Kein Bauernopfer

von Elina Makri14.05.2014Außenpolitik, Innenpolitik, Wirtschaft

Dem Landwirt nehmen, der Jugend geben? Zu kurz gedacht. Besser, wir spannen beide vor den gleichen Karren.

Schon seit Langem werden die Subventionen für die europäische Landwirtschaft heiß diskutiert. Es ist allgemein bekannt, dass die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) ein „historisches Überbleibsel“ ist. Die GAP wurde nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, einem Jahrzehnt ernster Lebensmittelknappheit. Die Europäische Gemeinschaft sah sich damals mit dem Problem konfrontiert, genug Lebensmittel für die europäische Bevölkerung zur Verfügung stellen zu müssen. Heute wird die GAP vor allem wegen ihrer immensen Kosten kritisiert, die ca. 40 Prozent des EU-Gesamtbudgets ausmachen.

Jede Generation hat ihre Herausforderungen, und für die europäische Jugend ist der Mangel an Nahrungsmitteln definitiv kein so großes Problem wie der Mangel an Jobs. Sollte die EU also das Geld direkt an die Jugendpolitik geben und aufhören, Bauern, Felder und Agrarprodukte zu finanzieren? Ist die GAP gar ein Fluch? Die Griechen, mit denen ich gesprochen habe, überzeugten mich davon, dass dies eine falsche Annahme ist. Und das, obwohl Griechenland eine der höchsten Arbeitslosenquoten in Europa hat!

Agrarpolitik ist selbst schuld an ihrem Ruf

Gregoris Stamoulis, dessen Familienunternehmen jahrelang von Agrarsubventionen profitierte, findet, dass die Diskussion am eigentlichen Thema vorbeigeht: „Eine Politik sollte die andere nicht ausschließen. Wir sollten uns fragen, was ohne Agrarsubventionen passieren würde. Wenn der Sektor nicht subventioniert wird, werden die Produktionskosten und vielleicht auch die Produktpreise steigen.“

Demetris Iatrides, Mitarbeiter im griechischen Landwirtschaftsministerium, erklärt, die GAP böte jungen Menschen die Möglichkeit, eine Beihilfe von bis zu 20.000 Euro zu erhalten, um ihr eigenes Agrarunternehmen zu gründen. Später hätten die jungen Farmer dann die Möglichkeit, Investoren zu werden. Für Iatrides hat die GAP bereits in großem Umfang in der ländlichen Entwicklung geholfen: „Es gibt den Trend, Investitionen zu fördern und Unternehmern neue Möglichkeiten zu bieten. Statistisch gesehen profitieren davon junge Menschen.“

Dennoch: Die mangelhafte Verwaltung der GAP in der Vergangenheit hat dazu geführt, dass man heute an ihr zweifelt. Aufgrund der großen Überproduktion – ein Resultat der Subventionen – wurde die GAP verschwenderisch: Bauern wurden dafür bezahlt, Produkte herzustellen, für die es keinen Markt gab – was letztendlich zu den berühmten Butterbergen führte, die die Europäische Kommission zurückkaufen musste.

Hinzu kam noch die Komplexität nationaler Verwaltungen, praktisch eine Einladung zum Betrug. Kyriakos Stamoulis, der ältere Bruder von Gregoris Stamoulis, sagt: „Geld wurde auf die falsche Weise ausgegeben. Wenn all die jahrelangen Subventionen richtig verteilt würden, hätten wir heute bessere Produkte und allgemein eine bessere Produktion. Und vielleicht würden wir überhaupt keine Subventionen mehr brauchen.“

Vaggelis Divaris war jahrelang GAP-Beamter der Europäischen Kommission in Brüssel. Rückblickend gibt er zu: „Tatsächlich haben wir die Leute dafür bezahlt, nicht in die Stadt zu kommen und in den ländlichen Gebieten zu bleiben. Es gibt immer sowohl Raum für Verbesserungen als auch für Kritik.“ Divaris’ Hauptargument ist, dass die GAP funktioniert – was untersucht werden sollte, ist, wie sie funktioniert.

Denn trotz aller Kritik war die GAP immer ein zentrales Element des europäischen Wachstums. Sie hat auch einen nicht sehr offensichtlichen Zusatznutzen: Geld für die GAP bedeutet ebenso Geld für Umweltschutz und nachhaltige ländliche Entwicklung. Und die GAP ist auch heute noch das Hauptinstrument, mit dem Ressourcen von europäischen Städten in ländliche Gebiete umverteilt werden. Die Bürger des ländlichen Raums in Europa sind diejenigen, die sich um die Wälder kümmern, um das Meer, die Flüsse und Seen, die uns mit Nahrung, Wasser und sauberer Luft versorgen.

Man muss sich noch einmal die Ziele der GAP vor Augen führen, um zu verstehen, wie wichtig sie ist. Die GAP soll folgende Dinge erfüllen: die Produktivität erhöhen, indem sie technischen Fortschritt fördert; einen angemessenen Lebensstandard für die landwirtschaftliche Gemeinschaft sichern; die Märkte stabilisieren; die Verfügbarkeit von Angeboten sichern und Konsumenten mit Lebensmitteln zu vernünftigen Preisen versorgen. Diese Ziele wurden 1958 niedergeschrieben und nie verändert. Welche von den Zielen würden Sie heute als „erledigt“ abhaken?

Wir können sogar noch neue Ziele hinzufügen: den Umweltschutz. Die nachhaltige Verwaltung von Ressourcen. Der Kampf gegen den Klimawandel. Die Ermöglichung weiterer Investitionen. Und finanzielle Anreize für junge Menschen, damit diese den ländlichen Raum nicht verlassen.

In Zukunft wird die GAP vor allem eine kreative Herausforderung. Eine Möglichkeit könnten dabei Landwirtschafts-Start-ups sein. Die Welt technologisiert sich immer weiter, und die Bauern-bevölkerung altert zunehmend. Hier könnte das Potenzial von innovativen Start-ups in der Landwirtschaft liegen. So könnte man mit Hilfe der GAP junge Leute dazu bringen, ihr Elternhaus zu verlassen, um weit weg von zu Hause noch einmal von vorne anzufangen. Der Landwirtschaftssektor wartet nur darauf, aufgemischt zu werden!

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

"Mut verbindet"

Wie gendergerecht muss unsere Sprache sein? Was darf man beim Karneval sagen? Dürfen Kinder im Indianerkostüm zum Fasching? Wie viel Fleisch darf ich essen? Wenn man sich anschaut, in welchem Ausmaß sich Teile der politischen Öffentlichkeit in diesen Debatten engagieren, dann würde jemand mit d

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu