Das Knäuel entwirren

Elke Salzmann13.03.2012Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Zur Vermittlung von Alltagskompetenz bieten sich mehrere Schulfächer an. Jedoch fühlt sich oft genug niemand direkt dafür verantwortlich. Wir brauchen eine bessere Verankerung der Verbraucherbildung in einem Leitfach.

Der moderne Alltag wird für den Verbraucher immer komplizierter: private Altersvorsorge, die Wahl des richtigen Energieversorgers oder Telekommunikationsanbieters sind nur einige Beispiele. Gleichzeitig wächst ihm mehr Verantwortung zu, er ist gefordert, zu einer nachhaltigen Gesellschaftsentwicklung beizutragen: durch umsichtigen, Ressourcen schonenden Konsum. Zur persönlichen Verantwortung kommt also noch eine sozial-gesellschaftliche dazu. “Gerade junge Verbraucher”:http://blog.verbraucherbildung.de/2012/02/verbraucherbildung-2020-eine-visison/ müssen in die Lage versetzt werden, sich durch richtiges Konsumverhalten vor gesundheitlichen und finanziellen Schäden zu schützen.

Jedes Bundesland macht es anders

Die bundesrepublikanische Bildungslandschaft findet unterschiedliche Antworten auf diese Herausforderung. Während man in Schleswig-Holstein die Hauswirtschaft modernisiert hat und nun ein Fach Verbraucherbildung in der Stundentafel der allgemeinbildenden Schulen ausweisen kann, versuchen Bundesländer wie Bayern oder Rheinland-Pfalz, Verbraucherthemen in bestehende Fächer zu integrieren und geben ihren Lehrkräften Richtlinien zur Verbraucherbildung vor. Welcher Weg führt zum Ziel? Die Richtlinie zur Verbraucherbildung in Rheinland-Pfalz nennt allein 12 Fächer, die sich zur Erschließung von Verbraucherthemen eignen. Und da wird bereits die Schwachstelle dieses Ansatzes deutlich. Wer fühlt sich wirklich verantwortlich für die Realisierung der Bildungsziele, wenn man die Zuständigkeit leicht einer anderen Fachdisziplin zurechnen kann? Wenn alle gemeint sind, fühlt sich niemand wirklich zum Handeln aufgefordert. Es besteht die Gefahr, dass neue inhaltliche Aufgaben gegenüber den traditionellen Lernzielen und Themen einer Disziplin kaum eine Chance haben. Die Lehrkräfte haben sowieso Mühe – aus vielerlei Gründen – die Lehrpläne zu erfüllen. Was kann man weglassen, wenn Neues dazukommt? Wo genau sind die Schnittmengen zwischen den Disziplinen, sodass man neue Inhalte und traditionelle miteinander verbinden kann? Das sind Fragen, die eine einzelne Lehrkraft nicht für sich alleine entscheiden kann. Hier bedarf es struktureller Vorgaben aus der Wissenschaft und aus den Kultusministerien. Der nötige Innovationsprozess wäre mit einem eigenen Fach schneller umzusetzen. “Dabei braucht kein neues Fach in die Stundentafel gepresst zu werden.”:http://www.theeuropean.de/heike-kahl/10069-reform-des-schul-curriculums Es reicht eine bessere Verankerung der Verbraucherbildung in einem „Leitfach“. Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung ist nur zu gewährleisten, wenn sich eine Fachdisziplin zuständig und verantwortlich fühlt. Dies ist zurzeit noch nicht der Fall. Die traditionell als Ankerfächer der Verbraucherbildung fungierenden Fächer „Hauswirtschaft“, „Arbeitslehre“, „Wirtschaft-Arbeit-Technik“ etc. bieten sich an, werden aber häufig fachfremd unterrichtet und speisen sich aus unterschiedlichen Fachdisziplinen. Nicht nur die Fächer-Bezeichnungen, sondern auch die inhaltlichen Zuschnitte variieren stark je nach Bundesland und Schulform. Gerade diese Fächer, in denen die Schüler Alltagskompetenzen erwerben sollen, müssen aufgrund der gestiegenen Anforderungen an unseren Verbraucheralltag verstärkt modernisiert und professionalisiert werden.

Wichtig ist, was drin ist

Es müssen also beide Wege gleichzeitig beschritten werden, die Förderung der interdisziplinären Behandlung von Verbraucherthemen in möglichst vielen Fächern, aber auch die Verankerung der Verbraucherbildung in einem „Leitfach“, welchen Namen man dieser Disziplin auch geben möchte. Wichtig ist nicht, dass Alltagskompetenz drauf steht, sondern dass die Schüler sie erwerben.

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