Natürlich muss die Gesellschaft beim Thema Zuwanderung auch einen gesunden Egoismus an den Tag legen. Götz Widmann

Die goldene Kugel geben

So gut gemeint die großflächige Versorgung unterentwickelter Länder mit IT-Technologie ist, so sehr geht sie am Kern des Problems vorbei. Wenn Entwicklungszusammenarbeit nicht auf regionale Umstände flexibel reagiert und Technik weiterhin als eine Art goldene Kugel begreift, helfen wir höchstens der westlichen Computerindustrie.

Komplexe Probleme brauchen komplexe Lösungen. Regionale Umstände verlangen nach regionalen Antworten. Diese zwei Punkte sollten eigentlich grundlegend für die internationale Entwicklungszusammenarbeit sein. Sie basiert auf dem Konsens, dass die Bestrebungen von Entwicklungs- und Schwellenländern gleichermaßen von allgemeingültigen Lebensstandards und von lokalen Erwartungen, Praktiken und Vorurteilen abhängig sind. Entwicklungszusammenarbeit ist multidimensional; und oftmals ist Technologie ein Teil der vorgeschlagenen Lösungsansätze. Unterstützung ist notwendig – aber leider ist sie oftmals eher Hindernis als Hilfestellung.

Hilfe ist nicht gleichbedeutend mit Fortschritt

Dabei ist das Problem gar nicht, dass Entwicklungszusammenarbeit keine neuen Ansätze hervorbringen oder verfolgen kann. Doch Hilfe ist oftmals an Erwartungen gekoppelt, die nichts mit den lokalen Kulturen zu tun haben und die Konsequenzen der Zusammenarbeit aus den Augen verlieren. Hilfe ist nicht gleichbedeutend mit Fortschritt. Das ist vor allem im Kontext der technologischen Entwicklung ersichtlich. Kommunikationsbasierte Programme zielen auf die Lösungen nationaler Probleme ab und funktionieren nur, wenn die Anwendung entlang genau definierter Richtlinien erfolgt.

Das Programm “One Laptop Per Child” (OLPC) ist ein gutes Beispiel dafür. Es hat eine stark ideologisch gefärbte Komponente: Die Annahme, dass die Technologisierung eine goldene Kugel darstellt, die immer ins Schwarze trifft. Da macht es auch keinen Unterschied, dass lokale Einschätzungen andere Prioritäten setzen. Projekten wie OLPC fehlt die Selbstreflexion. Sie fordern: „Hier habt ihr ein Werkzeug. Jetzt ändert euer Verhalten so, dass ihr es auch benutzen könnt!“

Trotz der Irrsinnigkeit dieser Überlegungen glauben die Macher von OLPC immer noch daran, das Leben der Menschen zwischen Afghanistan und Uruguay verändern zu können. Am Ende bleibt ein Werkzeug auch nur ein Mittel zum Zweck. Erfolg hängt von Engagement und Kompromissbereitschaft auf lokaler Ebene ab, er kommt nicht per Fallschirm angeschwebt, sondern wird vor Ort erarbeitet.

Viele Programme helfen vor allem Firmen aus den Herkunftsländern

Natürlich sind viele technologiebasierte Ansätze vielschichtiger als OLPC. Hinter dem Fachjargon verbirgt sich dabei oftmals der Wille, einem größeren Anteil der Bevölkerung zu helfen. Das Versprechen: Die Anwendung von Kommunikationstechnologien im Bereich der Landwirtschaft, der Gesundheitsversorgung oder der Bildung kann interessante neue Perspektiven aufzeigen.

Doch darin liegt das Problem. Wenn man die Ursachen ignoriert, die Entwicklungszusammenarbeit überhaupt notwendig machen, wird man am Ende scheitern. Das ist so, als ginge man davon aus, dass ein Reiseführer wirklich dazu beitragen kann, dass Touristen ein Land „verstehen“ und nicht ihre Bedürfnisse auf Kosten der lokalen Bevölkerung priorisieren. Gleichsam ist es naiv und herablassend, davon auszugehen, dass Menschen auf das Angebot der technologischen Hilfe auf ganz bestimmte Art reagieren werden. Wenn man Entwicklungsländer zwingt, solche Programme umzusetzen, hilft es vor allem den Firmen in den Herkunftsländern und dem Gewissen der dortigen Spender.

Ein nachhaltiger Plan für die Zusammenführung von Technologie und Entwicklungshilfe sollte mit dem Ansatz beginnen, dass die Menschen vor Ort nach ihren Bedürfnissen gefragt werden und eigenständig Lösungsansätze entwickeln. Nur unter diesen Konditionen kann Technologie wirklich zu einer Verbesserung der Situation beitragen. Der traditionelle Ansatz funktioniert nicht, hat nie funktioniert und wird nie funktionieren.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Yasin Sebastian Qureshi, Lioudmila Chatalova, Pierre Lucante.

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