Nur weil in einer Herde von Schafen eines schwarz ist, ist nicht gleich die ganze Herde schwarz. Bernd Heinrich Graf

Wettbewerb belebt das Geschäft

Deutschland ist ein rohstoffarmes Land, Bildung daher von höchster Wichtigkeit. Wettbewerb zwischen den Hochschulen hilft, ihre Qualität zu sichern und zu steigern.

Die deutsche und europäische Hochschullandschaft befindet sich derzeit im Wandel. Ständige Herausforderungen wie die Bologna-Reform, die Exzellenzinitiative, doppelte Abiturjahrgänge, die Aussetzung der Wehrpflicht, eine immer stärkere internationale Verflechtung der Arbeits- und Bildungswelt, wachsender ökonomischer Druck, der Wegfall der Studienbeiträge in den meisten deutschen Bundesländern sowie die Konkurrenz von privaten Hochschulen zwingen die Hochschulen und deren Studenten zum Um- bzw. Neudenken ihrer Aufgaben. In Zeiten einer immer stärkeren Globalisierung auch im Bildungswesen müssen die Hochschulen sich seit Neustem nicht nur im nationalen, sondern auch im internationalen Wettbewerb mit anderen messen. Der Kampf um die besten Köpfe hat vor allem national einen Namen, er nennt sich Exzellenz. Und das ist auch gut so, denn Wettbewerb ist notwendig, damit auch auf dem tertiären Bildungssektor Qualitätssicherung und -steigerung gewährleistet ist. Es muss das Ziel einer jeden Hochschule sein, immer noch besser werden zu wollen.

Die Hochschulen sind in der modernen Welt längst angekommen

Die Hochschulen haben in diesem Sinne längst verstanden, was es heißt, zu den Siegern oder zu den Verlierern zu gehören. Man mag von vielen Entwicklungen letztlich halten, was man will. Die Abschaffung der Studienbeiträge war hinsichtlich der Konsolidierung der Haushalte der Länder und einer soliden Hochschulfinanzierung politisch ein falsches Signal. Wie reagieren die Hochschulen? Sie kooperieren vielerorts mit der Wirtschaft. Gemäß dem Motto: Wenn ihr in der Politik uns nicht genügend Mittel zur Verfügung stellt und auch privat kaum einer investiert, muss es eben ein anderer tun. Dies ist gängig geworden und durchaus praxistauglich. Die Hochschulen, die sich dem aus bildungs- und hochschulromantischen Gründen verschließen, haben ein Problem. Während die Hörsäle der einen Hochschule langsam vor sich hin vegetieren, baut die andere modernste Gebäude und Institute. Und wo viel Geld drin steckt, da ist bekanntlich das Renommee der Hochschule auch nicht gerade gering, man schaue nur in die USA oder nach England. Damit einhergehen vor allem Fragen zum Qualitätsmanagement in Forschung und Lehre, um dem internationalen Wettbewerb gewachsen zu sein. Hochschulorganisation wird als Management verstanden. Die Wirtschaftlichkeit ist in den vergangenen Jahren verstärkt in den Vordergrund gerückt. All diese Beispiele zeigen: Die Hochschulen sind in der modernen Welt längst angekommen, auch wenn es viele noch nicht wahrhaben wollen.

Selbst Vorlesungen werden bereits zum Teil online angeboten, die Anzahl an Fernstudiengängen steigt rasant und berufsbegleitende Studiengänge werden in Zukunft eine immer größere Rolle spielen. Was das für die Sozialisierung der Studentenschaft heutzutage und die daraus resultierenden Veränderungen für unsere Gesellschaft bedeutet, wird sich noch zeigen. Vor allem aber haben sich die studentischen Milieus stark gewandelt. Irgendwann im Laufe der vergangenen Jahre hat ein Mentalitätswandel bei den Studenten eingesetzt. Politisches, gesellschaftliches und ehrenamtliches Engagement nimmt zunehmend ab, 68 war gestern. Die Studenten von heute sind in Bezug auf ihr Studium wesentlich pragmatischer, denken aufgrund von erhöhter Konkurrenz leistungsorientierter. Warum auf die Straße gehen, mich in einer Partei oder in einem Verein engagieren, wenn ich parallel meine Hausarbeit schreiben kann? Zu begrüßen ist diese Entwicklung sicher nicht in vollem Umfang, zeigt aber, dass sich das Verständnis und der Stellenwert von Bildung in unserer heutigen Zeit maßgeblich verändert haben und dass das Humboldt’sche Bildungsideal in diesem Kontext neu gedacht werden muss. Im Rahmen der Bologna-Reformen, die ein wichtiges politisches Signal für den europäischen Hochschulraum sind und waren, gilt es auch die Komponente des ehrenamtlichen Engagements in Zukunft stärker zu berücksichtigen und den Studenten neben ihrem Studium politisches oder gesellschaftliches Engagement im Sinne einer ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung zu ermöglichen.

Bildung als Schlüssel zum persönlichen Glück

Hinzu kommt, dass Bildung heutzutage in zunehmendem Maße als die einzige Grundlage für den sozialen Aufstieg in unserer Gesellschaft verstanden wird, quasi als der Schlüssel zum persönlichen Glück. Dass man jedoch gar kein Akademiker werden muss, um in Deutschland Karriere zu machen, wird heute von vielen gänzlich ausgeblendet. Gegenbeispiele hierzu gibt es genügend. Das gilt es, vor allem den jungen Menschen stärker zu kommunizieren! Unser funktionierendes duales Ausbildungssystem ist einmalig erfolgreich und wird weltweit exportiert. Bei uns muss man für viele Berufe kein Hochschulstudium absolviert haben, was keine Abwertung darstellt, sondern einfach nur effizient und praxisnah ist. Die Konsequenz ist jedoch eine seit Jahren zunehmende Akademisierung unserer Gesellschaft, die weiter andauern wird.

Was bedeutet das alles letztlich für das Bildungswesen in Deutschland? Wir müssen achtsam sein, dass die international anerkannte Qualität unserer Bildung im Zuge gesellschaftlicher Entwicklungen nicht absinkt. Sonst drohen wir unseren Spitzenstatus als Bildungsrepublik international zu verlieren und das wäre für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland, das vor allem vom Erfinder- und Entdeckergeist lebt, ein verheerendes Signal. Das jedoch ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die gemeinsam mit allen Bildungseinrichtungen, Schulen wie Hochschulen, gemeinsam angegangen werden muss.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rainer Zitelmann, Daniela De Ridder, Annette Schavan.

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