Soziale Ungleichheit ≠ Soziale Ungleichheit

von Elisabeth Wehling12.07.2015Innenpolitik, Wirtschaft, Wissenschaft

Was überhaupt unter sozialer Ungleichheit zu verstehen ist, ist umkämpft. Umso wichtiger ist es, die eigenen Ansichten aktiv zu vertreten. Denn nur so wird Politik möglich.

Es gibt keine Gleichheit. Kein _Ei gleicht dem anderen_, Gleichheit ist ein gedankliches Konstrukt, ein Kategorisieren ähnlicher Dinge als „gleich“ und nicht ähnlicher Dinge als „ungleich“. Und so gleicht auch kein Mensch dem anderen. Eine Politik, die anstrebt, Menschen einander gleich zu machen, ist nicht nur übergriffig, sie ist auch zum Scheitern verurteilt, wie uns die Geschichte lehrt.

Es gibt also keine Gleichheit. Was es aber gibt, ist das Gleich-behandelt-Werden, das Gleichermaßen-gut-behandelt-Werden. Hier hat die Politik ihren Auftrag. Hier scheiden sich die ideologischen Geister. Zum Beispiel, wenn es darum geht, das Problem der _sozialen Ungleichheit_ zu fassen – ihre Ursachen und moralischen Handlungsaufträge zu definieren.

Soziale Ungleichheit an und für sich hat nämlich keinerlei (politische) Bedeutung! Zwar ist sie ein Fakt – Menschen agieren unter ungleichen sozialen und ökonomischen Bedingungen, haben ungleiche Einkommen, Wohn- und Lebensräume, Bildungs- und Gesundheitschancen. Jedoch: Fakten an und für sich sind für unser kognitives System ohne jede Bedeutung. Sie erhalten ihren Sinn immer erst durch Frames, also „gedankliche Deutungsrahmen“. Das ist eine der zentralen Erkenntnisse moderner Kognitionsforschung. Frames sind neuronal im Gehirn verankert, speisen sich aus unserer Welterfahrung, werden über Sprache aktiviert und wirken sich unmittelbar auf unser politisches Handeln aus, indem sie Fakten einen Sinn zuschreiben.

Was ist die richtige, was die falsche Antwort?

Nun, in der Politik erzählen Frames _immer_ von einer moralischen Weltsicht. Denn hier lautet die Frage: Was ist angesichts der Faktenlage – wie etwa derjenigen sozialer Ungleichheit – die _richtige_ und was die _falsche_ Antwort?

Darauf gibt es in der Regel zwei Antworten. Denn in allen Gesellschaften gibt es grob skizziert immer zwei politische Weltsichten: die progressive, also die eher linkspolitische, und die konservative, also die eher rechtspolitische, Weltsicht. Wer ideologisch in der Mitte sitzt, dessen Moralmodell ist eine Kombination aus beiden, wie zahlreiche Studien zeigen. Wie sehen sie also aus, die zwei Geschichten von _richtig_ und _falsch_ angesichts der faktischen sozialen Ungleichheit in Europa und der Welt? Was bedeutet es für einen progressiven, was für einen konservativen Menschen, seine Mitmenschen _gleich_ und _gleichermaßen gut_ zu behandeln?

Stellen Sie sich eine Familie vor mit zwei Kindern, beide völlig verschieden. Jedes mit seinen eigenen Stärken und Schwächen, Herausforderungen, Ängsten und Hoffnungen. Was bedeutet es für Sie als Eltern, diese Kinder _gleich_ zu behandeln?

Eine mögliche Antwort lautet: Die Kinder _gleich_ und _gleichermaßen gut_ zu behandeln, bedeutet, jedem Kind das zu geben, was es braucht, es seiner individuellen Eigenschaften und Bedürfnisse entsprechend zu schützen und zu befähigen. Jeder bekommt, was er braucht! Wer nach dieser Wertvorstellung seine Kinder erzieht und über Politik denkt, der fällt in der modernen Ideologieforschung in das „fürsorgliche“ Ideologiemodell, das auch progressiver Politik zugrunde liegt. Angewandt auf _soziale Gleichheit_ bedeutet dieses Wertebild: Jeder Bürger soll gleichermaßen geschützt und befähigt sein, frei von Not seinen individuellen Lebensweg zu gehen. Das bedeutet, dass jeder entsprechend seiner individuellen Attribute geschützt und befähigt werden muss, sei es über gute, gemeinschaftlich finanzierte Bildung, ein offenes und humanes Gesundheitswesen oder das Verbot ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse.

Eine andere mögliche Antwort auf die oben skizzierte Frage – wie gehe ich mit Kindern um, die sich nicht gleichen – lautet: Die Kinder _gleich_ und _gleichermaßen gut_ zu behandeln, heißt, jedem Kind genau dasselbe zu geben unabhängig von seinen individuellen Eigenschaften und Bedürfnissen. Darüber hinausgehende Dinge, die sie brauchen oder wünschen, sollen sie sich selbst verdienen. Jeder ist gleichermaßen frei, für sich selbst zu sorgen und sowohl zu bekommen als auch zu behalten, was er sich verdient! Wer nach dieser Wertvorstellung über Kindererziehung denkt und politisch agiert, der fällt in der modernen Ideologieforschung in das „strenge“ Ideologiemodell, das auch konservativer Politik zugrunde liegt. Angewandt auf _soziale Gleichheit_ bedeutet dieses Wertebild: Jeder Bürger soll gleichermaßen frei sein, sich im Wettbewerb zu behaupten und so für sich zu sorgen – und zwar ohne Eingriff des Staats etwa über Regulierungen, Umverteilung oder Millionärssteuer, denn solche Form der Politik würde eine Ungleichbehandlung bedeuten: Menschen sind dann nicht mehr gleichermaßen frei, für sich selbst zu sorgen, und die Bürger werden auch nicht gleich gut behandelt. Menschen, die es sich nicht verdient haben, bekämen Extras, und das System des offenen Wettbewerbs, der die Selbstdisziplin und Eigenständigkeit der Bürger fördert, geriete ins Wanken.

Die progressive und konservative Wertvorstellung über einen _gleichen_ und _gleichermaßen guten_ Umgang mit Menschen füllen also das Konzept der _Gleichheit_ unterschiedlich aus.

Und das liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass sie zwei gegensätzliche Vorstellungen von den Ursachen sozialer Ungleichheit haben. Das progressive Weltbild umfasst die Idee _systemischer Kausalität_: Gegebenheiten sind immer das Produkt vieler, voneinander abhängender und sich gegenseitig beeinflussender Ursachen. Auf die soziale Ungleichheit übertragen bedeutet das zum Beispiel: Wer aus einer sozial benachteiligten Familie stammt, sowohl Frau als auch Migrantin mit mangelnden Deutschkenntnissen ist, ist gefährdet, in Armut zu leben. Das konservative Weltbild umfasst die Idee _direkter Kausalität_: Dinge haben einen einfach nachvollziehbaren Grund. Auf die soziale Ungleichheit übertragen bedeutet das zum Beispiel: Wer arm ist, der ist faul und muss härter arbeiten.

Soziale Ungleichheit hat keine universelle Bedeutung

Der Begriff _Soziale Ungleichheit_ im politischen Sinne – die Frage nach ihren Ursachen und Lösungen – hat also keine universelle Semantik. _Soziale Ungleichheit_ ist ein Contested Concept. So nennen wir in der Kognitionswissenschaft Ideen, deren Bedeutung „im Kern strittig“ sind. Contested Concepts haben nur ein minimales Bedeutungsskelett, an dem sich unser Denken orientiert. Darüber hinaus gibt es keine universelle Bedeutung, wir staffieren die Idee über Frames, die unserer moralischen Weltsicht entsprechen, aus. Wer es nun in der Gesellschaftsdebatte versäumt, das Problem _sozialer Ungleichheit_ gemäß seiner Wertvorstellung auszufüllen, kreiert ein massives Problem für seine politischen Anliegen – und zwar langfristig!

Denn über den Mangel entsprechender sprachlicher Frames baut er die eigenen Vorstellungen von _richtigem_ und _falschem_ Miteinander, von _guter_ und _schlechter_ Politik gedanklich – und damit in letzter Konsequenz gesellschaftlich und politisch – ab. Einfach ausgedrückt: Was nicht gesagt wird, das wird auch nicht gedacht. Und was nicht gedacht wird, das wird nicht getan. Dieses Phänomen, in der kognitiven Forschung Hypokognition genannt, stellt derzeit eine der dringlichsten Herausforderungen an die europäische Politik dar.

_Der Beitrag ist Teil einer Kooperation mit dem “Forum Alpbach”:http://www.alpbach.org_

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Frau Weidel: Was hat es zu bedeuten, dass ich per Google nur Schweigen der AfD zu dieser Frage vorfinde?

Nach dem Attentat in Halle hat Boris Palmer (Die Grünen) an Alice Weidel (AfD) einen Offenen Brief geschrieben und fragt: "Wäre es nicht notwendig, dass Sie zu dieser Tatsache eine politische Bewertung abgeben? Wie stehen Sie dazu, dass Rassismus und Antisemitismus in Deutschland wieder zu Morden

Der Islam und das linke Weltbild sollen mit allen Mitteln geschützt werden

Montag am frühen Abend im hessischen Limburg: Ein großer LKW steht vor der roten Ampel. Plötzlich reißt ein Mann (ca. 30 Jahre, Vollbart) die Fahrertür auf, starrt den LKW-Führer mit weit geöffneten Augen an. Dann zerrt er ihn mit Gewalt aus seinem Fahrzeug, setzt sich selbst rein und fährt

Beim Kampf gegen Rechts sind dem ZDF alle Mittel recht

Schmierenkomödie beim ZDF. Im Kampf gegen Rechts hatte der Sender Monika Lazar als gewöhnliche Kundin in Szene gesetzt. Sie sollte den Beweis dafür liefern, dass Kunden des Leipziger Bio-Supermarkts hinter der Entscheidung von Biomare-Geschäftsführer und Grünen-Mitglied Malte Reupert stünden,

Erdogan will die Tore bis Wien öffnen

Trumps wilder Rückzug aus Syrien macht Erdogan den Weg frei für seinen historischen Masterplan: Ein Eroberungsfeldzug zur Wiederherstellung des Osmanischen Reiches. Nicht nur die Kurden sind in Gefahr. Auch Europa droht gewaltiges Ungemach.

„Das Volk gegen seine Vertreter“ lautet Johnsons Devise

Der Mann hat keine Skrupel. Er agiert in einem bemerkenswert polemischen Wahlkampfmodus. Da wird das Florett der Rhetorik beiseitegelegt und zum rostigen Beil gegriffen. Boris Ziel sind Neuwahlen, weil er hofft, dass ihm die Wähler Recht geben und sich gegen ihre Vertreter im Unterhaus wenden werde

Fünf Gründe warum die Linkspartei an Geltungskraft verliert

Einst regierte die LINKE den Osten unisono und war als Kümmererpartei allgegenwärtig. Der deutsche Osten der Puls und die Partei seine Herzkammer. Doch die Windrichtung hat sich geändert, die Herzen auch: Die LINKE ist im Abschwung und verliert an Atem, ihr droht der Infarkt, wenn nicht gleich de

Mobile Sliding Menu