Da muss man kein Mathematiker sein, da reicht Volksschule Sauerland, um zu wissen: Wir müssen irgendetwas machen. Franz Müntefering

Mund auf, bevor es brennt

Die deutschen Medien haben einen Anteil an den Demonstrationen gegen Ausländer, Flüchtlinge und Islam. Der Blick auf die Schlagzeilen zeigt, woher PEDIDA und die HOGESA ihre Argumente haben.

Seit Tagen gibt es in unterschiedlichen deutschen Städten Kundgebungen gegen die Islamisierung des Abendlandes. Allein in Dresden nahmen zuletzt etwa 10.000 Islamgegner an Kundgebungen teil. Zuletzt auch in Städten des Ruhrgebiets, aber auch in Würzburg, Kassel und München gehen die „Patritiotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA) auf die Straßen.

Der Aufschrei in der Politik ist groß. Justizminister Heiko Maas forderte sogar ein All-Parteien-Bündnis gegen die PEGIDA ein. Man dürfe nicht schweigen und zulassen, dass eine ausländerfeindliche Stimmung gemacht werde. Ralf Jäger, der Innenminister Nordrhein-Westfalens, der derzeit auch Vorsitzender der Innenministerkonferenz ist, sprach von einem schüren von Ängsten mit ausländerfeindlicher Hetze und islamfeindlicher Agitation.

Warum der Aufschrei nun plötzlich so groß ist kann ich allerdings nicht wirklich nachvollziehen. Seit vielen Jahren dominieren islam-, ausländer und flüchtlingsfeindliche Berichterstattungen die deutsche Medienlandschaft. Allein ein Blick auf die Spiegel-Titelstories der letzten 25 Jahre zeigt, woher PEDIDA und die HOGESA ihre Argumente haben.

Die Parolen, Schilder und Titelstories

Als Anfang der 90er-Jahre die Flüchtlingswellen aus dem Balkan in Deutschland ankamen, titelte der Spiegel auf Heft 37/1991: „Flüchtlinge, Aussiedler, Asylanten, Ansturm der Armen“. Heft 15/1992 titelte: „ASYL, Politiker versagen“. Wenige Monate später erneut, in Heft 31/1992, eine Titelstory über die Flüchtlinge, die vor Krieg und Gewalt flohen: „Ansturm vom Balkan, wer nimmt die Flüchtlinge?“

Wenige Wochen später kam es zu Brandanschlägen in Mölln und Solingen sowie zu vielen weiteren rechtsextremen Gewalttaten. Die Jahre 1991 und 1992 forderten insgesamt 35 Opfer. In Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen kam es zu progromähnlichen Ereignissen, bei denen Flüchtlinge unter dem Beifall von Anwohnern aus ihren Unterkünften vertrieben und mit Steinen beworfen wurden.

Warum fragt sich keiner, ob es einen Zusammenhang zwischen den Titelstories und der negativen Stimmung in der Bevölkerung gibt?

Auch in den letzten 10 Jahren titelt der „Spiegel“ ähnlich. „Mekka Deutschland, die stille Islamisierung“, „Der Koran, das mächtigste Buch der Welt“, oder „Das Staatsversagen, warum Deutschland an der Integration scheiterte“. Die Parolen und die Schilder, die die PEGIDA Leute in den Händen halten und die „Spiegel“-Titel sagen das gleiche. Sie sprechen von einer Islamisierung, von einer gefährlichen Religion oder von armen Asylanten, die uns arm machen werden.

Es wird undifferenziert und verantwortungslos berichtet

Seit 1989 gab es in Deutschland laut Amedeo Antonio Stiftung 183 Todesopfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt. Rassismus, Islamfeindlichkeit und Antisemitismus sind weit verbreitet und kein Randproblem, sondern eines der Mitte der Gesellschaft.

Warum ist der Aufschrei in der Politik und bei den Meinungsmachern erst dann da, wenn es brennt oder wenn Menschen mit Parolen, die sie in Deutschlands Medien tagtäglich nachlesen können, auf die Straße gehen? Auf staatlicher Seite wurde als Reaktion auf die Anschläge in den 1990er-Jahren viel unternommen. Es gab diverse staatliche und zivilgesellschaftliche Initiativen gegen Rassismus. Es wurden zahlreiche Förderprogramme zur Förderung des zivilen Engagements gegen Fremdenhass geschaffen. Es entstanden lokale Bürgerbündnisse. Man versuchte mit allen Mitteln, der Gewalt von Rechts ein Ende zu machen, schaffte es aber nicht.

Derweil wird in den deutschen Medien weiter undifferenziert und verantwortungslos über Muslime, Flüchtlinge, Sinti und Roma und viele andere Minderheiten in Deutschland geschrieben und berichtet. Der Krieg in Syrien geht weiter, es werden wieder mehr Flüchtlinge bei uns Zuflucht suchen.

Hoffentlich muss es nicht erst brennen, damit Politik und insbesondere Medien sich differenzierter zu diesen Themen äußern.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Boris Palmer, Herbert Ammon, Dokumentation - Texte im Original.

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