Wir verkörpern eine Botschaft, die nicht jedem gefällt: Niemand steht über dem Gesetz. Hans-Peter Kaul

Fürsten bitte, aber demokratische!

Die Erwartungen, die wir Bürger an Politiker haben, sind oftmals überzogen – auch deshalb straucheln so viele. Wir müssen begreifen, dass Politik nicht die Sache von Profis, sondern von uns allen ist.

In den modernen Demokratien wird politische Kompetenz als eine besondere Qualifikation zur Amtsausübung gehandelt, die politische Laien – also Wahlbürgerinnen und Wahlbürger – den professionell tätigen Politikern abverlangen. Sie gilt als ein berufsspezifisches Attribut. Der politische Amtsträger soll ein fachlich einschlägig ausgebildeter, sachlich erfahrener, in seiner Persönlichkeit gefestigter und in seiner Erscheinung charismatischer Profi sein, der als gewählte Amtsperson in der politischen Sphäre kompetent für uns die politischen Entscheidungen trifft und sie medial ansprechend vermittelt.

Das erinnert an das überkommene Ideal der absoluten Fürstenherrschaft: Der entrückte und patriarchalische Monarch führt die politischen Geschäfte „souverän“ im Sinne der Erhabenheit gegenüber dem Volk, dessen Wohl er aber gleichzeitig befördert. Wir Bürgerinnen und Bürger hungern nach kompetenter politischer Stellvertretung, überfordern damit aber die Personen, die wir ins verantwortungsvolle politische Amt wählen. Die Messlatte der Erwartungen an die Professionalität der führenden Politikerinnen und Politiker liegt hoch, dementsprechend leicht ist es, sie schon bei geringer Abweichung vom gängigen Kompetenzprofil zu zerreißen. Fast unablässig erleben wir deshalb politische Skandale, die mit Rücktritten von führenden Politikern enden.

Politik ist kein Unternehmertum

Eklatante Missverständnisse von der Politik im Allgemeinen und vom politischen Amt im Besonderen haben sich auf Seiten des Wahlvolks wie der Amtsträger eingeschlichen. Zweifelsohne benötigt auch die Politik die geschulten und versierten Profis. Das Siegel „professioneller Eignung“ muss an eine ressortspezifische Qualifikationsauslese gebunden werden. Aufstiegswege in der Politik benötigen die Standardisierung, Parteien und politische Apparate müssen die Entwicklung und das Wirken der politischen Persönlichkeit kompetenzorientiert flankieren. Politiker müssen ihre Politik auch medienwirksam darstellen können.

Aber die Politik ist kein hierarchisch gegliedertes Unternehmen des produzierenden Gewerbes, sondern der alle Bürgerinnen und Bürger einschließende Raum der kollektiven Lebensbewältigung. Alle Mitglieder eines solchen Kollektivs sind Teilhaber der Politik und müssen dementsprechend in der politischen Sphäre sichtbar werden – als Wahlvolk, als unmittelbar Partizipierende, als Kontrolleure des Geschehens und als grundsätzliche Mitgestalter dieses öffentlichen Raums. Diese Teilhabe ist der Kern politischer Kompetenz. Sie teilt sich nicht zwischen dem unbedarften Laien und dem kundigen Profi, sondern ist ein öffentliches Gut, auf das alle Anspruch haben.

Einer strauchelt nach dem anderen

Das schlechte Bild, das die Berufspolitiker vielfach abgeben, resultiert also aus einer überzogenen öffentlichen Erwartung an eine geradezu sozialtechnologische Steuerungskompetenz des politischen Profis, der als alleiniger Experte der Politik das Tagesgeschäft nach dem Muster eines Geschäftsführers bewältigt. Diese Erwartungen spiegelt der Profi fatalerweise an die Bürgerinnen und Bürger zurück, durch demonstrative Entscheidungsfreude, durch zur Schau gestellte Führungsqualität, durch theatralische Gewandtheit in der medialen Darstellung der Politik.

Kaum einer aber kann dieser in das Gewand von Professionalität getauchten Selbst- und Fremdüberforderung auf Dauer genügen, und so strauchelt einer nach dem anderen. Überhöhte eigene und unerfüllbare zugeschriebene Erwartungshaltungen sowie die prompt folgende, bodenlose Enttäuschung seitens der Öffentlichkeit über das amtierende politische Personal spielen sich bedenklich in die Hand. Nur ein nüchterner, demokratisch geschulter Blick auf die Grundfunktionen der Politik verhilft dazu, die künstliche Kluft zwischen den Profis und den Laien der Politik zu erkennen und einzuebnen.

Erst dann wird die professionelle politische Führungskompetenz so entzaubert, dass ihre engen Grenzen und die fließenden Übergänge zur durchschnittlichen Bürgerkompetenz sichtbar werden, die wiederum nur durch politische Teilhabe ein Maß an politischer Urteilskraft erlangt, das seinerseits den Ausweis professioneller Qualitäten liefert.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, Christian Schicha, Matthias Micus.

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