Wenn man sich das anschaut, ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht. Thilo Sarrazin

Gute Fragen, schlechte Fragen

Für ihre Recherchen im Fall Wulff sind Redakteure der „Bild“-Zeitung nun mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet worden. Zu Recht? Das kommt darauf an, ob man die richtigen Fragen stellt.

Im Journalismus kommt es darauf an, im richtigen Moment die richtigen Fragen zustellen. Aber manchmal bekommt man auf die falschen Fragen auch die richtige Antwort. Gemessen am Selbstverständnis des Nannen-Preises ist die Frage nach dem Ruf des Blattes, für das die Preisträger tätig sind, vollkommen irrelevant. Hier werden individuelle Leistungen ausgezeichnet und nicht Verlage oder Chefredakteure. Bei denen können sich die Ausgezeichneten nach der Preisverleihung wortreich bedanken, wenn ihnen danach ist.

Vorliebe für Frauenhintern und Oberweiten

Wer sich auf die Frage einlässt, ob „Bild“ einen Preis verdient, der müsste sich – wenn es ihm nicht nur um die Pflege eines Vorurteils geht – ehrlicherweise auch ein paar andere Fragen stellen: Darf man einen Journalistenpreis nach einem Mann benennen, der sein Handwerk bei Goebbels‘ Propagandakompanien gelernt hat? Warum nicht? Nannen ist danach ein kämpferischer Demokrat und herausragender Boulevardjournalist gewesen. Richtig gehört, Boulevard! Obwohl Antje Vollmer in ihrem nicht erhörten Furor gegen eine Preisverleihung an die „Bild“-Kollegen ein „Abstandsgebot“ zwischen Boulevard- und „ernsthaften politischen Blättern“ dekretierte, lässt sich sich nicht übersehen, dass Nannen nicht der Erfinder der „FAZ“, sondern Gründer und Motor einer höchst erfolgreichen Illustrierten war, die sich wegen ihrer Vorliebe für Frauenhintern und Oberweiten den nicht unberechtigten Vorwurf einfing, sie erniedrige Frauen zum „blossen Sexualobjekt“. Von politischen Fehlgriffen mal abgesehen.

Aber wie gesagt, die falsche Frage. Was immer wer vom „Stern“ hält oder gehalten hat, spielt keine Rolle, wenn Journalisten des „Stern“ für ihre Leistung ausgezeichnet werden, was auch schon geschehen ist.

Noch eine Frage: Warum werden renommierte Journalistenpreise von Boulevardjournalisten gestiftet oder nach ihnen benannt – hier der Nannen-, in den USA der Pulitzer-Preis? Zur Erinnerung: Pulitzer war im Kampf mit Randolph Hearst um das erfolgreichste Sensationsblatt in New York ein schlimmer Finger. Wahrscheinlich hätte er heute, nur um seinem Konkurrenten eins auszuwischen, Rebekah Brooks von Murdochs News Corporation als Chefredakteurin abgeworben. Antwort: Am Boulevard wird ordentlich Geld verdient, man ist nicht so knausrig wie die Pfennigfuchser von den „ernsthaften politischen Blättern“. Und – menschlich verständlich – man verspricht sich davon auch einige Anerkennung.

Förderung des Qualitätsjournalismus‘

Der „Stern“ legte 1983 den größten Skandal in der bundesdeutschen Pressegeschichte hin. Er hatte für die Publikation billigst gefälschter Hitler-Tagebücher Millionen versenkt. Der Ruf des Blattes war auf Jahre ruiniert. Jetzt wäre die richtige Frage: Hatte die Stiftung des Nannen-Preises durch den „Stern“ im entferntesten etwas damit zu tun, dass sich der verblassende Glanz der Illustrierten mit einer jährlichen Aktion zur Förderung des Qualitätsjournalismus – samt Gala mit Smoking – wieder aufhellen ließ? Angesichts eines so feierlichen Ereignisses gehört es sich nicht, diese Frage zu stellen.

So wie der „Stern“ vom Nannen-Preis profitiert, profitiert vom Preis-Glanz jedes Blatt, das es seinen Journalisten ermöglicht, Zeit und Geld in Texte zu investieren, die Nannens Vorstellung von journalistischer Arbeit entsprechen, d.h. die Welt „durchsichtiger“, „verständlicher“, „ehrlicher“ machen. Und so lautet die einzig richtige Frage: Haben die in diesem Jahr ausgezeichneten Arbeiten diesen Anspruch erfüllt? Die Jury hat „Ja“ gesagt. Noch Fragen?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Malte Lehming, Christoph Giesa, Richard Schütze.

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