Ich rede am liebsten mit Kindern; denn von ihnen darf man doch hoffen, dass sie einmal Vernunft-Wesen werden. Søren Kierkegaard

Kein Bauernopfer

Dem Landwirt nehmen, der Jugend geben? Zu kurz gedacht. Besser, wir spannen beide vor den gleichen Karren.

Schon seit Langem werden die Subventionen für die europäische Landwirtschaft heiß diskutiert. Es ist allgemein bekannt, dass die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) ein „historisches Überbleibsel“ ist. Die GAP wurde nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, einem Jahrzehnt ernster Lebensmittelknappheit. Die Europäische Gemeinschaft sah sich damals mit dem Problem konfrontiert, genug Lebensmittel für die europäische Bevölkerung zur Verfügung stellen zu müssen. Heute wird die GAP vor allem wegen ihrer immensen Kosten kritisiert, die ca. 40 Prozent des EU-Gesamtbudgets ausmachen.

Jede Generation hat ihre Herausforderungen, und für die europäische Jugend ist der Mangel an Nahrungsmitteln definitiv kein so großes Problem wie der Mangel an Jobs. Sollte die EU also das Geld direkt an die Jugendpolitik geben und aufhören, Bauern, Felder und Agrarprodukte zu finanzieren? Ist die GAP gar ein Fluch? Die Griechen, mit denen ich gesprochen habe, überzeugten mich davon, dass dies eine falsche Annahme ist. Und das, obwohl Griechenland eine der höchsten Arbeitslosenquoten in Europa hat!

Agrarpolitik ist selbst schuld an ihrem Ruf

Gregoris Stamoulis, dessen Familienunternehmen jahrelang von Agrarsubventionen profitierte, findet, dass die Diskussion am eigentlichen Thema vorbeigeht: „Eine Politik sollte die andere nicht ausschließen. Wir sollten uns fragen, was ohne Agrarsubventionen passieren würde. Wenn der Sektor nicht subventioniert wird, werden die Produktionskosten und vielleicht auch die Produktpreise steigen.“

Demetris Iatrides, Mitarbeiter im griechischen Landwirtschaftsministerium, erklärt, die GAP böte jungen Menschen die Möglichkeit, eine Beihilfe von bis zu 20.000 Euro zu erhalten, um ihr eigenes Agrarunternehmen zu gründen. Später hätten die jungen Farmer dann die Möglichkeit, Investoren zu werden. Für Iatrides hat die GAP bereits in großem Umfang in der ländlichen Entwicklung geholfen: „Es gibt den Trend, Investitionen zu fördern und Unternehmern neue Möglichkeiten zu bieten. Statistisch gesehen profitieren davon junge Menschen.“

Dennoch: Die mangelhafte Verwaltung der GAP in der Vergangenheit hat dazu geführt, dass man heute an ihr zweifelt. Aufgrund der großen Überproduktion – ein Resultat der Subventionen – wurde die GAP verschwenderisch: Bauern wurden dafür bezahlt, Produkte herzustellen, für die es keinen Markt gab – was letztendlich zu den berühmten Butterbergen führte, die die Europäische Kommission zurückkaufen musste.

Hinzu kam noch die Komplexität nationaler Verwaltungen, praktisch eine Einladung zum Betrug. Kyriakos Stamoulis, der ältere Bruder von Gregoris Stamoulis, sagt: „Geld wurde auf die falsche Weise ausgegeben. Wenn all die jahrelangen Subventionen richtig verteilt würden, hätten wir heute bessere Produkte und allgemein eine bessere Produktion. Und vielleicht würden wir überhaupt keine Subventionen mehr brauchen.“

Vaggelis Divaris war jahrelang GAP-Beamter der Europäischen Kommission in Brüssel. Rückblickend gibt er zu: „Tatsächlich haben wir die Leute dafür bezahlt, nicht in die Stadt zu kommen und in den ländlichen Gebieten zu bleiben. Es gibt immer sowohl Raum für Verbesserungen als auch für Kritik.“ Divaris’ Hauptargument ist, dass die GAP funktioniert – was untersucht werden sollte, ist, wie sie funktioniert.

Denn trotz aller Kritik war die GAP immer ein zentrales Element des europäischen Wachstums. Sie hat auch einen nicht sehr offensichtlichen Zusatznutzen: Geld für die GAP bedeutet ebenso Geld für Umweltschutz und nachhaltige ländliche Entwicklung. Und die GAP ist auch heute noch das Hauptinstrument, mit dem Ressourcen von europäischen Städten in ländliche Gebiete umverteilt werden. Die Bürger des ländlichen Raums in Europa sind diejenigen, die sich um die Wälder kümmern, um das Meer, die Flüsse und Seen, die uns mit Nahrung, Wasser und sauberer Luft versorgen.

Man muss sich noch einmal die Ziele der GAP vor Augen führen, um zu verstehen, wie wichtig sie ist. Die GAP soll folgende Dinge erfüllen: die Produktivität erhöhen, indem sie technischen Fortschritt fördert; einen angemessenen Lebensstandard für die landwirtschaftliche Gemeinschaft sichern; die Märkte stabilisieren; die Verfügbarkeit von Angeboten sichern und Konsumenten mit Lebensmitteln zu vernünftigen Preisen versorgen. Diese Ziele wurden 1958 niedergeschrieben und nie verändert. Welche von den Zielen würden Sie heute als „erledigt“ abhaken?

Wir können sogar noch neue Ziele hinzufügen: den Umweltschutz. Die nachhaltige Verwaltung von Ressourcen. Der Kampf gegen den Klimawandel. Die Ermöglichung weiterer Investitionen. Und finanzielle Anreize für junge Menschen, damit diese den ländlichen Raum nicht verlassen.

In Zukunft wird die GAP vor allem eine kreative Herausforderung. Eine Möglichkeit könnten dabei Landwirtschafts-Start-ups sein. Die Welt technologisiert sich immer weiter, und die Bauern-bevölkerung altert zunehmend. Hier könnte das Potenzial von innovativen Start-ups in der Landwirtschaft liegen. So könnte man mit Hilfe der GAP junge Leute dazu bringen, ihr Elternhaus zu verlassen, um weit weg von zu Hause noch einmal von vorne anzufangen. Der Landwirtschaftssektor wartet nur darauf, aufgemischt zu werden!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Paolo De Castro, Helga Trüpel, Felix Löwenstein.

Cover7_liebe

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 2/2014.

Darin geht es u.a. um die Liebe: Sie ist die letzte Unbekannte in unserer Welt. Wir lassen diskutieren, warum sie immer noch unser Leben diktiert. Weitere Debatten: das Erbe der Großen Koalition, die Grenzen des Teilens und warum die Renaissance des Kommunismus ausbleibt. Dazu Gespräche mit Sahra Wagenknecht, Marina Abramović, und Viviane Reding.

Sie können es hier direkt bestellen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Jugend, Arbeitslosigkeit, Subvention

Gespräch

Medium_04c538b8a4

Debatte

Die Ähnlichkeit von persischen Cafés und Facebook

Medium_434ae57770

Fezbook

Sex, Werbung, Klatsch: Wer im Persien des 17. Jahrhundert die Tür zum Café öffnete, loggte sich quasi in ein soziales Netzwerk ein. Wie derbe es dort zuging, berichtete der Franzose Jean Chardin. weiterlesen

Medium_25f5f7ecba
von Jean Chardin
28.05.2014

Debatte

Humor als Widerstand in der Sowjetunion

Medium_4bb2ac2de0

Zum Schießen

Der Witz ist seit jeher das soziale Medium schlechthin. Der sowjetische Dissident Wladimir Bukowski über die Liebe zur Pointe. weiterlesen

Medium_4f51e63fb4
von Wladimir Bukowski
27.05.2014
meistgelesen / meistkommentiert