Mehr Migranten unter Corona-Intensivpatienten | The European

Wien: 60 Prozent der Intensivpatienten sind Migranten

Egidius Schwarz1.12.2020Medien, Wissenschaft

Bislang galten Menschen mit Vorerkrankungen als besonders anfällig für das Coronavirus. Doch im Wiener Stadtteil Ottakring sind es Migranten, die an Covid-19 erkranken.

Coronavirus in Österreich, Quelle: Shutterstock

Wiens Ottakring ist bekannt für „Multi-Kulti. Im 16. Wiener Gemeindebezirk leben viele Migranten. Gerade im östlichen Teil bietet sich ein multikulturelles urbanes Spektrum. Die als „Balkanstraße“ bekannte Ottakringer Straße wird von zahlreichen serbischen Cafés gesäumt und auf dem geschäftigen Straßenmarkt Brunnenmarkt werden türkische Spezialitäten angeboten. Doch es ist nicht ganz ungefährlich, dort zu leben.

Österreich kommt – trotz strenger Anti-Corona-Maßnahmen – derzeit nicht gut durch die Pandemie. Die Zahlen steigen und insbesondere die von Menschen mit Migrationshintergrund. Zu diesem Schluss kommt zumindest Burkhard Gustorff , Vorstand der Abteilung für Anästhesie, Intensiv- und Schmerzmedizin der Klinik Ottakring (ehemals Wilhelminenspital) und Intensivmediziner. Wie der Mediziner betont, sind Menschen mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich oft von Covid-19 betroffen. In der Klinik Ottakring seien es sogar 60 Prozent der Intensivpatienten.

Intensivpatienten aus dem Ostblock

Bei den Patienten handelt es sich hauptsächlich um Menschen aus den Balkanstaaten, Südpolen und der Türkei. Und warum gerade bei ihnen der Anteil an der Covid-Erkrankung so hoch sei, hat, so Gustorff, zwei Gründe: „Zum einen auf die Welle der Reiserückkehrer aus stark betroffenen Risikogebieten wie dem Balkan und der Türkei – Länder, in denen beispielsweise abgesagte Familienfeiern nachgeholt wurden; und zum anderen auf möglicherweise beengte Wohnverhältnisse, die eine rasche Verbreitung des Virus begünstigen.“

Einen weiteren Grund sieht der Wissenschaftler daran, dass die österreichische Regierung diese Menschen nicht erreicht. Es müsse besser kommuniziert und über die Gefährlichkeit des Virus aufmerksam gemacht werden. Seiner Meinung nach „ kommen die Verordnungen der Regierung innerhalb der Gesellschaft sehr unterschiedlich an“. Wenn es gelänge, neue Kommunikationsstrategien zu entwickeln, wäre eine deutliche bessere Aufklärung möglich. Hilfreich wären Sozialarbeiter, die gezielt auf die unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen eingehen.

Wie auch im übrigen Europa sind viele Intensivpatienten zwischen 50 und 70 Jahre alt. 60 Prozent sind männlich und weisen einen der bekannten Risikofaktoren auf, wie etwa Übergewicht, Nierenerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Bluthochdruck. Sie sind auschlaggebend, wie eine Corona-Infektion verläuft. Raucher, so die überraschende Erkenntnis, haben keinen größerern Risikofaktor. Und wie Gustorff zur Überraschung vieler betont: „Uns hat überrascht, dass die Raucherlunge, die ja als die typische Zivilisationskrankheit gilt, kein allzu großer Risikofaktor sein dürfte.“

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