Begegnet der Welt!

von Thomas W. Eller9.11.2009Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Das Schloss wird nach dem Entwurf von Franco Stella wieder aufgebaut, egal, wie das Gericht am 2. Dezember entscheidet. Was jetzt vonnöten ist, ist eine breite kulturpolitische Debatte über das Konzept des Humboldt-Forums – bislang hat es nichts mit den realen Konflikten, die in unserer Gesellschaft verhandelt werden, zu tun.

Am 11. September 2009 hat das Bundeskartellamt festgestellt, dass der Vertrag der Bundesrepublik mit dem Preisträger des Architekturwettbewerbes, Franco Stella, nichtig und das Vergabeverfahren zu wiederholen sei. Man kann davon ausgehen, dass sich an der Entscheidung für die jetzt mit Hochdruck begonnene Umsetzung des Stella-Entwurfs selbst nach einem negativen Bescheid des OLG Düsseldorf am 2. Dezember nichts ändern wird. Wie bereits angekündigt, wird man dann die verpassten Formalien nachholen. Dabei mangelt es nicht an bedenkenswerten Beiträgen kritischer Stimmen in der Öffentlichkeit. Inzwischen distanzieren sich auch ehemalige Stella-Unterstützer, die eine unbotmäßige Einflussnahme der Auftraggeberin auf den Stella-Entwurf monieren. Offensichtlich hat sich aber der Eindruck festgesetzt, dass man lange genug geredet hätte und dass nun gehandelt werden müsse. Ins Hintertreffen gerät dabei nicht nur die Architekturdebatte, die ohnehin einen zu engen Rahmen gesetzt bekommen hatte. Auch um die Frage nach der inhaltlichen Bestimmung des Humboldt-Forums wird noch gerungen. Nichts weniger als die “Begegnung mit der Welt” wird dort versprochen. Auf “hohem Niveau für alle” soll dort die “geistige Mitte der Nation” entstehen.

Wo ist die geistige Mitte?

Still schon während der Expertenkommission geäußerte Hinweise, dass sich der Zugang zum Wissen und zur Welt durch Tourismus und das Internet doch so stark geändert habe, dass Vermittlungsinstitutionen wie Museen und Universitäten davon betroffen sind, werden weder in der Architektur- noch der Konzeptdiskussion geführt. Insofern wirkte die Präsentation “Anders zur Welt kommen”, die im Alten Museum zu sehen ist, eher wie der Kaiserschnitt der Kultur: Herausgekommen ist ein Völkerkundemuseum – und das soll die geistige Mitte sein? Die Idee von Klaus-Dieter Lehmann, die außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen auf dem Schlossplatz unterzubringen, ist im Kern eine gute Richtungsentscheidung. Die Raumbedarfe, wie es gegenwärtig zu passieren scheint, auf die Sammlungspräsentation anzupassen, ist die pragmatische Umsetzung. Was jedoch fehlt, ist eine breite kulturpolitische Diskussion in Deutschland, die die nachlassenden kulturellen Kohäsionskräfte in einer sich immer weiter ausdifferenzierenden Gesellschaft versucht aufzufangen. Dazu könnte das zukünftige Humboldt-Forum tatsächlich beitragen.

East meets West

Von der Religionswissenschaft kann man lernen, dass Kultur eine Äußerung bewältigter Realkonflikte ist und Kunst das Ringen darum. Warum also schauen Menschen Kunst an? – Weil sie etwas über sich und ihre Fragen lernen wollen und die Vermutung haben, dass ihnen Kultur auf einer sinnlichen, wie symbolischen Ebene Antworten geben kann, die sie von der Politik nicht bekommen und von der Religion nicht annehmen. Also muss man sich zuerst die realen Konflikte anschauen und daraufhin Fragen entwickeln. Dazu gehören die wirtschaftliche und kulturelle Globalisierung, soziale Integration und die Erosion der metaphysischen Grundlagen unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung. Mit einem Diskurs der “Versöhnung von Tradition und Moderne” oder “East meets West”, wie er in der Architektur und Konzeption des Humboldt-Forums derzeit geführt wird, wird man da nicht sehr weit kommen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Statt Zuwanderungsromantik lieber richtige Politik

Für viele Beschäftigte sind Kontrollverlust durch Kontrollverzicht und Staatsversagen in der Ausländerpolitik tägliche Lebensrealität. Deshalb sind viele Kolleginnen und Kollegen stinksauer über diese Art von Politik. Und wählen gar nicht mehr oder eben anders. Beides ist ihr gutes Recht.

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu