Gesetzestreue

Ercan Karakoyun4.09.2014Gesellschaft & Kultur, Politik

Muslime hierzulande müssen stolz auf Deutschland sein. Allerdings nicht auf die Pseudo-Leitkultur, sondern auf etwas ganz anderes.

Der WM-Sieg der Fußball-Nationalmannschaft färbte die deutschen Innenstädte von München bis Hamburg schwarz-rot-gold ein. Als Götze, Schweinsteiger und Co. den Pokal in den Händen hielten, war dies für Millionen von Menschen mehr als nur ein sportlicher Meilenstein. Deutschland war stolz auf „seine Jungs“ und auf sich als Land. So viel Patriotismus, so viel Begeisterung für die eigene Nation war selten.

Doch wie sieht es mit Menschen aus, die hier aufgewachsen sind, aber noch andere kulturelle Wurzeln mitbringen? Können in Deutschland lebende Muslime legitim Patrioten sein? Ja, das ist möglich – und auch geboten.

Wir alle, die in Deutschland leben, sind dieses Land und fühlen uns mit ihm verbunden. Nach dem WM-Titelgewinn zeigte „der Spiegel“ auf seinem Titelbild unter anderem eine Frau im schwarz-rot-goldenen Schleier – völlig zu Recht. Denn die Bunderepublik ist ein Land der Vielfalt. Wir alle bilden eine Gemeinschaft.

Doch was vereint uns Deutsche unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft und politischen Überzeugungen, wenn große Momente des sportlichen Erfolgs verflogen sind?

Niemand muss sich einer Leitkultur unterwerfen

Es gibt tatsächlich eine Gemeinsamkeit, und auf die können und müssen sich in Deutschland lebende Muslime berufen. Das geht ohne, dass sie dabei den Teil ihrer Identität zu vernachlässigen, der durch ihre religiöse Überzeugung definiert ist.

Die kontroversen Debatten der vergangenen Jahre zeigen: Die gemeinsame Verbindung ist keine Leitkultur, der ein Einzelner seine Identität unterwerfen muss. Schon alleine, weil kaum zu definieren ist, was genau dazu gehört. Fragt man Menschen in Bayern und in Hamburg, kann man durchaus sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage nach der Leitkultur erhalten.

Die Lösung liefert vielmehr der so genannte Verfassungspatriotismus. Dieses Verständnis von Patriotismus entstand in der kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte und als Antwort auf die Entwicklungen, die Europa vor Jahrzehnten in den Zweiten Weltkrieg führten.Denker wie Jürgen Habermas und Dolf Sternberger verweisen mit dem Konzept des Verfassungspatriotismus auf eine Basis unserer Gemeinschaft, definiert durch die geteilten Werte und Normen. Allen voran sind das solche fundamentalen Werte wie Demokratie, Meinungsfreiheit und Gleichheit.

Die Staatszugehörigkeit basiert demnach auf den Prinzipien unseres Grundgesetzes und nicht auf Aspekten wie Abstammungs- und Sprachgemeinschaften. Ein sehr bedenkenswerter Ansatz, der vieles ermöglicht.

Das Grundgesetz hat in Deutschland sehr viel geleistet. Der Schriftsteller Navid Kermani brachte das jüngst hervorragend zum Ausdruck. In seiner Festrede im Bundestag anlässlich der Feierstunde „65 Jahre Grundgesetz“ formulierte er, dass es dem Grundgesetz gelungen sei, Wirklichkeit zu schaffen, allein durch die Macht des Wortes. Heute leben wir dank dem Grundgesetz in einem Land, in dem Meinungsvielfalt gewünscht, politischer Streit in der Sache gefördert und selbst Kritik am Staat jederzeit möglich ist – sogar von einem Muslim in einer Festrede vor dem Bundestag.

Muslime müssen sich für das Grundgesetz begeistern

In der deutsch-türkischen Gemeinschaft fehlt für das Konzept des Verfassungspatriotismus zumeist noch das Verständnis. Und das, obwohl es wie kein anderes staatsbürgerliches Konzept Vielfalt lebt und Gemeinsamkeit betont, womit im Umkehrschluss auch eine Akzeptanz für die eigene Identität verbunden ist.

Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit gelten für alle Bürger gleichermaßen und zwar unabhängig von ihrem Glauben. Es sind Werte wie diese, die es uns Muslimen erst möglich machen, so zu leben, wie wir es für richtig halten. Und zwar ohne Repressionen oder Unterdrückung durch eine Gesellschaft fürchten zu müssen.

Es gilt, alle muslimischen Mitbürger für die Bedeutung des Grundgesetzes und die Grundrechte zu begeistern und die Werte nicht nur aktiv zu leben, sondern auch aktiv zu vermitteln. Nur so entsteht bei den Einzelnen ein Bewusstsein für die Verantwortung an einer Mitgestaltung eines friedlichen Zusammenlebens in einer demokratischen Gesellschaft. Eines ist sicher: Je besser wir unsere Verfassung kennen, desto mehr werden wir sie lieben.

Leider wird in Patriotismus-Debatten oft ein skeptischer Blick auf Menschen mit Migrationshintergrund geworfen. „Teilen sie die in Deutschland allgemein anerkannten Werte?“ wird vielfach zweifelnd gefragt. Es ist auch unsere Aufgabe als Muslime in Deutschland solchen Vorwürfen offen zu begegnen.

Klar ist: Deutschland braucht keine unendliche und unfruchtbare Diskussion über deutsche Leitkultur, sondern ein gemeinsames Bekenntnis zu dem, was uns wirklich vereint. Besinnen wir uns auf das, was unserem Staat zugrunde liegt. Also, liebe muslimische Freunde: Seid Verfassungspatrioten!

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