F√ľrsten bitte, aber demokratische!

von Emanuel Richter7.02.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wissenschaft

Die Erwartungen, die wir B√ľrger an Politiker haben, sind oftmals √ľberzogen ‚Äď auch deshalb straucheln so viele. Wir m√ľssen begreifen, dass Politik nicht die Sache von Profis, sondern von uns allen ist.

In den modernen Demokratien wird politische Kompetenz als eine besondere Qualifikation zur Amtsaus√ľbung gehandelt, die politische Laien ‚Äď also Wahlb√ľrgerinnen und Wahlb√ľrger ‚Äď den professionell t√§tigen Politikern abverlangen. Sie gilt als ein berufsspezifisches Attribut. Der “politische Amtstr√§ger”:http://www.theeuropean.de/debatte/3865-systemfrage?page=1 soll ein fachlich einschl√§gig ausgebildeter, sachlich erfahrener, in seiner Pers√∂nlichkeit gefestigter und in seiner Erscheinung charismatischer Profi sein, der als gew√§hlte Amtsperson in der politischen Sph√§re kompetent f√ľr uns die politischen Entscheidungen trifft und sie medial ansprechend vermittelt. Das erinnert an das √ľberkommene Ideal der absoluten F√ľrstenherrschaft: Der entr√ľckte und patriarchalische Monarch f√ľhrt die politischen Gesch√§fte ‚Äěsouver√§n‚Äú im Sinne der Erhabenheit gegen√ľber dem Volk, dessen Wohl er aber gleichzeitig bef√∂rdert. Wir B√ľrgerinnen und B√ľrger hungern nach kompetenter politischer Stellvertretung, √ľberfordern damit aber die Personen, die wir ins verantwortungsvolle politische Amt w√§hlen. Die Messlatte der Erwartungen an die Professionalit√§t der f√ľhrenden Politikerinnen und Politiker liegt hoch, dementsprechend leicht ist es, sie schon bei geringer Abweichung vom g√§ngigen Kompetenzprofil zu zerrei√üen. Fast unabl√§ssig erleben wir deshalb politische Skandale, die mit R√ľcktritten von f√ľhrenden Politikern enden.

Politik ist kein Unternehmertum

Eklatante Missverst√§ndnisse von der Politik im Allgemeinen und vom politischen Amt im Besonderen haben sich auf Seiten des Wahlvolks wie der Amtstr√§ger eingeschlichen. Zweifelsohne ben√∂tigt auch die Politik die geschulten und versierten Profis. Das Siegel ‚Äěprofessioneller Eignung‚Äú muss an eine ressortspezifische Qualifikationsauslese gebunden werden. Aufstiegswege in der Politik ben√∂tigen die Standardisierung, Parteien und politische Apparate m√ľssen die Entwicklung und das Wirken der politischen Pers√∂nlichkeit kompetenzorientiert flankieren. Politiker m√ľssen ihre Politik auch medienwirksam darstellen k√∂nnen. Aber die Politik ist kein hierarchisch gegliedertes Unternehmen des produzierenden Gewerbes, sondern der alle B√ľrgerinnen und B√ľrger einschlie√üende Raum der kollektiven Lebensbew√§ltigung. Alle Mitglieder eines solchen Kollektivs sind Teilhaber der Politik und m√ľssen dementsprechend in der politischen Sph√§re sichtbar werden ‚Äď als Wahlvolk, als unmittelbar Partizipierende, als Kontrolleure des Geschehens und als grunds√§tzliche Mitgestalter dieses √∂ffentlichen Raums. Diese Teilhabe ist der Kern politischer Kompetenz. Sie teilt sich nicht zwischen dem unbedarften Laien und dem kundigen Profi, sondern ist ein √∂ffentliches Gut, auf das alle Anspruch haben.

Einer strauchelt nach dem anderen

Das schlechte Bild, das die “Berufspolitiker vielfach abgeben”:http://www.theeuropean.de/debatte/9274-der-streit-um-christian-wulff?page=2, resultiert also aus einer √ľberzogenen √∂ffentlichen Erwartung an eine geradezu sozialtechnologische Steuerungskompetenz des politischen Profis, der als alleiniger Experte der Politik das Tagesgesch√§ft nach dem Muster eines Gesch√§ftsf√ľhrers bew√§ltigt. Diese Erwartungen spiegelt der Profi fatalerweise an die B√ľrgerinnen und B√ľrger zur√ľck, durch demonstrative Entscheidungsfreude, durch zur Schau gestellte F√ľhrungsqualit√§t, durch theatralische Gewandtheit in der medialen Darstellung der Politik. Kaum einer aber kann dieser in das Gewand von Professionalit√§t getauchten Selbst- und Fremd√ľberforderung auf Dauer gen√ľgen, und so strauchelt einer nach dem anderen. √úberh√∂hte eigene und unerf√ľllbare zugeschriebene Erwartungshaltungen sowie die prompt folgende, bodenlose Entt√§uschung seitens der √Ėffentlichkeit √ľber das amtierende politische Personal spielen sich bedenklich in die Hand. Nur ein n√ľchterner, demokratisch geschulter Blick auf die Grundfunktionen der Politik verhilft dazu, die k√ľnstliche Kluft zwischen den Profis und den Laien der Politik zu erkennen und einzuebnen. Erst dann wird die professionelle politische F√ľhrungskompetenz so entzaubert, dass ihre engen Grenzen und die flie√üenden √úberg√§nge zur durchschnittlichen B√ľrgerkompetenz sichtbar werden, die wiederum nur durch “politische Teilhabe”:http://www.theeuropean.de/tag/partizipation ein Ma√ü an politischer Urteilskraft erlangt, das seinerseits den Ausweis professioneller Qualit√§ten liefert.

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