Profilloses Geplänkel

Ernst Elitz7.07.2013Medien

Niemand wünscht den Öffentlich-Rechtlichen ein Ende wie dem griechischem Staatsrundfunk ERT. Doch Strukturen müssen sich ändern, um Wildwuchs zu stoppen.

Je nachdem, wie man den öffentlich-rechtlichen Rundfunk betrachtet – als Intimfeind von ARD und ZDF oder als Fan – beide Seiten können ihre Aufregung dimmen. Für die Fans gibt es keinen Anlass zur Sorge, für die Feinde keinen Grund zur Hoffnung. Die deutschen Sender wird nicht das gleiche Schicksal ereilen wie dem griechischen Staatsrundfunk, dessen Mitarbeiter bis heute nicht wissen, ob ihr aufgeplusterter, überbesetzter Sender nun aufgelöst wird oder nicht.

Räumen wir erst mal zwei Missverständnisse ab. Erstens: In Griechenland geht es um einen Staatsrundfunk, der unter der Kontrolle von Regierungen und Parteien steht. Vom Staat finanziert und an seiner Kandare. Dagegen ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland Demokratie pur. Wenn der Pressesprecher einer Partei es auch nur wagt, sich am Telefon über eine Sendung zu beklagen, machen die Redakteure, statt einfach aufzulegen, ein Brimborium, als seien wir auf dem Weg nach Nordkorea. Zweitens: Selbst in ihren schlimmsten Zeiten waren ARD und ZDF nicht so mit Parteigünstlingen vollgestopft wie der griechische Staatsrundfunk, der – so wird es beschrieben – eine Versorgungskasse für linientreue Nichtskönner war.

ARD und ZDF sind eingebunden in ein unentwirrbares Geflecht von Staatsverträgen, in dem jede bürokratische Feinziselierung bis zu den Ministerpräsidenten hin abgestimmt werden muss. Und wenn sich nicht alle einig sind, bleibt es wie es ist. Eher verständigen sich die Länder auf ein Gesetz zur Atomendlagerung, als dass sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auflösen.

Talkshows und Königshochzeiten statt Kreativität

Neben einer Fülle von Informationen aus Deutschland und der Welt, die ARD, ZDF und Deutschlandradio uns täglich ins Haus bringen, haben die Sender, auf jeden Fall die ARD, noch eine identitätsstiftende Funktion. Im Bindestrichland Nordrhein-Westfalen wäre kaum ein die Regionen übergreifendes Selbstbewusstsein entstanden, hätte nicht der alles überwölbende WDR Land und Leute mit seinen Sendungen zusammengeführt. Bayern ohne Bayerischer Rundfunk wäre wie eine Morgenstunde ohne gezuzelte Weißwurst mit süßem Senf.

Keiner will den Öffentlich-Rechtlichen den Stecker ziehen. Sie schaffen sich eher selber ab, weil sie ständig ihren Unwillen zur Veränderung demonstrieren.

Sie erfinden ständig neue Programme, die sie mit Wiederholungen vollstopfen. So entsteht kein Profil. Sie ersticken die Kreativität der Macher, indem sie Krimis und Königshochzeiten, Talk-, Koch- und Rateshows sowie Liebe-Schmalz-und-Tränen-Serien am Fließband produzieren. Und anstatt dem Nachwuchs eine Chance zu geben, wringen sie ihre Starmoderatoren so lange aus, bis das Publikum des Fremdschämens müde – siehe Lanz und Gottschalk – die Sendungen im Quotenkeller begräbt.

Über sechzig Radio- und über zwanzig Fernsehprogramme sind nicht das Ergebnis strategischer Planung, sondern Beweis für den unkontrollierten Wildwuchs eines Systems. Statt die vorhandenen Angebote klar zu profilieren, auf neue Zielgruppen und sich verändernde Publikumsinteressen auszurichten, wurden nach dem Prinzip „Viel hilft viel“ und „Geld ist ja da“ immer neue Programme aufgelegt, die sich gegenseitig kannibalisieren. Sechs Digitalkanäle mit einem Marktanteil unter einem Prozent, also jenseits der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle. Ein Erstes, dem es nicht einmal gelingt, den „Tagesthemen“ einen verlässlichen Sendeplatz einzuräumen. Zwei Kulturkanäle – 3sat und arte –, die sich aus einem Programmmischmasch von einem Dutzend zuliefernder Sender speisen. Diverse Dritte, die mit ihren Einschaltquoten die Marktanteile des Ersten übertrumpfen. Und vor allem zwei Hauptprogramme von ARD und ZDF, die den gleichen Programmauftrag haben (Information, Kultur, Unterhaltung), sich also zwangsläufig doppeln und mit einem Altersdurchschnitt ihrer Zuschauer von über sechzig die Mitte der Gesellschaft nicht mehr erreichen.

Mehr Struktur, bitte

Es wird Zeit für eine Halbierung der Programmzahl und eine neue Markenwelt mit zwei Säulen. Die eine: ein nationales Angebot, bestehend aus ZDF + Deutschlandradio, ergänzt durch Phoenix als Nachrichten- und Dokumentationskanal und ein nationales Kulturprogramm. Die andere Säule bleibt rein regional. Das bedeutet Verzicht auf Das Erste und Konzentration der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten der Länder (ARD) auf ihren ursprünglichen Auftrag, die Veranstaltung von Landesprogrammen.

Die ARD ist kein zentrales Gebilde, sie hat keine eigenständige Rechtsnatur und einen Vorsitzenden, der turnusmäßig alle zwei Jahre von einer anderen Landesrundfunkanstalt kommt und nichts anderes ist als ein machtloser Sitzungsleiter, der bei kontroversen Debatten nicht einmal eine Stichstimme hat. Schon heute übernehmen die Dritten neben ihren regionalen Schwerpunkten die „Tagesschau“ und sind ansonsten reine Abspielstationen für bereits national ausgestrahlte Produktionen. Auch ohne Das Erste könnte eine gemeinsam betriebene ARD-aktuell-Redaktion die Dritten rund um die Uhr mit „Tagesschau“-Sendungen beliefern und die Filmeinkaufsagentur Degeto fiktionale Stoffe anliefern.

Das wäre eine eindeutige Markenstruktur für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Klare Profile statt Wildwuchs, Programmqualität statt Massenproduktion – das würde die Reputation der Öffentlich-Rechtlichen und die Akzeptanz des von ihnen erhobenen Beitrags steigern. Es gibt also doch etwas, was das deutsche öffentlich-rechtliche System mit dem griechischen Staatsrundfunk gemein hat. Beide müssen ihre Strukturen verändern, um sich nicht selber abzuschaffen.

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