Wir wollen Kanzler. Andrea Nahles

Primat der Vernunft

Eigentlich sollte Helmut Schmidts neues Buch „Was ich noch sagen wollte“ von Vorbildern handeln. Die holt er aber sofort runter vom Podest und stutzt sie auf Normalmaß.

Nach all den Büchern von und über Helmut Schmidt bietet Schmidt auf diesen 237 Seiten einen Crash-Kurs in eigener Sache. „Was ich noch sagen wollte“ (C.H. Beck. 240 S., 18.95 Euro) ist ein Kompendium seiner Biographie, seiner politischen Entscheidungen, philosophischen Erkenntnisse und persönlichen Zu- und Abneigungen. Wer schon viel Schmidt-Lektüre intus hat, wird sich gern an Bekanntes erinnern; Schmidt-Anfänger der jüngeren Generation aber werden staunen, dass es noch Politiker gibt – oder gab – für die die großen Geister dieser Welt nicht nur eine Zitatenfundgrube für ansonsten blecherne Reden sind, sondern die Marc Aurel und Cicero, Kant und Popper tatsächlich gelesen haben, die ihr Handeln philosophisch reflektieren und ihre Lebenserfahrung an der Weisheit der Großen messen.

Schon mal vorweg: Sein kleines Philosophicum hat Altkanzler Schmidt gut bestanden. Ein diesbezüglicher Pisa-Test unter den Bundestagsabgeordneten könnte den Blick in Abgründe öffnen!

Klassische und kantische Tugendkataloge

Eigentlich sollte es ein Buch über Vorbilder werden, schreibt Schmidt. Aber weil das mit den Vorbildern so eine Sache ist, holt er das „Vorbild“ erst mal runter vom feierlichen Podest und stutzt es auf Normalmaß zurück: Vorbilder können nicht ein ganzes Leben prägen als eine Art „moralischer Lebertran“ (Siegfried Lenz), sondern sie könnten in unterschiedlichen Lebens- und Entscheidungsphasen den „Wunsch nach praktischer Orientierung“ erfüllen. Solche Vorbilder fand Schmidt in seinen Lehrern oder bei dem Kameraden aus der Gefangenschaft, der ihm den Weg zu den Sozialdemokraten wies.

Für Schmidts höchstpersönliche Lebensordnung sind die klassischen und kantischen Tugendkataloge bestimmend. Bei Marc Aurel sind es „innere Gelassenheit“ und „bedingungslose Pflichterfüllung“. Die Pflicht aber bedarf einer inhaltlichen Definition durch Kants kategorischen Imperativ: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelte könne.“ Für Kant wie Schmidt, beide Apostel der Aufklärung, gilt der Primat der Vernunft, und wer sich an die Stelle des anderen und der Allgemeinheit denkt, verschafft seinem politischen Handeln ein sittliches Maß. Aber da ethische Normen keine Gebrauchsanleitung für den Einzelfall sind, wusste Schmidt bei der Nachrüstung wie bei seiner Weigerung, den von der RAF entführten Schleyer auszutauschen, dass er die Verantwortung für die Folgen seines Tuns „ganz allein selbst zu tragen“ hatte. Die sittliche Vernunft kann auch einsam machen.

Vordemokratische Einstellung

Als gnadenloser Realist weiß Schmidt, dass der Entwurf eines Tugendkatalogs aus dem Tugendprediger noch keinen allseits vorbildlichen Menschen macht. So habe sich Kant vom preußischen König in seiner Lehrfreiheit einschränken lassen: Er war wohl „kein sehr tapferer Mann“. Und Marc Aurel? Der führte die Sklavenfolter wieder ein, ließ Christen verfolgen. Und um noch ein paar andere von Schmidt verehrte, aber auf menschliches Normalmaß herab gestutzte Politiker aus der zumeist jüngeren Geschichte zu nennen: Jefferson schaffte die Sklaverei ab, aber hielt sich selbst weiterhin Sklaven. Churchill stand an der Wiege der Vereinigten Staaten von Europa, aber hatte zuvor die deutsche Zivilbevölkerung mit seinen Bombengeschwadern terrorisiert. Kennedy hat in Vietnam gezündelt, aber die Kubakrise auf staatsmännische Art gemeistert. Es sind diese Widersprüche, die Schmidt zum Gegner jeder Helden- und Vorbildverklärung machen. Nur hätte man gern gewusst, wo denn der beflissene Schüler der Tugendlehrer und Bewunderer der Staatenlenker seine eigenen weniger sympathischen Seiten hat. Sein hier öffentlich bekannter Ehebetrug an Loki kann es ja wohl nicht sein?

Vielleicht ist es seine Selbstgerechtigkeit, die ihn von oben herab verkünden lässt: „Der Bürgermeister von Pinneberg ist ebenso wenig Politiker wie der Kreistagsabgeordnete in der Uckermark“. Das sei nur „staatliches Personal“, aber nicht „politische Klasse“. Das „Personal“ kümmert sich um die täglichen Belange der Einwohner, die anderen – wie Schmidt – tragen „politische Verantwortung für die Polis als Ganzes“. Politik fängt also erst auf der Ebene Perikles, Schmidt und Kennedy an. Diese Einstellung ist dann wohl doch etwas vordemokratisch.

Die Dinge im Diesseits erledigen

In einer Zeit, in der das christliche Fundament unserer Gesellschaft beschworen wird, soll die Gegenrede Schmidts nicht unerwähnt bleiben. Dem Christentum stehe er „heute sehr distanziert gegenüber“. Die „frohe Botschaft“, dass der Lohn im Himmel empfangen werde und die Gläubigen, sich nicht allzu sehr um die Erfordernisse des Tages kümmern sollten, ist nicht nach seinem Geschmack. Seine Sittlichkeit gründet nicht auf der Jenseits-Hoffnung, er will sein Ding im Diesseits erledigen. Dass ihm dabei das Klischee vom „Macher“ angehängt wurde (in „herabsetzender Weise“) hat in schwer getroffen. Die ihm das vorwarfen hätten das „sittliche Fundament“ seiner Entscheidungen nicht erkannt.

Sittlichkeit will er, die dem Einzelnen nach dem Willen des Grundgesetzes einen breiten Raum zur eigenen Entscheidung lässt und nicht mit erhobenem Zeigefinger dieses und jenes verbietet. Klares Wort: „Ein Regierungschef hat in Deutschland nicht die Aufgabe eines Volkserziehers.“ Heißt wohl: Unter Schmidt hätte es keiner gewagt, dass Rauchen in Kneipen und Fernsehstudios zu verbieten. Das ist der versöhnliche Schluss von Schmidts ganz persönlicher Welt- und Weisheitsgeschichte.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Lothar Wieland, Omid Nouripour, Peter Hoeres.

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