Nirgendwo sieht man so viele Menschen, die öffentlich in Trainingsanzügen rumschlurfen wie in Berlin. Thilo Sarrazin

Wie Palmöl als Rohstoff zum Opfer von Fake News wurde

EU-Kommission musste inzwischen einräumen, dass Bio-Kraftstoffe in seriösen Öko-Bilanzen nicht besser abschneiden als herkömmliche Kraftstoffe auf der Basis von Rohöl. Folglich hat auch die französische Nationalversammlung im vergangenen Dezember die Steuervorteile für Bio-Kraftstoffe ab 2020 gestrichen.

In Frankreich sorgt zurzeit (neben dem Aufstand der „Gelbwesten“) die Einfuhr von Palmöl aus Indonesien und Malaysia für große Unruhe. Der französische Ölkonzern Total hat, angelockt von der steuerlichen Begünstigung von Bio-Kraftstoffen, seine alte Raffinerie von La Mède am Brackwassersee Étang de Berre in Südfrankreich auf die Verarbeitung von Palmöl umgestellt.

Vor wenigen Wochen traf dort die erst Schiffsladung von 20.000 Tonnen Palmöl aus Sumatra ein. Dagegen protestieren nicht nur Umweltverbände wie Greenpeace, sondern auch der einflussreiche Bauernverband FNSEA in Form von Blockadeaktionen. Sie sehen in der Ausweitung von Ölpalmen-Plantagen die Hauptursache für die Zerstörung von Regenwäldern samt den dort lebenden Orang Utans. Bei der letztgenannten Organisation stehen freilich weniger Umweltschutz-, sondern eher protektionistische Motive im Vordergrund. Im Klartext: Die Agrar-Lobbyisten möchten den Ölkonzern lediglich dazu bewegen, statt Palmöl aus dem fernen Südostasien Rapsöl aus heimischem Anbau zu verarbeiten.

Doch inzwischen musste die EU-Kommission einräumen, dass Bio-Kraftstoffe in seriösen Öko-Bilanzen nicht besser abschneiden als herkömmliche Kraftstoffe auf der Basis von Rohöl. Folglich hat auch die französische Nationalversammlung im vergangenen Dezember die Steuervorteile für Bio-Kraftstoffe ab 2020 gestrichen. Im letzten Jahr war das Europa-Parlament sogar drauf und dran, das ansonsten begehrte Palmöl ab Ende 2020 als Bestandteil von Biodiesel ganz zu verbieten, um den Regenwald und die Orang Utans zu schützen. Das Parlament hat sich dann im Rahmen eines „Trilogs“ mit der EU-Kommission und dem Europäischen Rat darauf geeinigt, das Verbot auf das Jahr 2030 zu verschieben.

Dabei stand Palmöl bis vor wenigen Jahren im öffentlichen Ansehen noch hoch im Kurs. Denn seine Vorteile als Rohstoff für die Herstellung biologisch abbaubarer Tenside für Reinigungs- und Kosmetikprodukte, von Bio-Kraftstoff oder auch von Brotaufstrichen wie „Nutella“ im Vergleich zu anderen pflanzlichen Ölen wie Raps- oder Sojaöl liegen auf der Hand: Palmöl enthält besonders viele Fettsäuren mittlerer Kettenlänge (mit 10 bis 14 Kohlenstoffatomen). Daher lässt es sich ohne nennenswerten Einsatz von Chemie verarbeiten. Und was aus ökologischer Sicht vielleicht noch wichtiger ist: Ein Hektar Ölpalmen liefert etwa fünf- bis sechsmal so viel Öl wie ein Hektar Raps. Noch günstiger schneiden Ölpalmen im Vergleich zum Soja-Anbau ab. Überdies benötigen Ölpalmen-Plantagen kaum Dünger und keine Pestizide. Ihre Bearbeitung kostet zudem weniger Kraftstoff. Die Ölgewinnung erfolgt ohne den Einsatz von Lösemitteln und chemischen Additiven. Und da Palmöl bei Umgebungstemperatur fest und haltbar ist, lässt es sich leicht transportieren und lagern.

Warum kam dann das Palmöl in den letzten Jahren dennoch so sehr in Verruf, dass sich das Europäische Parlament damit beschäftigte? In gewisser Weise wurde Palmöl zum Opfer seines Erfolgs. Wegen der rasch wachsenden Nachfrage auf dem Weltmarkt wurden in Indonesien und Malaysia, die zusammen auf einen Marktanteil von 85 Prozent kommen, in immer rascherer Folge primäre Tropenwälder gerodet, um Ölplantagen anzulegen. Dabei schrumpfte der Lebensraum der ohnehin vom starken menschlichen Bevölkerungswachstum bedrohten Orang-Utans. Das rief schon vor Jahrzehnten Umwelt-NGOs wie den World Wide Fund for Nature (WWF), Greenpeace oder „Rettet den Regenwald e.V.“ auf den Plan. Während ein Teil der „grünen“ NGOs die Umwandlung von Primärwäldern in Ölpalmen-Plantagen am liebsten ganz unterbinden würde, vertritt der WWF das Konzept der nachhaltigen Produktion von Palmöl. Auf seine Initiative fand sich im Jahre 2004 der Roundtable on Sustainable Palmoil (RSPO) mit Sitz in Zürich zusammen. Darin sind neben dem WWF, örtlichen Naturschutzverbänden, Plantagen-Betreibern und Händlern vor allem große industrielle Verarbeiter von Palmöl wie der Wasch- und Lebensmittel-Konzern Unilever sowie Banken und Investment-Fonds vertreten. In den RSPO-Richtlinien verpflichten sich die beteiligten Firmen, zwischen den gerodeten Flächen ausreichend Primärwald stehen zu lassen, um den Wildtieren genügend Lebensraum zu belassen. Moorflächen, die als Kohlenstoffspeicher gelten, sollen ganz von Rodungen verschont bleiben. Seit Ende 2008 ist RSPO-zertifiziertes Palmöl auf dem Markt. Malaysia hat inzwischen verfügt, dass bis Ende 2019 alles Palmöl nach dem Malaysian Sustainable Palm Oil Standard zertifiziert werden muss.

Die nicht beteiligten Umwelt-NGOs kritisieren diese Zusammenarbeit als „Greenwashing“. Sie weisen darauf hin, dass bislang insgesamt nur etwa 20 Prozent des Palmöls mit dem RSPO-Label auf den Markt kommen und betonen das dramatische Ausmaß der Primärwald-Zerstörung durch den Ölpalmen-Anbau. Damit fanden sie beim Europa-Parlament (EP) offene Ohren. Ein Anfang 2017 vom EP verabschiedeter Bericht behauptet, 40 Prozent aller weltweiten Waldverluste seien durch die Palmöl-Produktion verursacht. Diese Prozent-Angabe fand dann Eingang in einen von der Tageszeitung „Le Monde“ am 3. April 2017 veröffentlichten Artikel, auf den sich nun viele Kritiker des RSPO berufen. Doch woher stammt diese Zahl überhaupt?

Dieser Frage sind auf der Debatten-Plattform „The Conversation“ drei Agronomen des französischen Nachhaltigkeits-Forschungszentrums CIRAD nachgegangen. Sie konnten zeigen, dass diese Prozentangabe auf einer Fehlinterpretation von Statistiken der UN-Landwirtschaftsorganisation (FAO) beruht. Dort war lediglich von 40 Prozent der Rodungen für den Intensiven Landbau in Indonesien die Rede. Der größere Teil davon entfällt übrigens auf Pflanzungen für die Papier-Produktion. In Wirklichkeit gehen weltweit nur 2,3 Prozent der Primärwald-Rodungen auf die Anlage von Palmöl-Plantagen zurück. Das ist zwar immer noch beachtlich, aber dennoch weit weniger dramatisch als in den Publikationen der NGOs dargestellt. Kein Wunder, dass die Übernahme der falschen Prozentzahl durch das Europa-Parlament in Indonesien und Malaysia zu heftigem Protest führte.

Die Vertreter dieser Entwicklungsländer können darauf hinweisen, dass der Ölpalmen-Anbau Hunderttausenden ihrer Bewohner Wege aus der Armut eröffnet hat, zumal 40 Prozent der Palmöl-Produktion nicht von Großgrundbesitzern, sondern von kleinen Produzenten mit einem Landbesitz von weniger als 25 Hektar stammen. Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel unterstreicht überdies, dass ein europäischer Palmöl-Bann gerade die Produzenten träfe, die sich haben zertifizieren lassen, um den europäischen Markt bedienen zu können, der 15 Prozent der gesamten Palmöl-Produktion aufnimmt. Die EU würde somit allen Palmöl-Produzenten signalisieren, dass es nicht lohnt, sich mit Fragen der Nachhaltigkeit zu beschäftigen. Außerdem würde die Verdrängung von Palmöl als Rohstoff lediglich zur Steigerung der Nachfrage nach Ersatzprodukten wie Raps- oder Sojaöl anheizen. Da deren Anbau aber mehr Land, mehr Dünger und mehr Pestizide benötigt, hätte man der Umwelt damit einen Bärendienst geleistet.

Um gerade den kleinen Palmöl-Produzenten zu helfen, böte es sich an, ihnen mithilfe günstiger Kredite Zugang zu Qualitäts-Saatgut und einer besseren, am Ideal der Nachhaltigkeit orientierten Ausbildung zu verschaffen. Dann wäre es auch möglich, die schrecklichen Waldbrände einzudämmen, die zum größten Teil auf das Konto kleiner Bauern gehen.

Quelle: EIKE

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Bündnis 90 Die Grünen, Bündnis 90 Die Grünen, Alois Glück.

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