Die goldene Kugel geben

von Eduardo Villanueva29.04.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

So gut gemeint die großflächige Versorgung unterentwickelter Länder mit IT-Technologie ist, so sehr geht sie am Kern des Problems vorbei. Wenn Entwicklungszusammenarbeit nicht auf regionale Umstände flexibel reagiert und Technik weiterhin als eine Art goldene Kugel begreift, helfen wir höchstens der westlichen Computerindustrie.

Komplexe Probleme brauchen komplexe Lösungen. Regionale Umstände verlangen nach regionalen Antworten. Diese zwei Punkte sollten eigentlich grundlegend für die internationale Entwicklungszusammenarbeit sein. Sie basiert auf dem Konsens, dass die Bestrebungen von Entwicklungs- und Schwellenländern gleichermaßen von allgemeingültigen Lebensstandards und von lokalen Erwartungen, Praktiken und Vorurteilen abhängig sind. Entwicklungszusammenarbeit ist multidimensional; und oftmals ist Technologie ein Teil der vorgeschlagenen Lösungsansätze. “Unterstützung ist notwendig – aber leider ist sie oftmals eher Hindernis als Hilfestellung(Link)”:http://www.theeuropean.de/nazir-peroz/6345-it-strategie-fuer-entwicklungslaender.

Hilfe ist nicht gleichbedeutend mit Fortschritt

Dabei ist das Problem gar nicht, dass Entwicklungszusammenarbeit keine neuen Ansätze hervorbringen oder verfolgen kann. Doch Hilfe ist oftmals an Erwartungen gekoppelt, die nichts mit den lokalen Kulturen zu tun haben und die Konsequenzen der Zusammenarbeit aus den Augen verlieren. Hilfe ist nicht gleichbedeutend mit Fortschritt. Das ist vor allem im Kontext der technologischen Entwicklung ersichtlich. Kommunikationsbasierte Programme zielen auf die Lösungen nationaler Probleme ab und funktionieren nur, wenn die Anwendung entlang genau definierter Richtlinien erfolgt. Das Programm “One Laptop Per Child” (“OLPC(Link)”:http://one.laptop.org/) ist ein gutes Beispiel dafür. Es hat eine stark ideologisch gefärbte Komponente: Die Annahme, dass die Technologisierung eine goldene Kugel darstellt, die immer ins Schwarze trifft. Da macht es auch keinen Unterschied, dass lokale Einschätzungen andere Prioritäten setzen. Projekten wie OLPC fehlt die Selbstreflexion. Sie fordern: „Hier habt ihr ein Werkzeug. Jetzt ändert euer Verhalten so, dass ihr es auch benutzen könnt!“ Trotz der Irrsinnigkeit dieser Überlegungen glauben die Macher von OLPC immer noch daran, das Leben der Menschen zwischen Afghanistan und Uruguay verändern zu können. Am Ende bleibt ein Werkzeug auch nur ein Mittel zum Zweck. Erfolg hängt von Engagement und Kompromissbereitschaft auf lokaler Ebene ab, er kommt nicht per Fallschirm angeschwebt, sondern wird vor Ort erarbeitet.

Viele Programme helfen vor allem Firmen aus den Herkunftsländern

Natürlich sind viele technologiebasierte Ansätze vielschichtiger als OLPC. Hinter dem Fachjargon verbirgt sich dabei oftmals der Wille, einem größeren Anteil der Bevölkerung zu helfen. Das Versprechen: Die Anwendung von Kommunikationstechnologien im Bereich der Landwirtschaft, der Gesundheitsversorgung oder der Bildung kann interessante neue Perspektiven aufzeigen. Doch darin liegt das Problem. Wenn man die Ursachen ignoriert, die Entwicklungszusammenarbeit überhaupt notwendig machen, wird man am Ende scheitern. Das ist so, als ginge man davon aus, dass ein Reiseführer wirklich dazu beitragen kann, dass Touristen ein Land „verstehen“ und nicht ihre Bedürfnisse auf Kosten der lokalen Bevölkerung priorisieren. Gleichsam ist es naiv und herablassend, davon auszugehen, dass Menschen auf das Angebot der technologischen Hilfe auf ganz bestimmte Art reagieren werden. Wenn man Entwicklungsländer zwingt, solche Programme umzusetzen, “hilft es vor allem den Firmen in den Herkunftsländern(Link)”:http://www.theeuropean.de/robert-bichler/6351-e-kolonialisierung-durch-ikt und dem Gewissen der dortigen Spender. Ein nachhaltiger Plan für die Zusammenführung von Technologie und Entwicklungshilfe sollte mit dem Ansatz beginnen, “dass die Menschen vor Ort nach ihren Bedürfnissen gefragt werden(Link)”:http://www.theeuropean.de/uwe-afemann/6335-ikt-in-der-entwicklungszusammenarbeit und eigenständig Lösungsansätze entwickeln. Nur unter diesen Konditionen kann Technologie wirklich zu einer Verbesserung der Situation beitragen. Der traditionelle Ansatz funktioniert nicht, hat nie funktioniert und wird nie funktionieren.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Gedanken zum Widerstandsrecht

,,Was wolltest Du mit dem Dolche, sprich?“ - ,,Die Stadt vom Tyrannen befreien!“ So ist es im Gedicht „Die Bürgschaft“ von Friedrich Schiller zu lesen. Er schreibt im Schauspiel „Wilhelm Tell“:,,Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht ... Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu