Das Tabu brechen

von Ernst Nolte16.10.2014Gesellschaft & Kultur

Nach der Niederlage Deutschlands wurde Hitler vom Befreier zum „absoluten Bösen“. Diese einseitige Sicht schadet uns noch heute. Ein Plädoyer für mehr Objektivität.

Der Erste Weltkrieg hatte zumal in den schließlich besiegten und noch weithin als „feudal“ geltenden Mittelmächten Deutschland und Österreich-­Ungarn eine starke demokratische Bewegung „von unten nach oben“ zur Folge, und eines der Symptome war die Rolle, die der „Volksredner“ Adolf ­Hitler, ­zunächst in München, spielte. Seine Partei, die NSDAP, war schroff antibolschewistisch und setzte sich gegen die marxistische Theorie vom Klassenkampf die Selbstbehauptung und Festigung der deutschen „Volksgemeinschaft“ zum Ziel.

Als eigentliche „Mission“ bezeichnete indessen die Wiedergewinnung der Weltmachtposition des Deutschen Reiches, ja unter planetarischen Gesichts­punkten den militärischen Sieg über die kommunistische Sowjetunion als weltweite Bedrohung der ­„Zivilisation“. Von kaum jemandem wurde dies ernst genommen, und lange Jahre hindurch ­begegnete Hitler viel Spott.

Positive Erinnerungen an Hitler?

Eine aristokratisch denkende Massenpartei ist ja in der Tat so etwas wie eine „Spottgeburt“, und Klaus Mann, der Sohn von Thomas Mann, richtete in einem seiner polemischen Artikel die Frage an ­Hitler: „Und Du willst Diktator sein? Mit der Nase?“ Zumal von konservativer Seite als Kennzeichen ­Hitlers nicht selten „schlechte Rasse“ angegeben wurde. Zum Spott forderte auch Hitlers Bärtchen heraus. Aber ­angesichts des rapiden Anwachsens seiner Partei ­traten seit etwa 1929 an die Stelle des Spotts Betroffenheit und tiefe Beunruhigung.

Die legale „Machtergreifung“ Hitlers im Januar 1933 war die erste Regierungsbildung der Weimarer Zeit, die auf den Straßen von großen Menschenmassen enthusiastisch gefeiert wurde. Wenige Jahre später hatte Hitler als „Führer und Reichskanzler“ viele seiner Versprechungen wahr gemacht: die praktische Aufhebung der diskriminierenden Bestimmungen des Versailler „Friedensdiktats“, die Bildung eines fast allmächtigen Einparteienregimes wie zuvor in der Sowjetunion und im seit 1922 faschistischen Italien, die Vereinigung von fast allen Deutschen in einem „Großdeutschen Reich“, die Wiederher­stellung und Vergrößerung der bewaffneten Macht.

In dem nicht primär von Hitler, sondern durch die Verweigerung von Kompromissen ebenso sehr durch Polen und England hervorgerufenen Krieg von 1940 wurde die Weltmacht Frankreich blitzartig besiegt, und dann begann die Verwirklichung des „großen weltpolitischen Projekts“ mit dem ­zunächst ungemein erfolgreichen Angriff gegen die (von den USA noch kaum unterstützte) Sowjetunion. Im Sommer 1942 schien ganz Europa mit Ausnahme Englands zu Hitlers Füßen zu liegen.

Zeichen tiefer Beunruhigung

Aber dann wurde die katastrophalste Niederlage zur Wirklichkeit, die ein europäischer Großstaat je erlitten hat: diejenige gegen die drei Weltmächte Sowjetunion, USA und Großbritannien. Nun konnte Hitler wieder verspottet werden, und das geschah auch, aber unvergleichlich stärker war die Masse des Hasses und der Verdammung, die den einstigen „Befreier“ zum Repräsentanten des „absoluten Bösen“ und zu einem „Tabu“ machten, von dem ernsthaft und wissenschaftlich nicht gesprochen werden konnte. Und dennoch entwickelten sich in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 Realitäten, welche die Erinnerung an ihn im positiven Sinne wachzuhalten vermochten.

Die erste dieser Realitäten war die demografische. Die Anzahl der Geburten ging, wie es in ­Frankreich seit Längerem der Fall war, immer mehr zurück. Hitler hatte diese Tendenz zum „Volkstod“, wie er sie nannte, durch eine pronatalistische Politik nicht ohne Erfolg bekämpft. Doch die Führung der Bundesrepublik Deutschland setzte – um die Dinge sehr verkürzt darzustellen – eine Politik der Tolerierung oder sogar der Förderung einer ungeregelten Immigration und das Gebot der Hilfe für alle verfolgten oder von großer Armut betroffenen Menschen statt der asylgewährenden Unterstützung von kulturell, religiös oder ideologisch Nahestehenden an die erste Stelle, und die begreifliche – ja, unter moralischen Gesichtspunkten edle – Tendenz fand einige Unterstützung in der Bevölkerung, die sich in Teilen den „von links her“ proklamierten Kampf gegen „den Rassismus“ zu eigen machte, aber auch, halb versteckt, ernste Zeichen tiefer Beunruhigung erkennen ließ.

Schlimmer war das ständige Wiederauftauchen des „Antisemitismus’“, d. h. der ­Judenfeindlichkeit, die jetzt ganz neue Gründe anzuführen vermochte, nämlich die zionistische Politik der Eroberung ganz Palästinas und der Unterwerfung oder Vertreibung der arabischen Einwohner des Landes, aus dem die Juden vor bald zweitausend Jahren vertrieben worden waren. Aus Recht entstand offenbar Unrecht, und die Verteidiger eines Groß-Israel, das dem Gründervater Theodor Herzl sehr fremd gewesen wäre, verwandten den Terminus „Anti-Semitismus“, obwohl er in der Sache ebenso unangemessen war, wie es der Begriff „Anti-Puritanismus“ gewesen wäre, um die Überwältigung von Schwachen durch die überstarken USA anzuklagen.

Fragwürdiger Kampf gegen „rechts“

Insofern kann nun Hitler als der vergessene ­Repräsentant von Tendenzen der „Selbstbehauptung“ erscheinen, die man in der offiziellen Politik­ der Bundesregierung vermisst. Gerade deshalb nimmt der „Kampf gegen Hitler“ in der Bundesrepublik den fragwürdigen Charakter eines „Kampfes gegen Rechts“ und nicht nur gegen extremistische Ausschreitungen einzelner Personen oder Gruppen an.

Er überschreitet die Grenzen der Verfassungsfeindlichkeit oft, indem er berechtigte Sorgen und Ängste der Gegenwart mit jenen „großen Projekten“ Hitlers in Verbindung bringt, nämlich die Vernichtung des Kommunismus und die „Entfernung“, d. h. letzten Endes die (der sowjetischen und freilich andersartigen sozialen Vernichtung der „Bourgeoisie“ entsprechende) biologische Vernichtung des Judentums als des angeblichen Vorkämpfers eines radikalen, auf die „Verschmelzung“ der Menschheit ausgerichteten, allen geschichtlichen Strukturen und Verschiedenheiten feindlichen „Internationalismus“.

Es ist schwer zu sehen, wie die Bundesrepublik das volle Erscheinungsbild der „freiheitlichen Demokratie“ zurückgewinnen oder vielleicht sogar erstmals gewinnen soll. Das wird gewiss nicht möglich sein, solange Hitler in der deutschen Öffentlichkeit als bloße „popkulturelle Ikone“ behandelt wird, die mit realen Problemen der globalen Gegenwart nichts zu tun hat.

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