Angela Merkel ist eine reine Taktikerin

von Edzard Hans Wilhelm Reuter20.08.2018Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Im Interview sagt der ehemalige Vorstand von Mercedes, Edzard Reuter, dass er die Gefahr vor einem veritablen gesellschaftpolitischen Knall sp√ľrt, weil der Gesellschaft der Gemeinsinn fehlt. Aber er kritisiert auch die Bundeskanzerlin Angela Merkel, in deren Politik er keine klare Linie erkennt. Sie sei eine blo√üe Taktikerin.

_Herr Reuter, Sie haben in der Vergangenheit Sorge vor ‚Äědem Knall‚Äú ge√§u√üert. Wovor genau haben Sie Sorge?_

Die Gefahr, dass es tats√§chlich zu einem veritablen gesellschaftpolitischen Knall kommen kann, liegt darin, dass uns offensichtlich schrittweise der Gemeinsinn verloren geht. Wir sind dabei, in eine Ich-Gesellschaft abzudriften und kein Gemeinschaftsgef√ľhl zu mehr haben. Wenn nur noch mein eigenes Wohl von Bedeutung ist und alles andere Schei√üegal, dann bestimme allein ich, was richtig ist. Dass die R√ľcksichtnahme auf andere, ja: zu meinen Lasten Opfer zu bringen, in meinem eigenen Interesse liegen kann, damit auch die anderen M√∂glichkeiten und Chancen erhalten, das ist das, was die SPD nicht mehr verk√∂rpert.

_Hatte Karl Marx dann mit seiner Klassenkampftheorie doch Recht?_

Ich gestehe, ich habe noch nie alle B√§nde des Kapitals mit hohem Interesse gelesen. Wohl allerdings das ‚ÄěKommunistische Manifest‚Äú von vorne bis hinten mit gro√üer Begeisterung. Und ich habe noch nie verstanden, weshalb Karl Marx immer als absolut Radikaler bel√§chelt wurde, weil er vom Aufstand des Proletariats geredet hat. Ich denke schon, dass er ein, vielleicht wegen seines Aussehens und Auftretens, √ľbersch√§tzter Mann gewesen ist, aber er war einer, der seinen Finger in eine gewaltige Wunde gelegt hat und es absolut verdienen w√ľrde, dass er heute noch ernstgenommen wird. Nicht in dem pervertierten Sinne, den Lenin daraus gemacht hat, der schlie√ülich in dieser schrecklichen Misinterpretation geendet ist, dass die Partei bestimmt was richtig ist und alles andere zu verschwinden hat. Also das, was so schrecklich im vergangenen Jahrhundert unter dem Stichwort Stalin stattgefunden hat. Das meine ich nat√ľrlich nicht. Aber, dass an dem Gedanken von Marx, dass dies im Grunde genommen eine Gesellschaft ist, die sich zum Schluss selber auffrisst, dass da etwas erheblich ernstzunehmendes dran ist, das glaube ich tats√§chlich.

_Sie sagten gerade, dass Sie das kommunistische Manifest mit Begeisterung gelesen haben. Es gibt das bekannte Zitat, dass derjenige, der mit 20 kein Sozialist sei, kein Herz hätte und derjenige, der es mit 40 noch ist, keinen Verstand hätte. Wie sieht es mit jemandem aus, der es mit 91 noch ist?_

Der ist vielleicht ein bisschen traurig. Traurig dar√ľber, dass sich offensichtlich Vernunft, Verantwortungsbewusstsein so schwer tun, sich durchzusetzen. Alle Analysen der gesellschaftlichen Situation und Entwicklung, nicht nur im reinen soziologischen Sinne, sondern im soziopolitischen Sinne, sind ja wundersch√∂n und es ist herrlich, dar√ľber zu diskutieren. Aber zum Schluss gibt es keine Analyse und keine Theorie, die einfach ohne wenn und aber richtig ist und durchgesetzt werden muss, sondern es bedarf immer der Kompromisse, der Vernunft, der Ruhe und des Verantwortungsbewusstseins. Und zum Verantwortungsbewusstsein geh√∂rt f√ľr mich entscheidend zu wissen, und innerlich davon √ľberzeugt zu sein, dass kein menschliches Wesen im Laufe eines kurzen Lebens -und jedes Leben ist zwangsl√§ufig kurz – die Weichen f√ľr die ganze Menschheit anders stellen kann, als sie bislang waren. Das hei√üt, wenn Sie wollen im Sinne von Popper, Verantwortungsbewusstsein mit der Ma√ügabe verstehen, immer noch Spielraum zu lassen, die Dinge auch wieder r√ľckg√§ngig zu machen, die man angefangen hat oder Fehler zu korrigieren, die passiert sind. Wer immer nur meint, Hauruck mit dem Kopf durch die Wand, der ist f√ľr mich als Politiker nicht ernst zu nehmen. Das gilt √ľbrigens nicht nur in politischer Hinsicht, das gilt auch in unternehmerischer oder gesellschaftspolitischer Hinsicht.

_Bei den letzten Ausf√ľhrungen hatten Sie sicherlich Pr√§sident Trump im Sinne?_

Dass die Mehrheit der amerikanischen W√§hler einen Immobilienspekulanten mit entsprechend eingeschr√§nkten geistigen F√§higkeiten zu ihrem Pr√§sidenten gew√§hlt hat, ist die eine Realit√§t, mit der wir leben m√ľssen ‚Äď und mit der Hoffnung, dass sie nicht in einer Weltkatastrophe endet.

_Sie sind jetzt seit 72 Jahren in der SPD. Was bekommt man eigentlich zum siebzigjährigen Jubiläum in der SPD?_

Eine Nadel. Soweit ich mich entsinne, eine sch√∂ne Nadel und ‚Äď ich bin kein gro√üer Freund von solchen Jubil√§umsgeschenken, und von vielen Lobreden schon gar nicht – ich glaube eine fulminante Gro√üausgabe der Schriften von Willy Brandt. Das sind etwa zwei laufende Meter knall rot gebundenes Material.

_Hatten Sie jemals ein Amt in der SPD innegehabt?_

Nein, kein einziges.

_Sie haben sich ja damals bewusst f√ľr die Wirtschaft entschieden. Weshalb sind Sie eigentlich nicht in die Politik gegangen? Hat Sie das nie gereizt?_

Nat√ľrlich h√§tte mich das gereizt. Als ich mit meiner Ausbildung und meinem Jura-Studium fertig war hatte mich Willy Brandt direkt gefragt: Du machst doch jetzt Partei. Ich sagte ihm dann: nein.

_Sie hatten ein enges Verh√§ltnis zu Willy Brandt. Ich nehme an, dass der Kontakt damals √ľber Ihren Vater zustande kam?_

Ja, ich habe ihn sehr gut pers√∂nlich gekannt, urspr√ľnglich √ľber meinen Vater. Nach dessen Tod haben wir eng zusammengearbeitet. Zusammen mit Richard Lowenthal schrieb Brandt ja eine Biographie √ľber ihn. Ich sagte ihm damals: ‚ÄěWilly, irgendwann ja, aber ich will zun√§chst einmal – und das ist f√ľr mich eine entscheidende Voraussetzung, um in die Politik zu kommen – innerlich und pers√∂nlich unabh√§ngig werden. Mit anderen Worten, ich will eine berufliche Grundlage haben, die es mir in der Politik jeden Tag erm√∂glicht zu sagen: Danke, ich habe genug. Mir war diese Unabh√§ngigkeit sehr wichtig. Ich hatte gesehen, dass viele nicht √ľber diese Voraussetzung verf√ľgen. Ich wollte nicht davon abh√§ngig werden, dass mir die SPD direkt oder indirekt einen Lebensunterhalt finanziert. Deshalb interessierte mich eine T√§tigkeit in einem Unternehmen. Denn auch hier geht es um Gestaltung. Um t√§gliche, anpackende Gestaltung, wie in der Politik auch. Das hat Willy damals verstanden. Er hat sich noch darauf berufen, dass er als Journalist es aus anderem Blickwinkel genau so sieht wie ich. Und dann habe ich im Laufe der vielen Jahre, als sich mein Berufsweg in der Wirtschaft gestaltet hat, gar keine Gelegenheit mehr dazu gehabt. Ein Versuch, eine Zwischenl√∂sung zu finden, hat nicht geklappt.

_Eine Zwischenlösung?_

Es ging darum, Programmdirektor beim ZDF zu werden. Da wurde ein anderer, der SPD nahestehender Kandidat gew√§hlt. An dem Punkt hatte ich bei Daimler Benz gro√üen √Ąrger mit meinem damaligen Chef, Herrn Zahn, gehabt. Wirklich fundamentalen √Ąrger, sodass ich bei Daimler-Benz und meinem damaligen ‚Äď na ja: ein wenig durch die politische Vergangenheit gepr√§gten ‚Äď Chef hinschmei√üen wollte.

_Sie wurden auch mal als B√ľrgermeisterkandidat in Berlin gehandelt._

Als Scharping Kanzlerkandidat war, kam er auf mich zu und sagte: Komm in mein Team und such Dir jedes beliebige Ministeramt aus. Kurz danach gab es eine Anfrage zu einer Kandidatur bei der B√ľrgermeisterwahl in Berlin. In beiden F√§llen sagte ich ab, da ich in einer riesigen Verantwortung als Unternehmenschef war. Wir versuchten bei Daimler-Benz etwas ganz neues zu machen, das war ein schwieriger Weg, eine Gratwanderung. Da konnte ich nun wirklich nicht mittendrin sagen: Ich habe mich entschlossen, Au√üenminister zu werden. Das w√§re allen beteiligten Menschen im Unternehmen, aber auch gegen√ľber den Anteilseignern unfair gewesen. Ich sagte dann, lasst uns bitte nach der Wahl noch einmal sprechen, je nachdem, welche Konstellation sich dann ergibt. Das habe ich damals auch dem ‚ÄěSpiegel‚Äú erz√§hlt. Die haben das dann so dargestellt, als wollte ich f√ľr das Amt kandidieren, was wirklich nie der Fall gewesen ist. Es gibt einen weiteren Grund, den ich noch niemandem erz√§hlt habe.

_Sie machen mich neugierig._

Der lautet: ich bin doch nicht bescheuert. Ich wei√ü, dass sie in der Politik nichts machen k√∂nnen, wenn sie keine Hausmacht, kein Netzwerk haben, wenn Sie das nicht von der Pieke auf gelernt haben. Das ist ein Bl√∂dsinn, wenn jemand meint er k√∂nnte heute Politik und Morgen Wirtschaft, oder auch andersrum. Dazu geh√∂rt Wissen, Know-how, das hab ich nicht. Ich war und bin ein politischer Mensch, das treibt mich jeden Tag um. Aber ich bin nie so vermessen gewesen mir einzubilden, dass ich pl√∂tzlich ernsthaft eine politische Leitungsaufgabe √ľbernehmen k√∂nnte.

_Sie haben mal gesagt, dass Ihr Weg nach oben √ľber das Ansprechen von Missst√§nden f√ľhrte. Es ist bekannt, dass Sie gerne anecken. Missst√§nde ansprechen und anecken, damit w√§ren Sie f√ľr eine Karriere in der SPD doch gut ger√ľstet gewesen._

Sie meinen, es gab genug Missst√§nde? Nein, auch das will ich nicht idealisieren, ich bin doch keineswegs jeden Tag wie ein Gott durch die Gegend gerannt und habe allen Leuten gesagt was Sache ist und was richtig ist und wie falsch das ist, was die gerade machen. Nat√ľrlich nicht. Aber, ich war schon immer der Meinung, dass man fundamental wichtigen Fragen nicht ausweichen darf, indem man sich der Versuchung hingibt, zu polemisieren. Das hei√üt, dass man im Grunde genommen den Mut haben muss, zu sich selbst zu stehen. Das habe ich mein ganzes Leben lang einigerma√üen gut durchgehalten. Es ist auch nach wie vor meine feste Meinung, dass man anders nicht ernsthaft vor sich selber in den Spiegel schauen kann.

_H√§tte ein Politiker-Reuter etwas anders gemacht, als ein Wirtschaftsf√ľhrer-Reuter?_

Das sind ‚Äď wie gesagt – zwei unterschiedliche Professionen. Ich bin mir sicher, dass ich etwas anders gemacht h√§tte, weil ich beispielsweise den Umgang mit Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, anders verstehe und anders definiere, als das offensichtlich in weiten Teilen der Politik der Fall ist. Wenn ich ganz konkret anschaue was da im Streit zwischen Seehofer und S√∂der gelaufen ist, und wie das zwischen Seehofer und Merkel l√§uft, das ist nicht mein Stiefel. Das h√§tte ich auch so nie gemacht, oder besser gesagt, nie machen k√∂nnen. Da w√§re ich ja selber den Bach runtergegangen.

_Sie haben gelegentlich √∂ffentlich Kritik an Bundeskanzlerin Merkel ge√ľbt. Was ist Ihre Hauptkritik?_

Das ist relativ einfach. Meine Kritik ist ganz eindeutig, dass sie eine reine Taktikerin ist. Dass man bei ihr nie erkennt, wohin sie eigentlich will, was ihr grundlegendes Anliegen ist. Die ber√ľhmten grunds√§tzlichen Entscheidungen, die sie getroffen hat, sind Augenblicksentscheidungen gewesen. Der pl√∂tzliche Atomausstieg nach Fukushima. Zuvor war das Gegenteil richtig. Das Selbe gilt f√ľr die Fl√ľchtlingsfrage. Ich habe bei Frau Merkel noch nie erkannt, wo ihre klare Linie zu bestimmten grunds√§tzlichen Fragen ist. Vor allem zum Thema Europa. Frau Merkel hat immer gesagt, dass sie f√ľr eine Vertiefung, den weiteren Ausbau Europas sei. Aber wenn es darum ging, konkret in diese Richtung zu f√ľhren, ist Frau Merkel in einer Nachtsitzung der Staats- und Regierungschefs verschwunden. Am n√§chsten Tag taucht sie mit schwarzen Ringen um die Augen wieder auf und hat gesagt: Wir haben einen gro√üen Fortschritt gemacht. Aber welchen Fortschritt sie gemacht hat, habe ich nie erkannt. Das schlie√üt nicht aus, dass sie in vielen einzelnen Sachfragen unheimlich viel gemacht hat, sich ungeheuer eingesetzt und wirklich gek√§mpft hat. Aber das, was f√ľr meine Begriffe in einer Demokratie unverzichtbar ist, n√§mlich F√ľhrung, F√ľhrung hin zu klar benannten Sachzielen, das habe ich bei Frau Merkel noch nie erkannt. Ihr Ziel: wie bleibe ich an der Macht. Wie sie die M√§nner, die ihr im Wege standen, beiseite gerollt hat, fabelhaft. Viele Dinge, die sie auch in Sachen Europa gemacht hat: ja, sehr gut. Aber den Mut aufzubringen, einmal zu sagen dass Europa nur gelingen kann wenn wir auch bereit sind Opfer zu bringen, wir als Deutsche zu Gunsten der Gemeinschaft, das habe ich nie von Frau Merkel geh√∂rt. Obwohl ich sicher bin, dass sie das genau wei√ü.

_Dass Sie f√ľr eine fortschreitende Integration in Europa sind, ist bekannt. Wie weit w√ľrden Sie denn gehen? K√§me die sogenannte Schulden-Union f√ľr Sie in Frage?_

Das ist so ein Schlagwort: Schulden-Union. Normalerweise hei√üt es bei CDU oder FDP immer Transfer-Union. Sie werden lachen: auch. Aber keineswegs nur. Ich mach es mal so rum fest: wir haben im deutschen Grundgesetz bezogen auf die Bundesrepublik Deutschland einen Kernsatz der hei√üt: gleichwertige Lebensverh√§ltnisse in ganz Deutschland herzustellen. Das bedeutet, dass die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern genauso wie in Bayern die Chance haben, Wohlstand zu genie√üen, sich zu entwickeln, frei zu sein zu reisen usw. Gleichwertige Lebensverh√§ltnisse, wenn wir uns das nicht als Ziel in Europa vornehmen, und damit die Chance er√∂ffnen, dass es auch tats√§chlich f√ľr die Menschen sichtbare Fortschritte in diese Richtung gibt, k√∂nnen Sie alles vergessen, was Europa an Zielsetzungen hat. Das hei√üt, wir m√ľssen diese Chance er√∂ffnen, damit dies passiert.

Um auch da wieder auf Deutschland zur√ľckzukommen: Wir haben hier den ber√ľhmten Streit um den Bundesfinanzausgleich, der um dasselbe Thema geht. Transfer-Union hei√üt, dass aus Teilen Deutschlands, von einzelnen Bundesl√§ndern Geld an andere flie√üt, die noch nicht so weit sind. Wenn wir das in Europa nicht kapieren und umsetzen, k√∂nnen sie das Projekt Europa vergessen. Damit wir uns da nicht falsch verstehen: das schlie√üt nat√ľrlich nicht aus, dass die Bereitschaft, anderen L√§ndern Kredite zu geben oder anderen L√§ndern Teile des eigenen Steueraufkommens zukommen zu lassen, oder sogar Schulden zu erlassen, dass das an Bedingungen gekoppelt wird. Nat√ľrlich kann man sich die L√§nder nicht einfach nur verschulden lassen und wir √ľbernehmen das dann. Das geht nat√ľrlich nicht. Das b√∂sartige an dem Wort Transfer-Union, ist, dass man angeblich unser schwer erarbeitetes Transfergeld an Herrn Tsipras, oder an wen auch immer, verschenken will. Genau da bin ich anderer Meinung. Aber das ist einer der Punkte, die wir mal endlich diskutieren m√ľssten, aber genau dies passiert nicht.

_Aus Angst_

Ja, genau, weil jeder Angst hat vor dem n√§chsten W√§hlervotum hat. Um Gottes Willen, wenn wir so etwas offen sagen. Im Grunde genommen wei√ü heute jeder, dass die Schulden Griechenlands nie bezahlt werden. Kein Mensch kann ernsthaft erz√§hlen, dass die Schuldenberge, die Griechenland aufgeh√§uft hat, je zur√ľckgezahlt werden. Aber dann muss man auch mal den Mut haben zu sagen, dass dem so ist. Aber wollen wir trotzdem Griechenland unter diesen oder jenen Bedingungen, die wir ja gestellt haben, und die offensichtlich auch zum gro√üen Teil umgesetzt werden, dabei helfen, in Gang gebracht zu werden?. Da sind wir genau wieder an dem Punkt: was uns fehlt ist der Mut, offen schwierige, komplexe und m√∂glicherweise opferreiche Notwendigkeiten zu benennen und auch dazu zu stehen. Genau das hat Frau Merkel nie getan. Aber so what. Das √§ndert nichts daran, dass sie eine gro√üartige Bundeskanzlerin ist.

_Ich glaube Lafontaines SPD war es, die damals gemerkt hat, wie man mit der Wahrheit_
_eine Wahl verlieren kann._

Oh ja, das hat Oskar erfahren.

_Von gleichen Lebensbedingungen sind wir nicht nur in Europa sondern auch in Deutschland weit entfernt._

Wobei das, nebenbei bemerkt, nicht bedeutet, dass jeder Facharbeiter bei BMW in den exakt gleichen Lebensbedingungen lebt, wie ein Ackerbauer in Mecklenburg Vorpommern. Das ist nicht gesagt, aber die Chancen und die M√∂glichkeiten, das allgemeine Umfeld, die m√ľssen gleich sein.

_Ein Hebel um dies zu √§ndern ist die Steuerpolitik. Sie haben einmal einen Einkommenssatz von 60 Prozent f√ľr Spitzenverdiener gefordert‚Ķ_

Gefordert habe ich das nicht, aber ich w√ľrde das ohne weiteres f√ľr sinnvoll erachten.

_Nennen wir es also bef√ľrwortet. Von einer derartigen Forderung ist die SPD heute weit entfernt._

Ja, das ist so. Auch da wieder aus der immer wieder verst√§ndlichen, aber trotzdem falschen Einstellung: wenn wir diese Klientel ver√§rgern, die dann jeden Tag sagt, dass die SPD die Partei der Enteignung ist, dann kostet uns das zu viele Stimmen. Das geh√∂rt zu dem gleichen Mangel an Mut. Dabei k√∂nnte man das doch kontrovers diskutieren. Wer mir ‚Äď bitte, das tut mir leid, aber da mache ich etwas kindische Anmerkungen – glaubhaft machen m√∂chte, dass es fair ist, wenn Herr Winterkorn denselben Steuersatz bezahlt wie jemand, der zwar eine hohe Position erreicht hat, aber bei weitem nicht vergleichbar ist, da kann ich mir nur an den Kopf fassen, das kann doch wohl nicht wahr sein. Es ist ja im Allgemeinen auch in Vergessenheit geraten, dass es in der Nachkriegszeit in Amerika eine Phase gab, wo der Spitzensteuersatz bei weit √ľber 70 Prozent lag. Deswegen ist, soweit ich das verstehe, Amerika nicht Pleite gegangen. Das sind diese Schnellsch√ľsse. Irgendwo gibt es nun einmal f√ľr mich den Begriff der Gerechtigkeit. Ich gebe gerne zu, dass dies aus dem hohlen Bauch herauskommt.

_Wie finden Sie es, wenn der neue SPD Finanzminister Olaf Scholz die schwarze Null als glorreich preist?_

Das k√∂nnen Sie von einem Finanzminister nun wirklich nicht erwarten, dass er sich als erstes von der Politik der schwarzen-Null verabschiedet und fortan eine Politik macht, in der wir das Geld dort ausgeben, wo es richtig ist. Was ich von der bisher gezeigten Gestaltungskraft von Herrn Scholz halte, das steht auf einer anderen Seite. Ich habe von ihm noch nichts gesehen, was da r√ľberkommt, au√üer ein: weiter so.

_Sind Sie eigentlich Wutb√ľrger?_

Nein, das bin ich mit Sicherheit nicht. Ich bin einer, der sich manchmal furchtbar √§rgert, furchtbar w√ľtend ist. Aber ein Wutb√ľrger, einer, der gerne auf die Stra√üe geht, das bin ich nicht. Wir sitzen hier ja gerade gegen√ľber von Stuttgart 21, und nehmen Sie mir mal ab, ich war zu Anfang, als das Ganze losging, durchaus ein Anh√§nger von dem Projekt. Wurde dann aber sehr schnell ein dezidierter Gegner. Wutb√ľrger hei√üt auf die Stra√üe gehen, Faust hochrecken, Plakate hochhalten. Das hat f√ľr meine Begriffe noch nie etwas Ernsthaftes bewirkt. Wut wirkt sich vielleicht aus, wenn ich bei der Wahl meine Stimme abgebe. Aber rumschreien und sagen es sei alles Schei√üe und Mist in diesem Land, nein, das ist nicht mein Stil. Mein Stil ist, den Mut zu haben zu diskutieren, den Kopf auch daf√ľr hinhalten, auch beschimpft zu werden. Die Erfahrung habe ich in meinem Leben schon ein bisschen gemacht.

_Sie schreiben lieber B√ľcher, als auf die Stra√üe zu gehen?_

In gewissem Sinne ja, aber das ist kein entweder oder. Auf die Stra√üe gehen ist ja nur ein Mittel, seine Meinung zu sagen. B√ľcher schreiben ist ein anderes. Aber es gibt ja noch weitere, um Unmut kundzutun. Man kann das auch in Interviews mit Kollegen machen.

_Arbeiten Sie an einem neuen Buch?_

Nein.

_Planen Sie nochmal eines?_

Wissen Sie, ganz rational betrachtet, kommen sie irgendwann in ihrem Lebensablauf an eine Situation wo sie sagen: Moment mal, ist ja ganz toll was du da denkst oder noch toller, wie du es formulierst, du bist ja der Gr√∂√üte. Aber vielleicht solltest Du jetzt mal anderen Leuten, die alterm√§√üig aktivit√§ts- und intelligenzm√§√üig noch am Ball sind, das Wort √ľberlassen, du kannst die Welt eh nicht √§ndern. An so einem Punkt kommt man und dann wei√ü man, dass Schluss ist. Das hei√üt ja nicht, dass, wenn man mal wieder einen tollen Einfall hat, man sich dann nicht zu Wort melden kann. Aber man muss nicht alle Nasen l√§ngelang ein Buch schreiben. Zumal sie im Laufe der Zeit Erfahrung sammeln, wie dieser Markt funktioniert. Interessant werden Sachen nur, wenn sie irgendwie brutale Sensationen auf den Markt knallen, sonst interessiert das keinen Menschen. Also, eindeutig nein.

_Nicht, dass Ihnen langweilig wird._

Nein, das wird mir sicher nicht.

_Sie haben einmal gesagt, dass das Primat der Politik seinen unverzichtbaren Vorrang behalten muss. Hat es den eigentlich noch?_

Ich habe zunehmen Zweifel, ob das so ist. Ich geh√∂re zwar nicht zu denen, da sind wir wieder beim Stichwort ‚ÄěWutb√ľrger‚Äú oder ‚ÄěKommunisten‚Äú, aber in Richtung Karl Marx geht die Thematik ja. Hat eigentlich die Wirtschaft im weitesten Sinne des Wortes, und konkret die Unternehmenswirtschaft, viel mehr Einfluss auf die politische Entwicklung, als die eigentliche Politik? Jetzt k√∂nnen Sie nat√ľrlich sofort einen Beleg daf√ľr ins Feld f√ľhren, der hei√üt Trump. Der Herr Trump ist ein verr√ľcktgewordener, idiotischer Unternehmer der meint, Politik sei identisch mit einem Teppichbasar und handelt entsprechend. Und tats√§chlich bestimmt er Politik, das ist so. Es gibt also Belege daf√ľr und es gibt auch gen√ľgend weitergehende Belege daf√ľr, denken Sie beispielsweise an Google oder Amazon, die bestimmen mit ihren Unternehmensinteressen grundlegende, politische, weltweite Entscheidungen. Das alles trifft durchaus zu. Aber, dass es schon so weit gekommen ist, dass gro√üe Unternehmen Weltpolitik bestimmen: Nein, das ist eindeutig noch nicht so und das wird auch hoffentlich nicht passieren. Trotzdem leugne ich keine Sekunde meine einschl√§gige Sorge: Dass unter dem Druck der Globalisierung, unter dem Druck der Digitalisierung – die beide in die Richtung gehen, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet – immer st√§rker der Spielraum f√ľr Unternehmensinteressen w√§chst, und, dass Wirtschaftsinteressen zum Schluss die Politik bestimmen.

_Was treibt Sie an wenn Sie ein Buch schreiben, wenn Sie in der Diskussion mit Freunden sind, Interviews geben…_

Das ist ganz einfach und da kolportiere ich einen Spruch, den sich andere schon vorgenommen haben: auf meinem Grabstein wird mal stehen, oder sollte mal stehen, wenn meine Frau zustimmt: ‚ÄěDer hat sich bem√ľht‚Äú. Das ist das ganze Motiv.

_Ist der Tod ein Thema f√ľr Sie?_

Nein, ich weiß ja, dass ich sterben muss. Was heißt muss, sterben werde und das ist kein Thema. Ich muss mich nicht vor irgendeiner Ewigkeit rechtfertigen, bewahrheiten oder bewähren.

_Was möchten Sie denn in diesem Leben noch erreichen?_

Das ist mit einem Negativsatz leicht gesagt, dass ich möglichst wenigen Menschen möglichst selten weh tue.

_Dann k√∂nnten Sie die Haust√ľr hinter sich zu machen und d√ľrften nicht mehr vor die T√ľre._

Das ist ein sehr richtiger Hinweis, den ich sofort akzeptiere. Nur, nicht weh tun heißt ja nicht, dass ich nicht gerne Leute ärgere. Und das möchte ich weiter tun. Nämlich den Mund aufmachen, wenn ich eine andere Meinung habe. Fertig.

_Daf√ľr weiterhin beste Gesundheit_

Vielen Dank.

Aljoscha Kertesz

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