Die Bürger halten es schon aus, wenn man ihnen reinen Wein einschenkt. Wolfgang Schäuble

Was das Weib am besten kann

Diskriminierung im Kleid der Wissenschaft: 1875 analysiert der Harvard-Mediziner Edward Clarke, warum Eierstöcke nicht an die Uni gehören.

Die Frage nach der Rolle der Frau – um den modernen Begriff zu benutzen – ist keine abstrakte Frage nach richtigen oder falschen Rollen. Die Antwort muss in der Physiologie gesucht werden, nicht in der Ethik. Kant oder Calvin, die Kirche oder der Papst können keine passenden Antworten liefern.

Die Frau hat ein Recht darauf, all das zu tun, wozu sie fähig ist. Doch diese selbstverständliche Feststellung beantwortet nicht die Frage, was sie denn eigentlich tun kann. Und: Was sie am besten kann. Eine Frau kann den Pflug und die Nadel führen. Wenn sie beides besser kann als der Mann, dann sollte sie sowohl Bäuerin als auch ­Näherin sein. Wenn aber der Mann im Allgemeinen den Pflug besser führen kann als die Frau, und sie besser mit der Nähnadel umgehen kann als er, so sollten sie ihre Arbeit dementsprechend teilen. Er sollte Herr über den Pflug sein; sie Herrin über Nadel und Zwirn. […]

Mädchen spüren den Mütterlichen Instinkt

Es gibt in dieser Sache keine Minderwertigkeit oder Überlegenheit. Der Mann ist der Frau nicht überlegen, und die Frau nicht dem Mann. Die ­Beziehung zwischen den Geschlechtern basiert auf Gleichheit und nicht auf höherer oder niedrigerer Stellung. Das bedeutet natürlich nicht, dass Mann und Frau sich immer gleichen. Im Gegenteil: Sie unterscheiden sich deutlich voneinander und können auf ihre jeweilige Art das tun, was der andere nicht zu tun vermag, und können ­andere Dinge unterschiedlich gut tun und manche Dinge gleich gut.

Während der Kindheit gleichen sich Jungen und Mädchen weitgehend. Sie reden und raufen, jagen Schmetterlingen nach, klettern über Zäune, lieben und hassen und leben allgemein mit einer Hingabe, die keine Geschlechtergrenzen kennt. Doch der aufmerksame Beobachter kann feine ­Unterschiede erkennen: Das Mädchen spürt tief in sich bereits den mütterlichen Instinkt und wiegt sanft ihre Puppe im Arm, während ihr Bruder kalt dreinblickend daneben steht. Der junge Achilles greift sich das Schwert und nicht die Spinnnadel.

Je weiter das Alter voranschreitet, desto stärker unterscheiden sich die Geschlechter. Die Körper von Jungen und Mädchen entwickeln sich auseinander und verlangen nach separater Erziehung. […] Die Entwicklung der weiblichen Eierstöcke – welch eine wundersame und wunderbare Vorrichtung, mit immenser Bedeutung für die Menschheit! – vollzieht sich über eine relativ kurze Zeit im Jugendalter. Der männliche Körper kennt keine vergleichbare Belastung; er muss keine Fabrik innerhalb der Fabrik des Körpers aufbauen, keine Haus innerhalb seines Hauses. Der Mann wächst stetig von der ­Geburt bis zum Erwachsenenalter heran.

Es ist wichtig, dass die Erziehung der Frau dieser­ Besonderheit Rechnung trägt und ihrem Körper ausreichend Gelegenheit einräumt, die Eierstöcke und verwandten Organe in gesunder Weise herauszubilden. Dazu kommt, dass der Körper der Frau nur einmal fähig ist, den Fortpflanzungsmechanismus richtig zu entwickeln. Wenn es nicht im Jugendalter der Frau geschieht, wird es ­danach niemals vollkommen erreicht werden. […] Mir sind Beispiele bekannt, in denen die Entwicklung der Eierstöcke von Frauen vorzeitig abbrach. Diese Frauen haben einen Universitätsabschluss gemacht und sind exzellente Wissenschaftlerinnen geworden, aber ihre Eierstöcke blieben nutzlos. Sie haben geheiratet und konnten doch niemals Kinder bekommen. Ein System kann sich nur auf eine Aufgabe konzentrieren. Die Muskeln und das Gehirn können nicht gleichzeitig Höchstleistungen abrufen. […]

Vier Faktoren für die optimale Frau

Die Spezialisierung auf eine Aufgabe ist ein grundsätzliches physiologisches Prinzip. Es lässt sich ­anwenden auf die Entwicklung des menschlichen Körpers und auf die Ausübung seiner Funktionen. Wenn Kinder dazu gezwungen werden, sich exzessiver körperlicher oder geistiger Arbeit zu unterziehen, wird ihre Entwicklung notwendigerweise darunter leiden. Der Lehrer, der seinen Schülern zu viel aufbürdet, gefährdet ihre Entwicklung in anderen Bereichen. Der Schüler ist gezwungen, seine Zeit auf der Schulbank zu verbringen, Geografie, Arithmetik, ­Latein, Griechisch oder Chemie zu lernen, und ist demzufolge unfähig, Blut- und Muskelzellen herzustellen und körperlich zu wachsen. Das Ergebnis: ein monströses Gehirn und verkrüppelte Körper, enorme kognitive Fähigkeiten und eine gestörte Verdauung, freie Gedanken und verstopfte Därme, große Ambitionen und psychische ­Neurosen. […]

Es ist daher offensichtlich, dass die Bildung der Frau vier Faktoren Rechnung tragen muss: Erstens, eine ausreichende Versorgung mit Nährstoffen muss sichergestellt sein. Zweitens, die katamenialen Anforderungen des Körpers – und besonders die Entwicklung der Fortpflanzungsorgane – dürfen nicht gestört werden. Drittens, körperliche und mentale Belastungen müssen soweit beschränkt werden, dass sie die sexuelle Entwicklung der Frau nicht behindern. Viertens, für ausreichend Schlaf muss gesorgt sein.

Textauszug aus „Freie Gedanken und verstopfte Därme“ (1875). Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Herbert Ammon, Thomas Punzmann, Albert Wunsch.

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 1/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Zwei Jahre nach der großen „Aufschrei“-Debatte ziehen wir eine ernüchternde Bilanz: Es hat sich kaum etwas geändert. Schlimmer noch, der Kampf um die Emanzipation der Frau wird noch immer mit Argumenten aus dem 19. Jahrhundert geführt. Grund genug, diese historische Debatte nachzuzeichnen.

Zudem: Drei Gedanken, die 2015 unseren Wohlstand retten. Ein Königshaus für Europa. Warum Armen und Reichen Deutschland scheißegal ist. Haltung in der Politik. Dazu Gespräche mit Jeffrey Sachs, Petra Pau, Jeremy Rifkin

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