Charisma statt Klicks

von Ernst Elitz14.07.2015Gesellschaft & Kultur, Medien

In dem neu erschienenen Band „Die Idee des Mediums“ erklären Journalisten, wie sie sich die Zukunft ihrer Zunft vorstellen. Es sind dabei die Medienschaffenden, die tiefer nach der Idee ihres Gewerbes schürfen. Eine Rezension.

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Wenn Journalisten sich zur „Idee des Mediums“ äußern, reden sie erst mal von sich. Dann folgen wohlfeile Forderungen nach weniger Aufgeregtheit und mehr Entschleunigung, aber schon am nächsten Morgen will jeder wieder schneller sein als die Konkurrenz, denn nur die Schnellsten schaffen es an die Spitze des Zitate-Rankings, der gültigen Währung für mediale Aufmerksamkeit. Pflichtgemäß folgt dann das Gewissensgrummeln über den sogenannten Kampagnenjournalismus, wobei – meist geht es um den Fall Wulff – der Eindruck vermittelt wird, dass alle Journalisten ganz unfreiwillig, offenbar nur unter dem Zwang bewusstseinsverändernder Drogen wochenlang mit- und abgeschrieben haben. Am Ende des öffentlichen Schuldbekenntnisses wird statt eines Kirchenlieds das Hohelied des Qualitätsjournalismus gesungen.

Ein Blick auf den Alltag der Medienschaffenden

Dieser Begriff ist zu einer Selbstbeschwörungsformel geworden, die sich ex negativo als Gegenprogramm gegen den Boulevardjournalismus definiert, obwohl es doch gerade die Boulevardtechniken sind, mit denen inzwischen auf breiter Front um die Aufmerksamkeit der Leser im Netz gekämpft wird, also mit Komplexitätsreduktion, Personalisierung, subjektiven Sichtweisen und zuspitzenden Formulierungen.

So sind es auch in diesem Band über „Die Idee des Mediums“ nicht gerade die vom Alltagsgeschäft absorbierten Journalisten wie Deppendorf (ARD), Leyendecker („SZ“), di Lorenzo von der „Zeit“ und Cord Schnibben vom „Spiegel“, die außer dem Aufklärungs- und Wahrheitsauftrag der Medien tiefer nach den Ideen ihres Gewerbes schürfen; dies bleibt denjenigen Autoren des Sammelbandes überlassen, die zwischen Journalismus, Medienmanagement und Wissenschaft pendeln und deshalb mit Außensicht und weiterem Horizont auf den Alltag der Medienschaffenden blicken.

So verzichten der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer SE, Mathias Döpfner, und die gerade aus der Universität St. Gallen in die Chefredaktion der „Wirtschaftswoche“ gewechselte Miriam Meckel auf die obligatorischen Beileidsbekundungen für das siechende Printgeschäft und machen stattdessen einige klare Vorgaben für die journalistische Arbeit, die für Gedrucktes ebenso gelten wie für Internet und elektronische Medien. Der Aggregatzustand, mit dem das Ergebnis journalistischer Arbeit zum Nutznießer und Endverbraucher gelangt, ist für die „Idee des Mediums“ vernachlässigenswert.

Vertrauensträger gegen Roboterjournalismus

Döpfner verlangt „Haltung“. Und er lädt diesen ansonsten inflationär gebrauchten Modebegriff mit einem historischen Beispiel auf. Theodor Wolff, bis 1933 Chefredakteur des „Berliner Tageblatts“, hatte in seiner Zeit als Pariser Korrespondent gegen den Mainstream für den des Vaterlandsverrats bezichtigten Hauptmann Dreyfus Position bezogen. Unbeirrt von allen Anfeindungen hielt er an der Unschuldsthese fest und setzte sich schließlich mit seiner Wahrheit durch. Dieses unbeirrte Eintreten für einen Standpunkt, gestützt auf Fakten und Argumente, ist genau die journalistische Haltung, die im Dauerfeuer von Infobits und Meinungskaskaden heute schwerer zu bewahren ist als in gemächlichen Zeiten. Aber ohne Haltung hätte das Medium keinen festen Halt. Haltung ist für Döpfner nicht möglich ohne das Charisma von Autoren, die mit ihren Meinungen eigenständig und eindringlich in ihrer Sprache sind. Nur so lässt sich das Publikum packen.

Auch für Meckel sind es die Kraft des Erzählens, der Auftrag, neue Sichtweisen für den Leser zu eröffnen, unvoreingenommen Debatten zu führen, selber nach Orientierung zu suchen und sie dem Publikum weiterzugeben. Das ist „,sensemaking‘ in einer Welt, die für den Einzelnen zwar anschaubar, aber zuweilen nicht mehr durchschaubar ist“ (Meckel). In einem digitalen Angebot, in dem die klassische Zeitung „entbündelt“ und den Lesern Themen nach ihren individuellen Interessen geboten werden, können künftig einzelne Journalisten zu Vertrauensträgern werden, die das Publikum abonniert. Der Journalist als Vertrauensperson wäre die Antwort auf den drohenden Roboterjournalismus, der Meldungen aus Infobits zusammenfügt und auf das Smartphone sendet. Vor diesem Hintergrund sind Haltung, Unvoreingenommenheit, subjektiver Erzählstil und investigative Recherche überlebensnotwendig für die Medien. Journalisten dieses Zuschnitts werden mit ihrer Arbeit die Neugier des Lesers auf Themen lenken, die in der entbündelten Zeitung nicht mehr zu finden sind.

Der Überblick, den dieser Band über die aktuelle Medienentwicklung gibt, geht auf eine verdienstvolle Initiative der Tübinger Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen und Andreas Narr zurück. Sie starteten im Rahmen der Tübinger Mediendozentur eine Vortragsreihe, in der Macher aus der Medienwelt dem Universitätspublikum Einblicke in ihre Praxis und ihre Gedankenwelt geben. In einer Universität, die die Studierenden in ein enges Korsett von Studienbausteinen und Prüfungen einzwängt, ist dies ein mutiges und vorbildliches Unterfangen. Es ist ein Art Studium generale für diejenigen, die einen Abschluss in anderen Fächern suchen, die aber viel stärker als früher mit Medienangeboten überschüttet werden. Gerade für sie ist diese Reihe ein Angebot zur Horizonterweiterung und zum Erkenntnisgewinn. Mithin ein Beispiel dafür, wie sich die „Idee der Medien“ auch im Hörsaal umsetzen lässt.

_„Die Idee des Mediums – Reden zur Zukunft des Journalismus“_
_Hrsg. Bernhard Pörksen, Andreas Narr (Hrsg.). Halem Verlag. Euro 19,80_

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