Herrliches Kampfgetümmel

von Elisabeth Beck-Gernsheim22.04.2014Gesellschaft & Kultur

Die Liebe ist heute auch deshalb so kompliziert wie nie, weil frau frei entscheiden darf. Gut so.

Der britische Kronprinz hat Scheidungserfahrung, ebenso zwei seiner Geschwister. In Spanien ist die Frau des Thronfolgers geschieden; die Frau des norwegischen Thronfolgers hat einen unehelichen Sohn mit in die Ehe gebracht; der deutsche Bundespräsident ist verheiratet, aber bei offiziellen Anlässsen tritt als „First Lady“ nicht die Ehefrau, sondern eine andere auf; der französische Regierungschef war nie verheiratet, aber ist geübt im Austausch der Lebensgefährtinnen. Und wie bei Königs und Promis, so ist es auch bei Müllers und Meiers: Die Scheidungszahlen sind hoch.

Aber warum nur dieses Kampfgetümmel im Feld der Geschlechterbeziehungen? Warum diese Unordnung, diese vielfachen Wechsel? Manche Betrachter haben einfache Antworten zu bieten. „Egoismus! Hedonismus!“ lauten ihre Schnelldiagnosen. Demnach sind die Menschen heute von einer Art Ich-Wahn befallen, sind liebesunfähig geworden und bindungsunfähig.

In solchen Aussagen wird untergründig oft die Vergangenheit als Zeit der guten Gemeinschaft und der wechselseitigen Fürsorge beschworen, als Beziehungsidylle. Doch diese Beziehungsidylle hat es niemals gegeben. Richtig ist zwar, in der vorindustriellen Gesellschaft waren Ehe und Familie weit stabiler als heute. Aber warum waren sie das? Weil die Ehe damals eine Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft war, zuallererst auf materiellen Interessen gegründet.

Es ging um die gemeinsame Existenzsicherung, den Erhalt von Hof oder Handwerksbetrieb, um Kinder als Arbeitskräfte und Erben. In den Anstrengungen des Alltags waren Mann und Frau direkt voneinander abhängig, jeder brauchte den anderen. Dies ging manchmal gut, und im Laufe der gemeinsamen Jahre stellte sich Zuneigung ein, ja auch Liebe. Aber auch da, wo es nicht gut ging, gab es kaum ein Entrinnen. Man war zusammengebunden durch den Zwang zur Existenzsicherung, durch Standesrücksichten, durch die Gebote der Kirche. Gefühle waren Luxus, Bett und Brot brauchte man, und die waren nur im Rahmen der Familienwirtschaft zu finden.

Hinzu kam die niedrige Lebenserwartung, die vielen Ehen ein frühes Ende bereitete, auch manche Unglückliche von ihrem Unglück befreite. Die anderen aber mussten miteinander aushalten, im Streit oder im Guten. Denn dem Versuch einer Scheidung standen enorme rechtliche Hürden im Weg und die soziale Ächtung, die Geschiedene traf.

Frauen galten als schwach

Aus all diesen Gründen waren die Ehen damals stabiler als heute. Aber das heißt keineswegs, dass sie deshalb glücklicher waren. Die Ungleichheit der Geschlechter war selbstverständlicher Teil der Gesellschaftsordnung. Frauen galten qua Natur als schwach, unselbständig, unfähig zu höherem Denken. Deshalb wurden sie einer patriarchalischen Rechtsordnung unterstellt, die vom Verfügungsrecht über das Vermögen begann und bis in alle Nischen des Alltags hineinreichte. So hatte nach dem Preußischen Landrecht von 1794 der Mann das Weisungsrecht selbst darüber, wie lange die Frau das Kind zu stillen hatte. Und in der Bundesrepublik galt noch bis 1958, dass die Frau nur mit Erlaubnis des Mannes den Führerschein machen durfte.

In jener angeblich guten Vergangenheit mussten die Frauen der niederen Schichten lebenslang harte Arbeit verrichten. Für die Frauen der gehobenen Schichten dagegen hieß die Aufgabe – das Lebensziel – eine „gute Partie“ machen. Dafür mussten sie mit allen Mitteln den Mann zu ködern versuchen, ihre Netze auswerfen, ihre Reize einsetzen, sanfte Weiblichkeit präsentieren, seiner Eitelkeit schmeicheln, jeden Anflug von eigenem Denken verbergen, gegebenenfalls auch intrigieren, lügen und Gefühle vortäuschen. Der britische Autor Anthony Trollope (1815-1882) hat die Gesetze dieses Heiratsmarktes in einem seiner Romane beschrieben:

bq. Ihr war schon immer bewusst, dass es ihre Pflicht war zu heiraten, vor allem, gut zu heiraten. Darüber hatten ihre Mutter und sie immer offen gesprochen […]. ‚Ob er mir gefällt, Mama‘, hatte sie einmal gesagt, als es um einen Verehrer ging, ‚nein, natürlich gefällt er mir nicht. Er ist ekelhaft und abstoßend in jeder Hinsicht. Aber ich muss das beste daraus machen, also was nützt es, über solchen Müll überhaupt zu reden?‘

Die Liebe liefert uns aus

Von Ehen, die unter solchen Vorzeichen geschlossen wurden, war kaum das große Liebesglück zu erwarten. Die Männer mochten anderweitig Anerkennung und Befriedigung finden. Im Beruf, in der Politik oder bei einer Mätresse. Den Frauen blieben solche Auswege meistens verschlossen. In den Romanen und Dramen der damaligen Zeit wird ihr Schicksal geschildert. Ob Flauberts Madame Bovary, Ibsens Nora, Fontanes Effi Briest: Wir finden Frauen, die in vielerlei Formen unglücklich sind, verzweifelt, gelangweilt, enttäuscht.

Heute, im 21. Jahrhundert, haben die Frauen immer mehr Rechte gewonnen, die Bildungsinstitutionen erobert, viele haben einen Beruf und ein eigenes Einkommen. Damit entstehen neue Chancen im Geschlechterverhältnis – aber auch neue Beziehungsgefechte um Arbeitsteilung und Alltag. Aus der romantischen Liebe wird oft ein Kampf der Terminpläne: Wer macht wann was? Einkaufen, Kind vom Kindergarten abholen, das Auto zur Reparatur bringen, wer war gestern zuständig, wer ist heute zuständig, und wer hat wieder mal keine Zeit?

Die Liebe heute ist ein Kampfgetümmel. Die Liebe tut weh, sie peinigt uns, sie endet oft mit den Schmerzen der Trennung, mit Streit und Demütigung, mit den Wunden der Verlassenen, mit Trauer um die verlorene Liebe. Aber wollen wir deshalb die Vergangenheit zum Sehnsuchtsort machen für unsere Träume von Harmonie, Geborgenheit, Glück?

Die Liebe heute ist ein Risiko. Sie liefert uns aus. Sie kennt keinen Garantieschein auf Dauer, keine Schonfrist, kein Erbarmen. Sie kann brennen und sie kann uns die Seele verbrennen. Aber wollen wir deshalb auf sie verzichten? Wollen wir zurück in die Enge und Zwänge der alten Familie?

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