Auf Worte müssen nun Taten folgen

von Ercan Karakoyun26.11.2014Gesellschaft & Kultur

Das junge Muslime aus Deutschland sich dem IS anschließen bestätigt vor allem eins: Die Muslimischen Verbände müssen mehr Verantwortung übernehmen und verhindern, dass das passiert.

Laut Verfassungsschutz sollen etwa 7.000 radikalisierte Islamisten in Deutschland leben. Um sich Kampfverbänden wie dem „Islamischen Staat“ anzuschließen, seien bereits 550 Islamisten, die Hälfte von ihnen deutsche Staatsbürger, ausgewandert. Viele dieser jungen Menschen sind in Deutschland aufgewachsen, haben hier die Schule besucht und studierten sogar an einer Universität. Es sind junge Menschen, die hierzulande tagtäglich oder zumindest wöchentlich in den Moscheen beten gehen und die teil unserer Nachbarschaft sind. Wir stehen im Kontakt mit ihren Familien und wir sprechen die gleiche Sprache.

Es ist nicht hinnehmbar, dass es auch nur einen Menschen gibt, der sich der IS anschließt. Natürlich ist allen friedlichen Muslimen klar, dass der Terror des IS nichts mit dem Islam zu tun hat. Terror ist in keiner Weise mit der Lehre des Islams vereinbar. Die Grausamkeiten, die Menschen im Namen des Islams begehen, ganz gleich mit welchem Ziel das auch geschehen mag und in welcher Form sie ausgeführt werden, können in gar keinem Fall eine gottgefällige und von Gott gebilligte Tat sein. Terror und Gewalt können nicht mit dem Islam im Einklang stehen. In Wahrheit sind es Morde gegen die Religion. Ohne zu zögern kann gesagt werden, dass diese Menschen nicht ins Paradies, sondern mitten in die Hölle gelangen werden.

Aufforderung, Mitverantwortung zu übernehmen

Das ist allerdings nur die eine Seite der Wahrheit. Die andere Seite ist, dass die Islamisten, die erschreckender Weise hierzulande sozialisiert wurden, sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun haben: Sie bezeichnen sich als Muslime und berufen sich auf den Koran und die Sunna. Sie gehen in die Moscheen derer, die sagen, dass diese Taten nichts mit dem Islam zu tun haben.

Dass in Deutschland intensiv darüber debattiert wird, wie man mit diesem Problem umzugehen hat, zeigt, dass das Problem kein Problem des nahen Ostens, sondern ein deutsches Problem ist. Und dass es junge Muslime sind, sollte klar machen, dass es auch ein Problem der Muslime hierzulande ist. Die Verbände sollten die Debatte über die Rolle des Islam daher nicht als einen Angriff auf die Religion werten, sondern als eine Aufforderung, Mitverantwortung zu übernehmen.

Während auf politischer Ebene intensiv darüber diskutiert wird, ob diese Kriegsbegeisterten Wilden an der Ausreise gehindert werden oder ob sie ausgewiesen werden sollten, dürfen sich die Akteure, die am Wirkungsvollsten etwas leisten könnten, da sie den Kontakt zu den gläubigen Muslimen haben, nicht zurückhalten: Die muslimischen Verbände.

Es ist natürlich zu begrüßen, wenn sich die muslimischen Verbände von Terror und Extremismus distanzieren. Das haben sie getan und das ist wichtig. Das ist aber keineswegs ausreichend. Nun müssen den Worten Taten folgen.

Jeder Mensch ist zunächst ein Mensch

Die Verbände könnten in den Moscheen häufiger auf den Dialog der Religionen eingehen, sie könnten Toleranz predigen, sie könnten die Gräueltaten der IS verurteilen, sie könnten ihre Gemeinde zu guter Nachbarschaft mit andersgläubigen motivieren. In den Predigten muss vor allem eins an die Menschen gebracht werden: Der Respekt dem anderen gegenüber. „Der wahre Gläubige ist jener Mensch, vor dessen Händen und Zunge die Menschen sicher sind“, sagte der Prophet Muhammet. Jeder Mensch ist zunächst ein Mensch, und der Mensch ist Gottes ausgezeichnetes Werk, und er ist wert, ihn zu respektieren. Das gilt es authentisch zu vermitteln.

Der richtige Ort hierfür ist nicht das Bundespressehaus, sondern die Kanzel in der Moschee. Nicht die Funktionäre der Verbände sollen das ansprechen, sondern die Imame in den Moscheen, Sie sollen nicht zu Journalisten sprechen, sondern zu den Jugendlichen und zu ihren Eltern in den Gemeinden. Das passiert leider kaum.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Deutschland investiert kaum noch und unsere Infrastruktur wird marode

Die schwarze Null und die Schuldenbremse sind einer der Götzen neoliberaler Politik. Seit einem Jahrzehnt weisen wir auf die verheerende Wirkung dieser Politik hin: unsere Schulen und Straßen sind in schlechtem Zustand, Schwimmbäder und Bibliotheken schließen, Brücken und Bahnhöfe verfallen. D

Auf welchem Stern lebt Peter Altmaier?

Ich frage mich wirklich, auf welchem Stern unser Wirtschaftsminister lebt, um einen solchen Unfug abzusondern. Aber es ist die typische Haltung von Regierenden im Raumschiff Berlin, fernab von der Lebenswirklichkeit, nichts mit den Menschen vor Ort im Sinn, überheblich und unverbesserlich.

Mobile Sliding Menu