Der katholische Glaube produziert Opfer

Eugen Drewermann15.04.2010Gesellschaft & Kultur, Politik

Überwachung pur. Das ist der Ansatz der katholischen Kirche, meint Eugen Drewermann. Dass die heilige Institution den Menschen die Erotik verbieten will, erinnert den suspendierten Priester und Kirchenkritiker an George Orwells Klassiker 1984.

Die katholische Kirche ist geprägt von der Marienfrömmigkeit, der Vaterautorität im Papsttum und vom Verbot ihrer Kleriker zu heiraten. Die katholische Sexualmoral wird heute vor allem über die Familie transportiert. Ein Junge, der stark an seine Mutter gebunden ist, wird deren Marienfrömmigkeit und Verdrängung der eigenen Sexualität sehr früh verinnerlichen. Parallel dazu baut er die Vaterautorität, die als strafend im Bilde Gottes überhöht wird und im päpstlichen Zentralismus verfestigt erscheint, zu einem Idealbild und der eigenen Persönlichkeitsteilung auf. Wenn ein Junge zum Beispiel wünscht, anders zu sein, als der Vater. Wenn er Partei für die Mutter nimmt, die er als leidend empfindet, die vielleicht nervlich überlastet ist. Das sind Phantasien, die in die Opferhaltung drängen und darum Kreuzigungsgeschichte begünstigen. Dies ist eine mögliche Entwicklung. Eine andere ist, dass der Wunsch der Mutter darin besteht, einen Jungen ohne diese Zeichen von Männlichkeit zu haben. Eine Frau, die unter katholischem Einfluss die Jungfräulichkeit für ein Ideal hält und sich schwer tut, sich als Frau zu entfalten, hat nur gelernt, vom Mädchen zur Mutter zu werden. Aus dieser Einstellung bildet sich schnell der Wunsch, ihr Junge möge dem entsprechen.

Erotik verboten

Die katholische Kirche nimmt den Individuen das Recht auf ihre persönliche Entwicklung fort und lässt sie sich identisch setzen mit der heiligen Institution selber. Wenn die Kirche aber im Stande ist, Menschen die Liebe zu verbieten, erkennt man Zustände, wie sie George Orwell in “1984” im Reich des Großen Bruders beschrieben hat. Verboten ist nicht die Sexualität, sondern die Erotik. Der Priester ist hier eine Ausnahmeerscheinung. Er ist heilig, befindet sich in einem Vakuum. Er lebt anders, als die Menschen, mit denen er sonst umgeht. Und er vermittelt ihnen diese Abspaltungen: Gott oder die Menschen, Einheit oder Lebensfülle – Kirche als göttliche Institution gegenüber der persönlichen Fehlbarkeit. Alles was eine Synthese bilden müsste, wird auseinander gerissen. Die Kirche hat nicht das Recht, zwischen der Liebe zu Menschen und der Liebe zu Gott eine Alternative zu stellen. Genau das wollte Jesus nicht. Genau das aber macht die katholische Kirche und deswegen hat Luther mit Rückgriff auf das Neue Testament die Klöster aufgehoben und 1525 selber geheiratet. Die Kirche müsste sich auf die menschlichen und religiösen Wahrheiten besinnen, auf die sie sich selber beruft.

Priesteranwärter werden auf Händen getragen

Der Rückgang des Priesternachwuchses ist inzwischen so dramatisch, dass auch die Öffentlichkeit begreift, dass die Kirche ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommt. Die wenigen Priesteranwärter, die sich heute noch melden, werden auf Händen getragen wie nirgendwo sonst. Sie werden mit Vergünstigungen aller Art geködert, etwa mit bezahlten Exkursionen oder Wallfahrten nach Italien. Als Kleriker hat man den sichersten Arbeitsplatz. Unter der einzigen Bedingung: Sie müssen der Kirche Gehorsam leisten. Nur darf daraus kein Skandal werden. In meiner Heimat Paderborn lassen sich gerade einmal drei Leute weihen. Man braucht dort zum Ausgleich der alters- und sterbebedingten Statistik das zehnfache, also mindestens 30 neue Priester. Die Folge: Gemeinden werden zusammengelegt. Somit wird der Anspruch der Kirche immer unpersönlicher, der Verwaltungsbetrieb gigantisch und die Kirche kommt ihren seelsorgerischen Verpflichtungen nicht mehr nach. Die Menschen werden das allmählich begreifen und es hoffentlich nicht hinnehmen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Terror von Links wird nicht bekämpft

Nach den linksterroristischen Ausschreitungen an Silvester war Leipzig-Connewitz in aller Munde und vor allem in den Schlagzeilen. Dabei ging nicht nur unter, dass es bundesweit Ausschreitungen mit Angriffen auf Polizei und Rettungskräfte gegeben hat, sondern dass auch die Thomaskirche in Leipzig d

Warum bleibt die FDP so schwach?

Zu Beginn des Jahres 2020 wird in der Innenpolitik heftig über das Werben von CSU-Chef Markus Söder für einen Umbau der Bundesregierung debattiert. Über die verhaltene Reaktion der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Und über die Forderung des neuen SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borj

Die USA praktizieren den Terror

US-Präsident Trump will keinen Frieden im Nahen Osten, sondern Krieg. Aber selbst in deutschen Medien wird die gezielte Tötung des iranischen Generals Soleimani mit dem Kampf gegen den Terror gerechtfertigt. Eine besonders dreiste Lüge.

„Kosten- und Programm-Exzesse der öffentlich-rechtlichen Sender spalten die Gesellschaft“

Die konservative Basisbewegung innerhalb der CDU/CSU setzt sich dafür ein, die Finanzierung und Programmgestaltung der öffentlich-rechtlichen Sender wieder auf deren Kernaufgaben zurückzuführen.

Frau Merkel, treten Sie endlich zurück

Vera Lengsfeld hat einen offenen Brief an die Kanzlerin geschrieben. Und bemerkt: "Alle Fehler ihrer Kanzlerschaft aufzuzählen würde den Rahmen dieser Ansprache sprengen. Deshalb seien nur die verheerendsten genannt." Welche es sind, lesen Sie hier.

Die Bundesregierung muss Donald Trump die Gefolgschaft verweigern

Dritter Tag im neuen Jahrzehnt und ein Krieg mit gigantischen Folgen droht. Die US-Morde an dem Kommandeur der iranischen Quds-Brigaden Qassem Soleimani und dem Vizekommandeur der irakischen Volksmobilmachungskräfte (PMF) Abu Mahdi al-Muhandis sollen offenbar einen US-Krieg gegen den Iran vom Zaun

Mobile Sliding Menu