Integration statt Exklusivität

von Ernst Dieter Rossmann29.06.2015Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Wir sollten unsere Kinder nicht in privaten Schulen abschotten. Denn nirgendwo lernt man Zusammenhalt besser als in einer öffentlichen Schule.

Seit Wilhelm von Humboldts Zeiten ist das deutsche Schulsystem fest in den Händen des Staates. Und nun dies: Jeder elfte Schüler in Deutschland besucht aktuell eine nicht staatliche Schule, Tendenz steigend.

Mehr als ein Viertel der Eltern würden gerne ihr Kind auf eine Schule in freier Trägerschaft schicken. In der Parallelität der Systeme entsteht auf der Seite der freien und privaten Schulen eine Vielfalt ganz unterschiedlich konzipierter, organisierter und finanzierter Privatschulen, wie sie bisher in Deutschland unbekannt war.

Chancengleichheit für alle Kinder

Dabei bleibt wahr: Die Schule ist in der pluralistischen Gesellschaft der Moderne im Prinzip die einzige Institution, in der Kinder und ihre Familien ganz unterschiedlicher sozialer, religiöser, ethnischer und kultureller Provenienz mit ihren individuellen Potenzialen verpflichtend zusammenkommen, sich in ihrer Gleichartigkeit wie Verschiedenheit erleben und hiermit im besten Sinne miteinander umzugehen lernen.

Das öffentliche Schulwesen hat den Auftrag und den Anspruch, Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendliche zu garantieren und die Bildungsmöglichkeiten bei allen optimal zu entwickeln. Kostenfreiheit, staatliche Lehrpläne und Prüfungen, qualifizierte Lehrkräfte und räumliche und sächliche Schulstandards sollen die Umsetzung der demokratisch verantworteten Schulpolitik garantieren.

Privatschulen sind nicht so elitär wie in den USA und Großbritannien

In der Schulpflicht treffen die legitimen Ansprüche der gesamten Gesellschaft an demokratisch verantworteter im Prinzip gemeinsamer und gleicher Erziehung und Bildung mit den persönlichen Pflichten und Rechten der Eltern aufeinander. Auf den Schutz von Ehe und Familie in Art. 6 des Grundgesetzes folgt unmittelbar Art. 7, der das Schulwesen und seine demokratische Legitimation beschreibt.

Die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben in diesem Spannungsfeld einen Gesamtrahmen für das Schulwesen in Deutschland definiert, der in seiner Weisheit bis in die Gegenwart getragen hat. Da wird das Recht zur Errichtung von privaten Schulen gewährleistet, sofern „eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird“ (GG Art. 7.4). Privatschulen können danach ihren Schulbetrieb nach eigenen pädagogischen, religiösen und weltanschaulichen Konzepten gestalten und ihre Schüler frei wählen.

Für das Gros der privaten Bildungseinrichtungen, nämlich die sogenannten Ersatzschulen, sind die Möglichkeiten, sich allzu weit von der staatlichen schulischen Norm zu entfernen, klar definiert. Ohne Einhaltung der Gleichwertigkeitsbestimmungen gibt es keine staatliche Anerkennung und Finanzhilfe.

In dieser Weisheit des Grundgesetzes hat sich in Deutschland dann über viele Jahrzehnte hin eine Ergänzung zum öffentlichen Schulwesen aufgebaut, die anders als z.B. in Großbritannien oder auch in den USA mit seinen nach elitärer Exklusivität ausgerichteten Privatschulen Impulse der Reformpädagogik im weitesten Sinne aufgenommen hat. Das Innovative macht freie Schulen auch für das Gesamtsystem in seiner Balance attraktiv, zumal viele dieser Schulangebote die Einhaltung des Sonderungsverbotes nicht nur von Gesetzes wegen, sondern auch aus ihrem pädagogischen Konzept heraus verfolgen. Auch aus diesem Grunde ist es richtig, dass bei den Ersatzschulen private Schulbeiträge mit öffentlichen Mitteln in einem fairen Verhältnis zusammenfließen.

Wunsch nach Distinktion

Zu den klassischen Motiven religiös-weltanschaulicher Art und dem von Eltern wie Pädagogen gepflegten Impetus, in eigenen Schulen das Beste für die ganzheitliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen zu realisieren, treten aktuell weitere Motive, die auch mit Blick auf die grundgesetzlich nicht gewollte „Sonderung“ in ihrer Wirkung mit Recht kritisch zu beobachten und als Herausforderung anzunehmen sind. Da gibt es wachsenden Bedarf an Ganztagsschulen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die durch das öffentliche Schulwesen noch nicht befriedigt werden können. Internationale Berufskarrieren erzeugen, zumal in den Großstädten, einen Druck auf die Einrichtung entsprechender internationaler Schulen.

Der PISA-Schock hat zu einer nachhaltig negativen Wahrnehmung des öffentlichen Schulwesens geführt. Mit der breiten Öffnung des öffentlichen Gymnasiums geht das Bedürfnis nach Besonderheit und garantierter Spitzenförderung in der auf Statussicherheit bedachten bürgerlichen Mitte verloren. Zugleich wachsen auch die finanziellen Mittel in einer breiteren Schicht von Haushalten, Schulgebühren für eine im Prinzip kleiner werdende Alterskohorte von Kindern zu finanzieren.

Privatschulen sind nicht die besseren Schulen

Schließlich mag eine stärker werdende Motivlage auch in der Abschottung gegen anwachsende Migration und Multikulturalität in den öffentlichen Schulen liegen. Dieses Bedürfnis nach religiöser und kultureller Homogenität ist im Übrigen nicht einseitig verteilt, wenn wir z.B. an die Gründung von türkischen Gymnasien denken.

Auf diese komplexen Motive hin kann es in der Logik unseres Grundgesetzes nur eine Alternative geben. Wir müssen die öffentlichen Schulen stark, besser und vielfältiger machen. Denn das private Schulwesen ist nach allen wissenschaftlichen Untersuchungen keinesfalls leistungsstärker, auch wenn dieses gerne unterstellt wird. Nicht zuletzt ist das gemeinsame Lernen in sozialer Verschiedenheit ein Wert, für den es sich zu werben und zu kämpfen lohnt.

Wer Kinder für die sozial differenzierte Gesellschaft der Zukunft vorbereiten und fit machen will, tut dieses nicht durch Distinktion und Exklusivität, sondern eben durch Integration und Inklusion. Auch der Zusammenhalt in Verschiedenheit muss schließlich von Anfang an gelernt werden.

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