Wieso Udo Jürgens das Grundgesetz überholt - Nachrichten aus dem Keller

Judith Wagner und Oliver Stock25.03.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Wir wohnen einer Corona-Zeitenwende bei: Gestern war vor C. Morgen ist nach C. Heute ist Hohes C. Statt der großen Koalition regieren Virologen. Was jetzt noch Gültigkeit besitzt beschreibt der Blog www.einbisschenbesser.de.

Auf der A2 zwischen Castrop-Rauxel und Lindhorst geht heute eine Gänsefamilie. Sonst ist nichts los im Verkehrsstudio. Der Keller ist unaufgeräumt und Judith sagt, wir könnten mal. Sonst ist nichts los zu Hause. Udo Jürgens singt auf Vinyl: „Ihr von morgen werdet neue Wege gehen.“ Schön, wenn der alte Udo, die Philosophie mit seinem Beipackzettel versieht. Udo, wie geht es Dir da oben? Was singst Du? „Aber bitte mit Abstand.“ Es ist eben nicht die Zeit zum auf die Sahne hauen.

Ihr von morgen. Wir von heute haben den Eindruck, einer Corona-Zeitenwende beizuwohnen. Gestern war vor C. Morgen ist nach C. Heute ist Hohes C. Statt der großen Koalition regieren Virologen. Sie sind im besten Fall Experten, gewählt habe ich sie nicht. Es herrscht das Alles-hört-auf mein-Kommando-Phänomen. Wer als erstes laut sagt, wo es lang geht, ist ein Held. Wer zaudert, bringt sich und andere in Gefahr. Mein Grundgesetz, dessen 70. Geburtstag ich gerne gefeiert habe und das neben der Bibel bei mir im Schrank steht, ist zugunsten eines mir bis eben unbekannten Seuchengesetzes altpapierreif geworden: „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln“, steht in Grundgesetz-Artikel acht, der vor C. geschrieben wurde. „Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“, steht bei Matthäus, der kurz nach Chr. aufzeichnen ließ. Einer von Euch beiden hat offenbar doch nur ein One-hit-wonder verfasst. Matthäus, Du bist es übrigens nicht.

Ich lese, dass Kuba und Russland, medizinisches Gerät und auch lebende Mediziner nach Italien entsenden. Bei uns in Düsseldorf-Stadtmitte herrscht derweilen Nahkampf um Pasta für den Bauch und Papier für den Hintern. Esst weniger Pasta, dann braucht ihr weniger Papier, denke ich mir und kehre um ohne einzukaufen. Man muss kein großer Anti-Esoteriker sein, um zu erkennen, dass Füreinander und Miteinander keine Selbstgänger am day before sind.

Für morgen liegen Theaterkarten in der Schublade: „Lulu“. Judith und ich hatten uns aufs Bier in der Pause gefreut, bei dem ich mir immer die Kleider der Frauen anschaue. Und ich war neugierig auf den Prolog: „Hereinspaziert in die Menagerie, ihr stolzen Herrn, ihr lebenslustʼgen Frauen. Mit heißer Wollust und mit kaltem Grauen die unbeseelte Kreatur zu schauen, gebändigt durch das menschliche Genie.“ Leider ist das Genie verschwunden, wie überhaupt der ganze Spielplan Makulatur ist. Stattdessen herrschen die Nachfahren von Steve Jobs und machen uns glauben, dass der halbstündige, 20minütige, nein: 10minütige Blick aufs Smartphone eine Information liefert, die unsere Seele zum Klingen bringt. Fehlanzeige, liebe Nutzer.

Wir von heute. Wir von heute prüfen das Holz, aus dem wir geschnitzt sind. Wir fragen bei den Altvorderen nach, ob es vielleicht auch ein bisschen besser ginge, selbstverständlich virenübertragungsfrei am Telefon. Sie lesen, spazieren, essen. Manche, stelle ich mir vor, haben vielleicht den ganzen Tag Sex. Judith, ich komme. Wir räumen den Keller auf.

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