Des Schahs neue Kleider

von Emin Milli25.05.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Lage in Aserbaidschan ähnelt der im Iran der 1970er-Jahre. Auch der damalige Schah rechnete nicht damit, dass seine Propaganda schnell durchschaut werden würde. Zeit also, dass sich der Westen für mehr als nur das Öl Aserbaidschans interessiert.

Der Eurovision Song Contest (ESC) ist ein Glücksfall für Aserbaidschan – auch wenn er schätzungsweise schon 700 Millionen Dollar gekostet hat. Dass unserem Land mehr Aufmerksamkeit geschenkt würde, war mir nach dem Sieg von Ell&Nikki im vergangenen Jahr klar. Aber niemand hat mit diesem Ausmaß an Aufmerksamkeit gerechnet. Demnach halte ich es für die moralische Pflicht der ESC-Teilnehmer, an die politischen Gefangenen im Land zu denken und in der Live-Show, die von mehr als 125 Millionen Menschen gesehen werden wird, deren Freilassung zu fordern. Ich weiß, dass die Sänger deswegen disqualifiziert werden können, aber eine einzige mutige Aktion würde ausreichen, um diesen ESC zum bedeutungsvollsten Ereignis in der europäischen Musikgeschichte zu machen.

Aserbaidschan ähnelt dem Iran der 1970er-Jahre

Bislang hatte sich das Ausland eigentlich nur für Aserbaidschan interessiert, wenn es um Öl oder Gas ging. Entsprechend überrascht ist die Regierung und sie weiß nicht, wie sie mit diesem Interesse umgehen soll. Das zeigt sich in den Reaktionen auf die Berichterstattung über Aserbaidschan in den deutschen Medien: Kein anderes Land hat Aserbaidschan so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie Deutschland. Als Gegenreaktion liefen im aserbaidschanischen Fernsehen Reportagen über Drogenabhängige, Prostituierte und Arbeitslose in Deutschland. Und über die korrupte Regierung. Beweis? Der zurückgetretene Bundespräsident. Diese Berichte wurden online zum Renner, alle haben darüber gelacht. Ich hoffe sehr, dass das Interesse nach dem ESC nicht einfach endet. Aber ich bin eigentlich ganz zuversichtlich. Mich erinnert der offizielle Diskurs in Aserbaidschan ein wenig an den des iranischen Schahs in den 1970er-Jahren. Er hat damals versucht, sich und sein Land als modern zu präsentieren. Aber dann fingen Organisationen wie Amnesty International und internationale Medien an, darüber zu berichten, was in Iran tatsächlich passiert – und dann hat sich vieles geändert. Leider ist die Entwicklung in die falsche Richtung gegangen, aber trotzdem hatte diese Aufmerksamkeit eine ganz große Wirkung. Die Lage in Aserbaidschan ist ähnlich. Das Öl hat dem Land viel Reichtum gebracht. Die Regierung investiert verstärkt im Ausland, und bemüht sich um eine engere Zusammenarbeit. Seit Oktober 2011 ist Aserbaidschan Mitglied im UN-Sicherheitsrat. Immer mehr Menschen haben das Land auf dem Schirm. Das schafft natürlich Interesse. Internationale Medien beginnen, die Politik des Regimes zu hinterfragen.

Stabilität statt Freiheit

Die Argumentation der Regierung verliert immer mehr an Legitimität. Bislang waren ihre größten Trümpfe das hohe Wirtschaftswachstum und die Wiederherstellung von Stabilität in den Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion. Den meisten Menschen geht es heute auch tatsächlich besser als noch vor 20 Jahren, aber der Preis für die Stabilität war ein Verzicht auf Freiheiten und Rechte. Der Öl-Reichtum ist nicht gleich verteilt worden. Unter den reichsten Menschen der Welt findet man heute auch Oligarchen aus Aserbaidschan. Ich werde im September nach Baku zurückkehren und natürlich habe ich Angst, wieder verhaftet zu werden. Ich fände es aber nicht richtig, in Deutschland oder England Asyl zu beantragen. Ich bin kein besonderer Nationalist, aber das Land, in dem ich geboren bin, liegt mir sehr am Herzen. Ich möchte kein Held sein, sondern einfach ein ganz normales Leben führen. Und was kann man Besseres tun, als zu versuchen, in seinem Land zu einer freieren Gesellschaft beizutragen? Der ESC könnte die Gelegenheit sein, Musik zu einem wirklich mächtigen und sinnvollen Instrument für den Wandel in Aserbaidschan zu machen.

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