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Kommt bald die europäische Superliga?

Der ehemaliger Ministerpräsident Bayerns und langjähriger FC Bayern Funktionär, Edmund Stoiber, spricht im Interview über die negativen Entwicklungen in der Bundesliga, über den Traum einer europäischen Superliga und mehr Fair Play in der Transferpolitik.

Was machen Sie samstags um 15.30 Uhr?

Wenn es zeitlich passt, bin ich in der Allianz Arena. Von den 17 Bundesliga-Heimspielen schaue ich mir zwölf bis 13 an. Als Vorsitzender des Verwaltungsbeirates und Aufsichtsratsmitglied gibt es auch immer etwas zu besprechen, mit Kalle Rummenigge, Uli Hoeneß oder den Kollegen aus dem Beirat.

Ihre starke Verbundenheit zum FC Bayern ist bekannt.

Der FC Bayern hat immer intensiv zu meinem Leben gehört, ich bin dort länger Mitglied als in der CSU! Sicher, in meiner sehr aktiven Zeit zunächst als Minister und dann als Ministerpräsident habe ich nicht jedes Spiel sehen können. Aber auf fünf, sechs Spiele habe ich es damals auch jede Saison gebracht.

Macht es Ihnen denn noch Spaß, sich die Bundesligaspiele anzuschauen?

Ja, natürlich. Es ist allerdings richtig, dass sich alle europäischen Ligen verändert haben. Der Abstand zwischen dem oder den Spitzenvereinen und dem unteren Drittel ist im Laufe der letzten Jahre größer geworden.

Womit hängt das zusammen?

Das hängt insbesondere mit der außergewöhnlich hohen Bedeutung der Champions League bei den Fernsehzuschauern in aller Welt und den daraus resultierenden Fernseheinnahmen für die Clubs zusammen. Für die Spitzenvereine in Europa ist die Champions League mit das wichtigste Ziel. Bei Real Madrid steht sie klar über der nationalen Meisterschaft. Das gilt allerdings nicht für Bayern München. Der deutsche Meistertitel bleibt für uns der Hauptanspruch. Die nationale Meisterschaft ist ja auch der fairste Titel. Man kann mal ein oder zwei Spiele mit Glück gewinnen und einen wesentlich besseren Gegner schlagen, allerdings nicht bei 17 Heim- und 17 Rückspielen.

Gibt es weitere Gründe, weshalb der Abstand größer geworden ist?

Wenn Sie sich Spitzenvereine wie Manchester City, Manchester United, Liverpool, Paris St. Germain, Juventus Turin, Real Madrid oder den FC Barcelona anschauen, dann haben diese eine große Substanz an exzellenten Spielern gewonnen. Dadurch haben sie einfach einen Vorsprung vor den anderen nationalen Konkurrenten. Im Rahmen der Europäisierung gibt es aus diesen Clubs immer wieder die Idee, eine europäische Superliga zu schaffen. Das liegt im Trend und wird in den nächsten fünf, sechs Jahren ein größeres Thema werden. Ich hoffe allerdings, dass es dazu nicht kommen wird, weil sie eine massive Abwertung der nationalen Ligen bedeuten würde.

Welches Potential sehen Sie bei den Bundesligavereinen?

Wir hätten auch in Deutschland Substanz: allen voran z.B. der BVB. Aber auch Leipzig und Schalke können europäische Spitzenclubs werden. Wir brauchen einfach wieder mehr deutsche Erfolge im europäischen Fußball und zwar nicht nur in der Champions League. Das wäre wirklich wichtig für die Bundesliga und das wird leider derzeit unterschätzt. In der Europa League haben wir in den vergangenen 20 Jahren keine entscheidende Rolle gespielt. Vielleicht wird das deswegen auch nicht so ernst genommen. Mir wäre es lieber, wenn mehr deutsche Clubs auf der europäischen Spitzenbühne spielten, als nur Bayern München. Ab dem Viertel- oder Halbfinale sind wir dort ja oft alleine.

Kommen wir nochmal zum Spaß der Bundesliga. Meine Frage hatte sich auf die entstandene Langeweile in der Bundesliga bezogen, da sich Bayern gerade die sechste Meisterschaft in Folge gesichert hat.

Das ist eine Betrachtungsweise, die den Zahlen nicht standhält. Die Bundesliga ist durch und durch solide finanziert, die meisten Stadien sind voll ausgelastet. Es gibt pro Saison 14 Millionen Stadionbesucher, hinzu kommen die vielen Millionen Fernsehzuschauer. Die Zuschauerzahlen in der Bundesliga sind nicht alleine von der Meisterfrage abhängig. Drei Vereine wollen neben dem Meister in die Champions League, zwei oder drei wollen in die Europa League. Nehmen Sie Leipzig, da ging es nicht darum Meister zu werden, sondern darum, ob man es noch in den europäischen Wettbewerb schafft. Für Schalke war auch nicht nur der Vizemeister von Bedeutung, sondern es sicher in die Champions League geschafft zu haben. Unten war es natürlich auch spannend. Eigentlich haben zehn Vereine eher nach unten geschaut. Und für die Vereine war es spannend, ob sie den Ligaerhalt schaffen. In Hamburg waren die Anhänger in den letzten Wochen so motiviert, als ginge es um die Champions League, leider mit dem für Hamburg negativen Ergebnis. Die Bundesliga bekommt ihre besondere Faszination eben nicht nur durch den Kampf um den Meistertitel, beispielsweise zwischen Dortmund und München.

Oder Schalke.

Ja, oder auch Schalke. Ich hoffe, dass Schalke in der neuen Saison weiter Druck macht. Die spielen unter Tedesco einen sehr effektiven Fußball. Aber natürlich keinen besonders schönen.

Aber erfolgreichen.

Erfolgreich ist er, keine Frage. Die Frage ist, wie viele Vereine spielen noch von Haus aus einen richtigen Angriffsfußball.

Zwei, drei.

Madrid stellt sich nicht hinten rein, Barcelona auch nicht, die wollen das Spiel machen. Aber wer will in der Bundesliga das Spiel machen? Die meisten betreiben über eine sichere Abwehr Konter-Fußball. Zunächst die Reihen hinten mit einer Viererkette dicht schließen, das wird mitunter auch mal eine Fünfer- oder gar Sechserkette. Vorne unheimlich schnelle Stürmer und dann über Umschaltspiel schnell nach vorne. Wenn aber beide den Konterfußball spielen, dann wird es ein anderes Spiel.

Dann wird es langweilig.

Ja, genau so ist das.

Das liegt aber auch daran, und jetzt komme ich mit einem weiteren gängigen Argument, dass der FC Bayern den anderen die guten Spieler abkauft und die Konkurrenz so schwächt, siehe aktuell Goretzka.

Wir kaufen doch niemanden weg, ich kann doch niemanden zwingen! Goretzka wollte weg. Er ist sicherlich seit langem mit der talentierteste Fußballspieler im Mittelfeld / Sturm. Er ist ein großes Talent, den ich schon seit seinen Zeiten bei Bochum immer wieder gesehen habe. So ein Spieler hat natürlich ein Interesse daran, international die ganz großen Spiele zu machen. Trotzdem wird immer wieder an Bayern München Kritik geübt, dass wir die Spieler wegkaufen, um so die Mannschaften zu schwächen.

Scheint mir nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Jetzt machen wir es mal ganz konkret an dem Beispiel Mario Götze. Damals waren die Vorwürfe ja besonders groß, dass wir den BVB schwächen wollten. Aber Götze wäre eh weg gewesen, da gab es nur die Alternative: landet er in der Premier League oder bei Bayern München. Bei Goretzka gab es ebenfalls zwei Alternativen: landet er bei Barcelona oder bei Bayern München. Klar, so ein Spieler will sich fordern, der Anspruch ist Champions League zu spielen und hier ins Halbfinale oder gar Finale zu kommen. Goretzka wäre nie dauerhaft bei Schalke geblieben. Vielleicht noch ein Jahr. Im Prinzip geht es doch um etwas ganz anderes.

Und zwar?

Wie sieht es mit dem Fair Play aus? Das ist für mich eine ganz entscheidende Frage. Im Prinzip müsste es für Vereine wie Schalke, Gladbach, Dortmund, die für mich das Potenzial haben, oben mitzuspielen, von entscheidender Bedeutung sein, dass wir ein Financial Fair Play haben, wenn sie auf dem europäischen Markt Spieler gewinnen wollen. Es ist natürlich ein Problem, wenn beispielsweise Neymar von Katar mit 222 Millionen für Paris St. Germain finanziert wird. Dann spielen die anderen Clubs eben nicht mehr gegen St. Germain, sondern gegen Katar. Meiner Meinung nach muss es hier immer nach fairen Wettbewerbsregeln laufen.

Finanzieller Spielraum kommt mitunter auch über fußballerischen Erfolg. Wer wüsste das besser, als die Bayern.

Sicher, der Erfolgreiche hat auch mehr. Aber wie ist das, wenn jemand erfolgreich ist und er dennoch zusätzliche Zuwendungen bekommt? Da geht es um Financial Fair Play. Ich nehme Schalke jetzt hier beispielhaft, da Sie Schalke-Fan sind: Wenn ein Investor die Schulden eines Vereins ausgleicht, dann hat dieser Verein eine viel günstigere Ausgangsposition als Schalke. Denn Schalke muss sich sein Geld hart verdienen: Durch die Vermarktung, durch die Zuschauer.

Es freut zu hören, dass der Beiratsvorsitzende des FC Bayern sich Gedanken um die Interessen der nationalen Konkurrenz macht.

Natürlich habe ich und hat der deutsche Fußballfan logischerweise ein objektives Interesse daran, dass es viele starke Mannschaften in Deutschland gibt, aber die starken Spieler gehen immer öfter ins europäische Ausland. Schauen Sie sich doch die Auswirkungen an, die wir beispielsweise bei der Zusammensetzung der Nationalmannschaft zwischen 2014 und heute sehen. Damals waren noch die meisten Spieler aus der Bundesliga. Heute spielen viele, ob Kroos, Khedira, Özil, Gündogan, Ter Stegen, Trapp oder Draxler nicht mehr in der Bundesliga. Da hat sich etwas verändert, etwas, über das man diskutieren muss.

Unter den Topclubs befindet sich jetzt auch Atletico Madrid, die sich aus dem Schatten von Barcelona und Madrid befreit haben.

Das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt: wieso spielt Atletico Madrid einen so wichtigen Aspekt im europäischen Fußball, obwohl sie nicht das Geld haben, das die britischen Clubs haben, und auch bei weitem nicht so viel wie die beiden anderen spanischen Clubs, die ja auch eine unheimlich starke Vermarktung in Europa haben.

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