Begehren soll sich durch Konsum ausdrücken. Susie Orbach

In der Mitte gefangen

Eurasien ist das Schlagwort vieler politischer Träumereien. Geografisch mag es Sinn haben, von einer solchen Region zu sprechen. Doch aus institutioneller Sicht sieht es mager aus. Spannend wird es allerdings, sollte die EU zerfallen.

Aus den verschiedensten Gründen werden in der letzten Zeit Konzepte für ein „Eurasien“ in die Diskussion geworfen. Ein Blick auf den Globus belehrt uns, dass es aus der Formation der Landmassen betreffend Europa erklärbar ist. Peter Sloterdijk hat einmal aggressiv bemerkt, dass Europa ja nichts anderes sei als der Wurmfortsatz des asiatischen Kontinents. Historisch, politisch und kulturell haben sich die Dinge natürlich anders entwickelt.

Das Konzept „Eurasien“

Die Beziehungen zu Asien waren von Völkerwanderungen, Kriegen, Kolonialismus etc. gekennzeichnet. Ein europäischer Staat hat einen großen Anteil des asiatischen Kontinents, nämlich Russland, was sich systematisch aus der Zarenzeit entwickelt hatte und in der Sowjetunion fortgesetzt wurde. Auch die Türkei ist in einer Zwittersituation, wobei der europäische Anteil eher bescheiden ist, aber mit Istanbul und in der Frage des Selbstbewussteins eine große Rolle für Anatolien spielt. Der Zerfall der Sowjetunion und ihre Zugehörigkeit zu europäischen Institutionen der Vereinten Nationen und anderer Bereiche haben dazu geführt, dass die zentralasiatischen Republiken etwa zur UNECE (Europäische Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen) und zur OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) gehören.

Die jüngsten Vorstellungen allerdings kamen von einigen Stiftungen in der Türkei, die aufgrund der Entwicklung der immer stärkeren wirtschaftlichen Rolle Ankaras, aber auch der kulturellen Zugehörigkeit einiger Turkvölker sowie natürlich dem Interesse, ein „regional player“ auch in Europa zu sein, das Konzept von Eurasien offensichtlich als Alternative zur Zugehörigkeit zur EU gestärkt haben. Überhaupt ist wohl anzunehmen, dass die Türken gar nicht so sehr an einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union interessiert sind, als etwa gegenwärtig unter Erdogan eine bedeutende Rolle an diesem Schlüsselpunkt des Bosporus zwischen Schwarzem Meer und östlichem Mittelmeer spielen wollen. Inwieweit die Erinnerungen an das Osmanische Reich eine Rolle spielen mögen, sei dahingestellt.

Russland hat zentralasiatische Ambitionen

Der andere Spieler am Feld ist Russland, das mit seiner Zollunion zwischen Weißrussland und Kasachstan und der Russischen Föderation nicht nur versucht, die einstige Größe der Sowjetunion wieder einzufangen, sondern auch von sich aus eine Alternative anzubieten, was an Integration möglich ist. Es ist offensichtlich, dass diese Gemeinsamkeit nicht nur auf die drei Staaten beschränkt bleiben soll, sondern eine zentralasiatische Dimension hat.

Ist das eine Alternative für die Europäer? Dass es geregelte Verhältnisse, Beziehungen und Kooperationen in diesem Raum zwischen der Europäischen Union und allen Fans von Eurasien geben muss, ist außer Frage. Gefördert wird das zweifellos durch die Energieverbindungen, aber auch durch die globale Entwicklung. Die institutionelle Fantasie in diesem Bereich ist allerdings eher etwas schwach und einschlägige Instrumente fehlen. Rund um das Schwarze Meer ist seit geraumer Zeit die Black Sea Economic Cooperation (BSEC) tätig, die allerdings bislang relativ wenig Effektivität erweist. Spekulationen dieser Art wird es in der nächsten Zeit geben, inwieweit daraus auch Konstrukte entstehen, lässt sich gegenwärtig nicht abschätzen, weil natürlich auch der Arabische Frühling auf dem Weg ist, neue Wirklichkeiten zu schaffen. Wenn die Europäische Union zerfällt – alles andere als wünschenswert – können natürlich solche Konzepte an Zukunftskraft gewinnen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Andreas Umland, Reinhard Olt, Cem Özdemir.

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