Wird Mexiko das neue China?

von Enrique Krauze Kleinbort6.10.2016Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Lateinamerika war im Wesentlichen ein Zweig von Spanien. Unsere ExzentrizitĂ€t ist in unserer Geschichte – wir haben eine spanische Herrschaft – 13 Könige, die friedlich einander ablösten, von denen keiner je einen Fuß auf unser Land gesetzt hat.

*Herr Krauze, manche Analysten feiern Mexikos Aufstieg und sehen bereits einen China-artigen Boom am Horizont. Malen ein pessimistisches Bild von Mexiko. Warum?*

Als Historiker betrachte ich die Dinge in einer historischen Perspektive. Ich lebte durch die 1970er-Jahre, die 1980er- und die 1990er-Jahre und begann in einer Zeit zu schreiben, als Mexiko komplett vom Staat abhĂ€ngig war – und der Staat enorm von Öl. In den 1980er-Jahren begannen wir, die mexikanische Wirtschaft mit Freihandelsabkommen und anderen Maßnahmen zu öffnen. Heute ist die mexikanische Wirtschaft eine der offensten, die es gibt. Es ist erstaunlich, verschiedenen Aspekte von Mexiko beim Gedeihen zuzusehen; die Energie heutzutage ist bemerkenswert. Es gibt eine Dynamik, die niemand vor 30 Jahren hĂ€tte erwarten können. Aber trotzdem haben wir gravierende Probleme. Allem voran bewegen wir Dinge nicht schnell genug. Viele Branchen sind immer noch von den USA abhĂ€ngig; Rimessen sind nach wie vor sehr wichtig fĂŒr unsere Wirtschaft. Die Wirtschaft wĂ€chst um rund 2,5 Prozent, was bei weitem nicht genug ist fĂŒr das, was dieses Land braucht. Hinzu kommt, dass der informelle Sektor immer noch riesig ist. Aber meines Erachtens ist Mexiko derzeit auf diesen informellen Sektor angewiesen, trotz allem, was grundlegende ökonomische Theorien
sagen. Und dann haben wir natĂŒrlich noch das Problem mit Drogen und GeldwĂ€sche.

*In Europa und Amerika gedeiht die Mittelschicht als ein Produkt der wirtschaftlichen Entwicklung. In beiden FĂ€llen hat es jedoch gleichzeitig die Staatsverschuldung angekurbelt – wir haben das zum Beispiel in der Eurokrise erfahren. Hat Mexiko dasselbe Problem? Gibt es eine aufstrebende Mittelschicht?*

Ja, es gibt sie. Es ist keine Mittelschicht im Vergleich zu der europĂ€ischen oder amerikanischen. Die typische mexikanische Mittelklasse besitzt ein Haus, hat einen KĂŒhlschrank, Pay-TV und so weiter. Die Staatsverschuldung gibt zurzeit keinen Grund zur Sorge, unsere Inflation liegt bei 2 Prozent, was gesund ist; wegen niedriger Ölpreise hat der Peso an Wert verloren, aber die Inflationsrate ist gleich geblieben. Vor 30 Jahren war Mexiko eine besondere Diktatur, und erst vor 16 Jahren gab es einen – friedlichen – Übergang zur Demokratie. Ja, es gibt eine aufstrebende Mittelschicht, die sich zum Beispiel in der Zunahme der Frauen im privaten Sektor und in der Politik beweist, ein typischer Indikator fĂŒr die soziale Entwicklung eines Landes. Es hilft nicht, dass die internationale Presse meines Erachtens Mexiko sehr hart behandelt – es gibt keine Anerkennung der Fortschritte des Landes, besonders in Bezug auf die Förderung und StĂ€rkung der wirtschaftlichen Entwicklung und das Etablieren eines Mehrparteiensystems unmittelbar nach einer Diktatur. Es gibt nicht viele LĂ€nder, die dies geschafft haben.

*Sie reden zudem ĂŒber die jĂŒngere Generation, die nicht unbedingt diese Not der 1970er-Jahre-Generation erfahren hat. Es gab neue Forschungsergebnisse von Harvard-Wissenschaftlern, die besagen, dass je jĂŒnger der Befragte war, desto weniger konnte er die Vorteile einer liberalen Demokratie schĂ€tzen; mittlerweile ist es einfach selbstverstĂ€ndlich. Wie schaut die Spaltung der Generationen in Mexiko aus?*

Das ist hier genauso, aber ich glaube, das ist unvermeidbar. Ich kann ihnen nicht vorwerfen, dass sie sich an einen Lebensstil anpassen, der ihnen eine Generation voraus war. Die jĂŒngere Generation, die mexikanischen Millennials wollen unsere Demokratie nicht zerstören – was natĂŒrlich gut ist. Wir dĂŒrfen uns wirklich nicht beschweren – es ist gut, dass hiesige Millennials nicht danach streben, RevolutionĂ€re zu sein. Niemand zwischen 18 und 30 lĂ€uft mehr in den Wald und kĂ€mpft im Guerillastil gegen die Regierung – so, wie es vor 30 Jahren noch der Fall war. Allerdings ist der Wachstumsprozess von Mexiko bei weitem noch nicht fertig. Die Menschen sind mit der aktuellen Situation unzufrieden. Gewalt, Korruption und andere Verletzungen beschmutzen unsere Demokratie noch immer. Dazu kommt, dass wir andere Probleme haben als EuropĂ€er. Hier gibt es kein Migrationsproblem oder religiöse Probleme; es gibt keine Rassenprobleme, wie es sie in Amerika gibt. Das grĂ¶ĂŸte Problem, das wir hier haben, sind Verbrechen und unsere UnfĂ€higkeit, sie zu bekĂ€mpfen. Dies, und Korruption, ist das, was sich dem Wuchs dieses Landes in den Weg stellt, aber es konfrontiert uns auch mit einem spannenden Prozess: Wie fĂŒhrt man in einer modernen Gesellschaft Gesetze ein?

*Wie beeinflusst es Mexiko, dass es zwischen den Vereinigten Staaten und den anderen lateinamerikanischen LĂ€ndern liegt? Geben die Geografie und die gemeinsame Sprache dem Land irgendeinen Vorteil gegenĂŒber den USA in Bezug auf Handelsbeziehungen?*

Ich denke, Mexiko konzentriert sich kontinuierlich darauf, Handelsbeziehungen mit den Vereinigten Staaten zu verbessern – und das wird auch weiterhin gehen, vorausgesetzt Trump gewinnt die Wahl nicht. Im Vergleich zu Amerika, und ich wiederhole dies, weil es immens wichtig ist, Folgendes zu verstehen – Mexiko ist ein kulturell homogenes Land, das nicht Probleme des Rassismus, der Religionskriege oder Migration hat. Lateinamerika kooperiert nicht und handelt nicht genug untereinander. Heute hilft uns das Internet zwar zusammenzukommen, aber zwei Probleme bleiben: Erstens ziehen die LĂ€nder nicht wirtschaftlichen Vorteil aus ihrer geografischen NĂ€he, die zum zweiten Problem fĂŒhrt, nĂ€mlich, dass Lateinamerika in einem viel tieferen Chaos steckt als Mexiko. Alle populistischen Bewegungen dort unten scheitern derzeit, und es wird eine Verschiebung in der Politik geben. Aber das unterschiedliche Wirtschaftswachstum unter lateinamerikanischen LĂ€ndern – zum Beispiel wenn man Costa Rica und Bolivien vergleicht – ist zu unterschiedlich, als dass es fĂŒr Mexiko sinnvoll wĂ€re, Lateinamerika als eine gemeinsame Handelseinheit zu sehen.

*Und was ist mit Spanien und Europa? Bieten diese eine bessere Trading-Gelegenheit fĂŒr die mexikanische Wirtschaft?*

Leider sind wir – geografisch gesehen – sehr weit von Europa entfernt. Historisch gesehen hat Mexiko eine Art LiebesaffĂ€re mit Frankreich. Und natĂŒrlich, Sie erwĂ€hnten es, ist Mexiko Spanien sehr Ă€hnlich. Ich persönlich hĂ€tte gerne das spanische Justizsystem oder die spanische Polizei und deren Institutionen. Sagen Sie, was Sie wollen, Spanien steckt wirtschaftlich zwar in Schwierigkeiten, aber seine Institutionen haben es geschafft, ihre Kraft unabhĂ€ngig vom Staat zu behalten. Es sind die bĂŒrgerlichen Prozesse, die ich beneide.

*Gibt es einen europÀischen Einfluss auch in der politischen Kultur?*

Das ist eine ganz wichtige Frage, die meiner Meinung nach historisch vernachlĂ€ssigt wird. Der Mann, der diese am meisten untersuchte, war Richard Morse, ein Forscher iberoamerikanischer politischer Kultur. Er zeigte, dass die Kultur eines Landes tief in einem neoscholastischen Paradigma der Macht verwurzelt ist. Das ist etwas, was ich schon immer als wahr empfand. Die Art und Weise, in der wir hier oder in Europa die Macht wahrnehmen, ist anders als die amerikanische Interpretation von Macht. Drei Jahrhunderte der spanischen Herrschaft hier hinterließen etwas sehr Tiefes. Trotz Monarchie und Diktatur bewegen wir uns in Richtung Demokratie 


*… aber es gab auch eine emanzipatorische Bewegung von den Jesuiten, die den Bewegungen Europas sehr Ă€hnelt.*

Octavio Paz sagte einst einen wunderbareren Satz: „Lateinamerika ist ein exzentrischer Vorposten des Westens.“ Ich stimme zu. Unsere ExzentrizitĂ€t, in der das politische und kulturelle Erbe Spaniens zu sehen ist, ist das, was uns eigen macht. Jedoch auch, dass die ExzentrizitĂ€t zu einem gewissen Grad bedeutet, dass wir in Mexiko uns in einer anderen Phase der Demokratisierung befinden als alle anderen.

*ErzĂ€hlen Sie mir mehr ĂŒber die ExzentrizitĂ€t Mexikos – ich habe es im ganzen Land bemerkt, aber woher kommt es, und wird sich das in eine bestimmte Richtung entwickeln?*

Lateinamerika war im Wesentlichen ein Zweig von Spanien. Unsere ExzentrizitĂ€t ist in unserer Geschichte – wir haben eine spanische Herrschaft – 13 Könige, die friedlich einander ablösten, von denen keiner je einen Fuß auf unser Land gesetzt hat. Das, nebenbei bemerkt, ist ein interessanter Fall in Bezug auf die LegitimitĂ€t. Die Mexikaner leben nicht unter Repression; die spanische hat natĂŒrlich viel einheimische Bevölkerung ausgerottet, aber die Mehrheit der Mexikaner wurde in Mexiko unter spanischer Herrschaft aufgenommen. Der zweite Grund fĂŒr die ExzentrizitĂ€t liegt in den prĂ€kolonialen Kulturen, die kein westliches Land hat. Lateinamerika ist, historisch gesehen, ein Ort der Spannung. Die Vergangenheit ist immer noch tief verwurzelt – Kulturen, Gewohnheiten, Stammesrituale gibt es heute noch wie vor 400 Jahren. Aber die Menschen blicken auf die Zukunft und fĂŒhlen die volle Wirkung der Globalisierung und Digitalisierung. Wir mĂŒssen ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden finden, und das ist die wahre Herausforderung des Landes und des Kontinents.

*Wie kann man diese ExzentrizitĂ€t ausdrĂŒcken, um dem Westen als Vorbild zu dienen? Zurzeit haben wir in Europa eine alternde Bevölkerung, keine neuen ĂŒberzeugenden politischen oder wirtschaftlichen Ideen. Gibt es etwas, was wir von Mexiko lernen können?*

Morse, der Wissenschaftler, den ich bereits erwĂ€hnte, dachte, dass Lateinamerika – er schrieb in den 1970er- und 1980er-Jahren – eine Quelle kultureller Werte und Lebensweisen sei. Er nannte es conviviality. Es ist eine Lebensansicht, die zumeist ĂŒber Literatur, Musik und Kunst projiziert wird. Der alte Westen, auch die USA sollten sich das mal anschauen! Teilweise passiert dies schon in den USA, da dort viele Lateinamerikaner sind – die Einwanderer bringen diese Haltung mit, wenn sie sich in den Vereinigten Staaten niederlassen. Mal schauen, was in den nĂ€chsten zehn oder 20 Jahren passiert! Ich weiß nicht, ob dies auch in Europa der Fall ist, weil lateinamerikanische Migration sich vor allem auf Amerika konzentriert. Aber das ist ein tiefer liegendes Problem – wie dringen Kulturen in andere Regionen durch? In Mexiko sagen wir: UnfĂ€lle passieren nicht, aber sie passieren. Die USA sind ein echter Schmelztiegel der Kulturen. Lateinamerikanische Millennials spielen eine wichtige Rolle darin. Was den politischen Gedanken hinter der europĂ€ischen Idee angeht, kann ich nur eines sagen: Das Problem ist die Art und Weise, wie Europa „die anderen“ behandelt. Wir in Mexiko sehen, was in Europa geschieht, und denken uns, dass das Verhalten mancher LĂ€nder sehr seltsam ist.

Señor Krauze, vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch.

Das Interview fĂŒhrte Alexander Görlach.

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