattfindet, reicht überhaupt nicht aus, weil wir eine viel umfassendere Antwort auf religiös aufgeladene Konfrontationen brauchen. Wir benötigen friedenspolitische, geostrategische und historische Kenntnisse. Ich versuchte damals, bei den Demonstrationen gegen den 2. Golfkrieg und im Europaparlament mit der parteiübergreifenden Fraueninitiative Sheherezade gegen den Krieg, mich auch gleichzeitig klar gegen Saddam Hussein zu positionieren. Bereits damals versuchte ich, eine politische Position zu finden, die die Anerkennung des Staates Israel, seine Existenz und seine Zukunftsperspektiven mit dieser Ablehnung des Krieges verbindet.  Hier kommen wir von der Weltpolitik in die sogenannten Problembezirke: Man kann die Frage der Integration der muslimischen Migranten nicht von der Frage des Antisemitismus und der Misogynie vieler muslimischer Migranten abtrennen. Beide gehören zusammen. Ein Problem ist, dass das deutsche Verständnis von Religionsfreiheit eines ist, das gut zu den Zeugen Jehovas, den Juden und allen, die nicht “deutsche Christen” waren, passte. Der Artikel der Religionsfreiheit wurde infolgedessen ins Grundgesetz geschrieben, um die Schwachen und die Friedfertigen zu schützen. Inzwischen wird Religionsfreiheit in der deutschen Debatte aber zu häufig absolut gesetzt und von den anderen Grundrechten abgekoppelt. Es ist nicht den Traditionen des Grundgesetzes und der europäischen Aufklärung und Demokratie entsprechend, wenn die Religionsfreiheit jetzt über die anderen Freiheiten erhoben wird und einige intellektuelle Frauen meinen, die Burka verteidigen zu müssen. Nach dem Motto: “Das ist ja nur der Westen, der Angst vor dem Islam hat. Die armen Frauen würden zu Hause eingesperrt, wenn man die Burka auf der Straße verbietet, weil sie dummerweise mit einem Mann verheiratet sind, der sie dazu zwingt, die Burka zu tragen.” Das ist ein Verfall der Diskussions- und Denkkultur, die kohärent und auch in komplexen Zusammenhängen denken muss. Es muss daran erinnert werden, dass bis in die 70er Plakate und Filme de facto als “blasphemisch” zensiert wurden. Soll das Rad wirklich dorthin zurückgedreht werden?

Ein Zusammenhang von Freiheiten

Das Grundgesetz ist eine Komplexität von Freiheiten und Pflichten, individuellen Rechten, aber auch von sozialen Rechten, und es versucht, diese in einen Gesamtzusammenhang zu setzen. Beispielsweise sind die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Versammlungsfreiheit, die Meinungs-, Wissenschafts- und die Kunstfreiheit wichtigere grundgesetzlich garantierte Rechte. In diesem Zusammenhang ist die Religionsfreiheit nicht als Freiheit für fundamentalistische Evangelikale, holocaustleugnende Katholiken oder djihadistische Muslime, sondern nur im Zusammenhang mit der Geschlechtergleichberechtigung, der Meinungs-, Wissenschafts- und Kunstfreiheit denkbar.

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