Die Kirche braucht ein Parlament

von Elmar Salmann3.12.2012Gesellschaft & Kultur

Das Dritte Vatikanische Konzil muss die Reformen fortsetzen, die das Zweite begonnen hat. Die katholische Kirche darf sich nicht schon wieder von einer Kulturrevolution den Schneid abkaufen lassen.

Die katholische Kirche steht vor einer seltsamen Wende: Sie hat die Lufthoheit über Stamm­tische, Politik, Gesellschaften und Seelen verloren. Nach 1.600 Jahren sieht sie sich das erste Mal als Minorität in der Welt und in Europa. Deswegen könnte sie sich heute bescheidener, mutiger und freier an ein Drittes Vatikanum wagen. Um über dieses Dritte zu sprechen, muss man aber zunächst an das Zweite Vatikanische Konzil erinnern.

“Das Zweite Vatikanum vor 50 Jahren”:http://www.theeuropean.de/alexander-kissler/5333-konzil-und-kirchenreform war im Bewusstsein der Konzilsväter tief in die Tradition eingebettet. Sie wollten keine andere Kirche, sondern dieselbe Kirche in einem neuen Gestus, in ­einer anderen Sprache. Es war der erste Aufbruch zu neuen Ufern. Die daraus resultierenden Neuerungen lassen sich in drei Punkten zusammenfassen:

Blick von außen: Die katholische Kirche hatte sich beim Zweiten Vatikanum zum ersten Mal aus dem Blick der anderen Kirchen, der anderen Religionen und der Zeitgenossenschaft gesehen. Sie sah sich nicht mehr als Zentrum.

Humane Standards: Die Kirche hatte endlich die aufgeklärte Blickwende vorsichtig mitvollzogen. Also begriffen, dass Religion humanen Standards genügen muss. Das heißt: liebenswert, lebensdienlich, verständlich. Im Tonfall sogar naiv-optimistisch.

Gottgeneigter Mensch und menschengeneigter Gott: Die Konzeption Gottes und des Mysteriums hatte sich verändert. Die Kirche sprach nun vom gottgeneigten Menschen auf der Sinnsuche und vom menschengeneigten Gott, der den Menschen sucht.

Die Linien des Zweiten Vatikanums aufnehmen und verlängern

Von außen betrachtet hat die Kirche seit diesem Zweiten Vatikanum Anfang der 1960er-Jahre eine Involution erfahren: Sie besinnt sich also wieder mehr auf ihre Innenstruktur. Das ist insofern verständlich, als kurz nach dem Konzil etwas geschah, das zu seiner Folgetragödie gehörte: Es wurde von der Kulturrevolution 1968 überholt.

Die Kirche hatte sich gerade in Richtung Moderne bewegt und stand schon wieder altbacken da. Das innerhalb weniger Jahre zu bewältigen, hat die Kirche überfordert. Davon hat sie sich bis heute nicht erholt. Seit den 1990er-Jahren kommt eine weitere Revolution dazu: nämlich die der Globalität. Wegen dieser Revolutionen muss das Dritte Vatikanische Konzil die Linien des Zweiten ­Vatikanums aufnehmen und verlängern.

Beim Dritten Vatikanum sollte es wieder um das Gottesbild gehen. Von einem einseitig autoritären, väterlichen Gott hin zu einem, der mit der Welt im Gespräch ist. Ein Gott dieser Art passt zur heutigen Gesellschaft.

Es ist auch ein Gebot der Stunde, über das Menschenbild zu sprechen. Die katholische Kirche ist eingeladen, die durch Globalität und Digitalität beeinflussten Menschen zu akzeptieren. Denn das Internet hat den Menschen verändert und verändert ihn noch weiter. Er ist mobiler, kommunikativer und sensibler geworden. Dieser globale Menschentyp hat eine andere Empfindsamkeit, stellt andere Forderungen und besitzt ein gewandeltes Gerechtigkeitsgespür. Im Christentum spricht vieles dafür, auf diesen Lebensstil einzugehen.

Dies drückt sich sehr deutlich in den Fragen über die Rolle der Frau in der Kirche aus. Auch wenn es nicht unbedingt auf das Priestertum der Frau hingehen müsste: Frauen sollten bis in Spitzenpositionen präsent sein. Vor allen nach dem Niedergang der Frauenorden. Merkwürdigerweise hat die Kirche dies die letzten Jahrzehnte verpasst, obwohl sich die Stellung der Frau in der Gesellschaft zunehmend verbessert hat.

Auf die Vision einlassen, ohne die Traditionen zu verleugnen

Ein weiterer Punkt ist der Wechsel von der Zentral- hin zu einer Multiperspektive. Rom als Ort der Urbanität ist das Zentrum, das assimilations- und vermittlungsfähig ist. Ein Zentrum, das Spannungen zwischen Kulturen, auch innerhalb der Kirche, ausgleichen und übersetzen kann. Rom als Metropole und nicht mehr als Enklave. Die Kirche braucht außerdem ein Parlament, gewissermaßen ein dauerhaftes
Konzil. Dort könnte sie sich besser artikulieren und die Arbeit des Übersetzens zwischen verschiedenen Welten dann tatsächlich leisten.

Es wäre schön, wenn die Kirche ihren Blick vom Tod auf das Leben wenden würde. Das abendländische Denken und das Christentum sind – vor allem seit dem Pestjahr 1348 – vom Todesgedanken bestimmt. Das Leben als Vorbereitung auf den Tod. Franz von Assisi hat recht: Wir müssen Freude an dem gewinnen, was geboren wird.

Der Kirche braucht jetzt prophetischen Geist. Helfen kann hierbei Joachim von Fiore, dessen Utopie seit 800 Jahren Reformbewegungen innerhalb der Kirche inspiriert: weg von einer väterlichen Autorität und Machtstrukturen, hin zu einer geschwisterlichen Urverbundenheit im Geist Jesu. Eine solche Kirche käme dem Menschen von heute sehr entgegen. Eine Kirche des dauerhaften Konzils könnte sich auf diese Vision einlassen, ohne ihre großen Traditionen zu verleugnen.

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