Afghanistan - Eine Tragödie mit Ankündigung | The European

Nach 20 Jahren verfehlter Afghanistan-Politik: was jetzt?

Engin Eroglu29.08.2021Medien, Politik

Die Geschehnisse in Afghanistan, allen voran am Kabuler Flughafen halten die Weltöffentlichkeit in Atmen. Fast 20 Jahre nach der Intervention der USA und ihrer NATO Verbündeten in Afghanistan mit dem Ziel die Taliban zu entmachten, fiel das Land nun wieder unter die Kontrolle der islamistischen Terrorgruppe – und das innerhalb weniger Wochen. Seitdem überschlagen sich die Meldungen nahezu täglich und das Leid der afghanischen Bevölkerung hält an. Von Engin Eroglu.

Taliban fahren durch die Hauptstadt Kabul, Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Hamed Sarfarazi

Was sich in Afghanistan abspielt ist nicht anders zu bezeichnen als eine grausame Tragödie mit Ankündigung, die mit atemberaubenden Tempo und Ausmaß voranschreitet. Die Bilder von Menschen, die sich verzweifelt an startende Flugzeuge klammern, um den Taliban zu entkommen haben die Welt schockiert. Doch Schock, Mitgefühl und die unvermeidlichen Schuldzuweisungen reichen nicht aus. Zweifellos werden wir viel Zeit damit verbringen, herauszufinden, wer was zu welchem Zeitpunkt falsch gemacht hat. Gravierende Fehler wurden zweifelsohne begangen. Jetzt geht es aber vor allem darum, aus diesen Fehlern die entsprechenden Lehren zu ziehen, denn trotz unseres 20-jährigen Einsatzes wurde den Menschen vor Ort letztlich innerhalb weniger Wochen der Boden unter den Füßen weggezogen.

In diesem Prozess wird man unweigerlich mit unbequemen Wahrheiten konfrontiert werden. Auch nach zwei Jahrzehnten im Land konnten diejenigen, die in Afghanistan mit uns zusammengearbeitet haben nur schwerlich und in letzter Minute – wenn überhaupt – in Sicherheit gebracht werden. Zudem war ihre Evakuierung nur durch die amerikanische Unterstützung vor Ort überhaupt möglich. Das sind nur einige der unmittelbaren Kritikpunkte, die offensichtlich werden, wenn man sich mit dem Geschehen beschäftigt. Doch Afghanistan hat Auswirkungen auf zahlreiche Politikbereiche, sei es für Europa oder für Deutschland. Dafür muss man nur an unsere nationale und internationale Sicherheit, die Beziehungen zu den USA und anderen Staaten in der Region oder das Thema Migration denken. Es darf nicht sein, dass sich erst immer mit diesen Themen beschäftigt wird, wenn es (fast) schon zu spät ist etwas zu tun.

Auch wenn es nun wahrscheinlich noch schwieriger sein wird, unsere Bevölkerung in Europa und Deutschland vom Nutzen und der Legitimität militärischer Missionen zu überzeugen, so sind sie doch weiterhin unerlässlich. Zwar bedürfen sie eingehender Prüfung und Reflektion, in Zukunft muss aber sowohl die EU als auch Deutschland einen größeren Beitrag zu Krisenprävention und Friedenssicherung leisten. Sich auf die US-Regierung zu verlassen reicht nicht mehr aus. Das sollte uns nicht nur durch Afghanistan, sondern bereits mit Blick auf die vergangenen Jahre deutlich geworden sein. Zwar sind gute Beziehungen zu unserem wichtigen NATO-Partner immer noch unerlässlich, dennoch müssen wir ebenfalls in der Lage sein ohne die Unterstützung der USA handlungsfähig zu sein. Ansonsten bleibt die so oft angesprochene strategische Autonomie ein fernes Wunschziel.

Mit Blick auf Deutschland und die Bundeswehr müssen wir uns insbesondere darum bemühen unsere Missionen in Krisengebieten in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Über Afghanistan hatte man in der politischen und öffentlichen Debatte kaum noch etwas gehört bis die Taliban dann „plötzlich“ vor den Toren von Kabul standen. Dazu müssen künftige militärische Interventionen einen klar definierten und erreichbaren Zweck haben und unsere Soldat*innen mit den notwendigen Mitteln ausgestattet sein, um diesen zu erreichen. Dabei muss uns auch klar sein, dass wenn wir uns nicht gezielt dafür einsetzen Krisen außerhalb von Europa zu verhindern, unweigerlich auch immer mehr Krisenherde nach Europa getragen werden.

Als unmittelbare Konsequenz aus der verfehlten Afghanistan Politik müssen wir nun jedoch zuerst alles tun, um die afghanische Bevölkerung zu unterstützen. Denn im Moment ist nur eines wichtig: Leben zu retten. Humanitäre Hilfe für Geflüchtete durch die UN ist notwendig und anti-Terror Maßnahmen mit Verbündeten müssen ausgehandelt werden. Mit der erneuten Taliban Herrschaft werden so wie es aussieht auch wieder die gewaltsame Unterdrückung von Frauen, Mädchen und Minderheitsgruppen einhergehen. Deutschland, die EU und die NATO haben zu spät gehandelt, nun gilt es weiteres Blutvergießen in Afghanistan zu verhindern, und zu zeigen, dass die Welt das afghanische Volk nicht kollektiv im Stich gelassen hat.

 

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