Sündenbock Islam

von Ercan Karakoyun25.03.2015Gesellschaft & Kultur

Gerne werden die Muslime für den Antisemitismus in Deutschland verantwortlich gemacht. Das ist falsch und hilft niemandem weiter.

70 Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen. Noch immer müssen jüdische Einrichtungen und Synagogen bewacht werden. Sicherheitsvorkehrungen sind noch immer notwendig. Das hat vor allem einen Grund: Der Antisemitismus in Deutschland nimmt nicht ab, sondern zu. Laut den Zahlen der Amadeu-Antonio-Stiftung wurden 2013 in Deutschland 788 antisemitisch motivierte Straftaten registriert. 2014 hingegen waren es 864.

Das entspricht also einem Anstieg von etwa zehn Prozent. Zu den Vorfällen gehören Pöbeleien, E-Mails mit judenfeindlichen Inhalten, Hakenkreuz-Schmierereien und judenfeindliche Beiträge in Social-Media-Netzwerken. Zudem wurden 25 Gewalttaten sowie 128 Propagandadelikte registriert. Hinzu kommt, dass viele Straftaten nicht angezeigt werden, da es kaum Hoffnung auf Aufklärung gibt. Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, macht dafür vor allem die Muslime in Deutschland verantwortlich.

Laut Kriminalstatistik liegt er mit dieser Behauptung jedoch falsch. 95 Prozent der Straftaten stammen von Nicht-Muslimen. Von Muslimen geht also nicht mehr Gewalt aus als von Nicht-Muslimen. Der Antisemitismus ist und bleibt daher vor allem ein Problem der Mitte der Gesellschaft. Die Diskussion darüber findet nicht statt, da das Augenmerk auf die Muslime gelegt wird. Das ist fatal.

Islam und Antisemitismus sind nicht vereinbar

Eines muss in diesem Zusammenhang jedoch gesagt werden. Es gibt unter muslimischen Jugendlichen häufig antisemitische Diskurse, die nicht hinnehmbar sind. Und nicht nur dort. Wer sich derzeit die Berichterstattung der regierungsnahen türkischen Medien anschaut, wird die Juden und den Westen als Strippenzieher der Unruhen in der Türkei finden. Hinzu kommt, dass in einigen Moscheen nicht differenziert genug mit dem Thema umgegangen wird. Häufig ist hier noch immer von „dem Juden“ die Rede.

Der Islam lehnt jegliche Form von Rassismus, Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung ab. Aufgrund dieser Tatsache sollten auch Muslime den Anfängen wehren. Ein selbstkritischer und reflektierter Umgang mit dieser Problematik ist erforderlich. Dabei sollte in diesem Zusammenhang unterstrichen werden, dass nicht der Islam, sondern, auch wenn nicht mehr oder weniger als Nicht-Muslime, die Muslime ein Antisemitismusproblem haben. Denn theologisch gesehen ist Antisemitismus nicht mit dem Islam in Vereinbarkeit zu bringen.

Ein Blick auf die Projekte, die von der muslimisch-motivierten sozialen Hizmet-Bewegung (Gülen-Bewegung) initiiert werden, zeigt, dass es eine Vielzahl an Aktivitäten gibt, die der Entstehung von Antisemitismus vorbeugen und so einen wichtigen Beitrag zu Respekt und Akzeptanz leisten. Auch Fethullah Gülen, der Mentor der Bewegung, hatte sich in der Türkei im muslimisch-jüdischen Dialog engagiert. In diesem Zusammenhang traf er 1998 den sephardischen Oberrabbiner Israels Eliyahu Bakshi-Doron und auch den türkischen Oberrabbiner Ishak Haleva. Diese Begegnungen führten dazu, dass sich Gülens Meinung gegenüber Juden deutlich änderte. Während seine Meinung in den 70er Jahren in erster Linie die Ansichten widerspiegelte, die durch die zentralistischen türkischen Medien sowie das autoritäre Bildungssystem vorgegeben wurden, gewann er durch diese Begegnungen wichtige neue Einsichten.

Monokausale Schuldzuweisung führt ins Leere

Die Vereine, die sich in Deutschland auf den Prediger Fethullah Gülen berufen, widerlegen die zweite Behauptung, dass Muslime nichts gegen die Entstehung von Antisemitismus unternehmen würden. Die Gesellschaft für Dialog in Baden-Württemberg beispielsweise veranstaltete im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen Stuttgart in Zusammenarbeit mit der Stiftung Stuttgarter Lehrhaus und dem Jüdischen Museum Istanbul die Ausstellung „Im Schatten der Feigenbäume und Weinreben – 500 Jahre Sephardisches Judentum am Bosporus“. Die Wanderausstellung war in vielen Großstädten Deutschlands zu sehen. Mit dem jährlichen Abrahamitischen Symposium versucht die Gesellschaft für Dialog Baden-Württemberg gemeinsam mit Juden, Christen und Muslimen Lösungen für gesamtgesellschaftliche Probleme zu entwickeln. Eine Vielzahl an interreligiösen, jüdisch-muslimischen Gesprächskreisen, Seminaren und Studienreisen schaffen weitere Möglichkeiten für Begegnung, Austausch und Diskussion.

Rassismus, Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus und auch Islamfeindlichkeit sind große Herausforderungen unserer Gesellschaft. Nicht monokausale Schuldzuweisungen, sondern eine Zusammenarbeit von Religionen und Politik insgesamt ist erforderlich. Erwachsene und Jugendliche müssen eingebunden werden. Vor allem in den Schulen muss eine effektivere Bildungsarbeit geleistet werden.

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