Michel Houellebecq: Serotonin

Edgar Ludwig Gärtner6.03.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik, Wissenschaft

Houellebecq ist in seinem neuen Roman ein eindringliches Stimmungsbild Frankreichs kurz vor dem Ausbruch der Gelbwesten-Revolte gelungen. Er beschreibt sehr realistisch nicht nur die geistige Leere des entchristlichten Pariser Bobo-Milieus sowie den Überdruss und die Hoffnungslosigkeit des peripheren Frankreich, sondern auch die aufkommende Wut der vom übergewichtigen Sozialstaat Ausgepressten.

Serotonin (5-Hydroxytriptamin) ist ein sowohl im Zentral- als auch im Darmnervensystem sowie im Blutkreislauf aktiver Botenstoff, der eine ganze Reihe wichtiger Lebensprozesse stimuliert. Im Volksmund gilt Serotonin als „Glückshormon“. Antriebslosigkeit und Depressionen galten in der Medizin lange Zeit als Ausdruck von Serotonin-Mangel. Diesem abhelfen sollen unter anderen Medikamente aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI). Tatsächlich verschaffen diese Medikamente einem Teil der so behandelten Psychiatrie-Patienten spürbare Erleichterung. Warum sie das tun, wissen die Mediziner aber nicht genau. Denn inzwischen konnte man nachweisen, dass Serotonin-Mangel nicht die Ursache der Depressionen ist. Eher erscheinen diese als Symptom von einem ganz anders gelagerten Mangel-Zustand.

Michel Houellebecq scheint das durchaus zu wissen. Jedenfalls drückt er sich, was die Biochemie angeht, eher vorsichtig aus. Französische Linke haben Houellebecq reduktionistischen Biologismus vorgeworfen. Aber nichts ist abwegiger als das. Denn es liegt auf der Hand, dass die psychiatrisch-biochemische Rahmenhandlung des Romans, die (vergebliche) Behandlung des schwer depressiven Patienten Florent-Claude Labrouste mit einem fiktiven neuartigen Antidepressivum namens Captorix, nur die Rolle einer Verpackung spielt. Deren Inhalt ist eine Erzählung über die verlorene Liebe beziehungsweise über die (vermeintliche) Unmöglichkeit einer klassischen Paarbeziehung unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen. Die Romanhandlung findet kein wirkliches Ende. Stattdessen schließt Houellebecq auf den letzten beiden Seiten mit einem vorsichtigen Plädoyer für bedingungslose Liebe in der Nachfolge Christi.

Houellebecqs französischer Verlag Flammarion versuchte zunächst, „Serotonin“ als „roman de la France périphérique“ zu verkaufen, um damit am Mobilisierungserfolg der Gelbwesten anzuknüpfen. Tatsächlich spielt ein Bauernaufstand in der Normandie, ein Vorläufer der der von den Gelbwesten errichteten Straßenblockaden, darin eine wichtige Rolle. Manche sehen darin aber auch ein Ausweichen Houellebecqs vor dem Problem der fortschreitenden Islamisierung Europas, dem zentralen Thema seines vorletzten Romans „Unterwerfung“. Tatsächlich kommen Muslime im neuen Roman überhaupt nicht mehr vor. Doch ein Ausweichen auf Neben-Kriegsschauplätze sehe ich darin nicht. Vielmehr sehe ich in „Serotonin“ die Rückkehr Houllebecqs zu seinen Ursprüngen. Denn wie Michel Houellebecq selbst ist auch Florent-Claude Labrouste, die Hauptfigur der Ich-Erzählung, studierter Agrar-Ingenieur.

Houellebeq schildert durchaus realistisch, was aus ihm selbst wahrscheinlich geworden wäre, hätte er es nicht geschafft, zum erfolgreichsten Romanautor der Gegenwart aufzusteign: Florent-Claude sieht, wie seine Altersgenossen, im Studium die glücklichste Zeit seines Lebens. Das Berufsleben beginnt er mit einem äußerst schwachen Selbstwertgefühl: „Meine Generation war unfähig, etwas zu zerstören und noch weniger, etwas wiederaufzubauen“, bekennt er. Zunächst arbeitet er für den US-Agrochemie-Konzern Monsanto. Dann findet er Jobs in der staatlichen Agrar-Bürokratie, wo er überwiegend damit beschäftigt ist, die französische Landwirtschaft EU-konform abzuwickeln. Immerhin hätte er dort beinahe die Liebe seines Lebens gefunden.

Der Roman beginnt mit einer Urlaubsreise des in Paris lebenden Agrar-Ingenieurs nach Südspanien. Dort hilft Florent-Claude zwei reizenden jungen Damen an einer Tankstelle, hat aber nicht den Mut, ihnen seine Telefonnummer zu geben. Stattdessen lässt er seine japanische Freundin Yuzu aus Paris nachkommen. Yuzu, die im japanischen Kulturzentrum arbeitet, ist für ihn ein reines Sex-Objekt. Auch für sie ist Liebe ein Fremdwort. Als Florent-Claude ein Video in die Hände fällt, das zeigt, wie sich seine Partnerin von einer ganzen Männerhorde und sogar von großen Hunden penetrieren lässt, beschließt er, sich nicht nur von ihr, sondern überhaupt von der Welt zu trennen. Er kündigt seinen Job beim Landwirtschaftsministerium, verlässt die Wohnung, die er mit Yuzu teilte, und zieht in ein Hotel in einem entfernten Stadtviertel um. (Wobei man wissen muss, dass man auf diese Weise nicht nur in Paris, sondern in ganz Frankreich einfach von der Bildfläche verschwinden kann, weil es dort keine Meldepflicht gibt.) Auch Sex ist für Florent-Claude nun kein Thema mehr, denn das Antidepressivum, das er sich von einem Psychiater hat verschreiben lassen, macht ihn impotent. Fortan bleiben dem Erzähler vom wirklichen Leben nur noch die Erinnerungen.

„Ich hatte zu dieser Zeit schon kapiert, dass die soziale Welt eine Maschine zur Zerstörung der Liebe ist“, bemerkt Houellebecqs Alter Ego, als er sich daran erinnert, wie er sich in eine prä-feministische junge Frau, die angehende Tierärztin Camille, verliebte, während diese in seinem Büro als Praktikantin arbeitete. Doch er zerstört das sich anbahnende Eheglück, indem er sich mit der geilen schwarzen Britin Tam einlässt, die er bei Verhandlungen in Brüssel kennengelernt hat. Als Camille zufällig dem sündigen Paar begegnet, sagt sie nichts, sondern weint stundenlang still vor sich hin. Für sie ist der Lebenstraum zerbrochen.

Erst als sich Florent-Claude, völlig vereinsamt und entmutigt, den Kopf darüber zerbricht, wie er das Weihnachtsfest verbringen und das neue Jahr beginnen könnte, wird ihm so richtig bewusst, was er versäumt beziehungsweise verloren hat. Die Seiten, auf denen Houellebecq das Bedauern und das Selbstmitleid seines Alter Ego schildert, gehören wohl zu den stärksten, die er jemals schrieb: Er hätte Camille vorschlagen können, ihr Studium abzubrechen und seine (Haus-)Frau zu werden, sagte er sich. Und er war sich im Nachhinein auch sicher, dass sie ja gesagt hätte. Aber er hatte sie nicht gefragt, weil die Software seines modernen Ich so etwas ausschloss. Danach hatten sich Frauen zu allererst um ihre berufliche Karriere zu kümmern. Das Eheglück, der Haushalt und die Kindererziehung hatten nebensächlich zu bleiben. Houellebecq lässt demgegenüber in Form des Lamentos seines Anti-Helden durchblicken, dass er selbst die „natürliche Ordnung“ vorzieht.

Kein Wunder, dass Michel Houellebecq, nach eigenen Angaben inzwischen selbst glücklich verheiratet, in jüngerer Zeit öffentlich seine Sympathie mit der von identitären Katholiken initiierten „Demo für alle“ bekundet hat. Und um das Maß voll zu machen, hat er im Oktober 2018 in Brüssel mit einer bemerkenswerten Dankesrede den ersten Oswald-Spengler-Preis entgegengenommen und kurz vor Weihnachten den US-Präsidenten Donald Trump im Harper’s Magazine gelobt. Beides werden ihm die linken Pariser Bobos sicher nie verzeihen, denn sie weigern sich, zur Kenntnis zu nehmen, dass sich der Westen in einer Phase fortschreitender Dekadenz befindet, dass sich hier also eine „Kultur des Todes“ ausbreitet und das wohlfahrtsstaatliche System langsam dem Tod durch geistige Entleerung entgegengeht.

Im Roman entscheidet sich Florent-Claude schließlich, die Feiertage bei seinem liebsten Freund aus der Studentenzeit, einem Spross des normannischen Uradels, zu verbringen. Der Mann namens Aymeric bewirtschaftet mit seiner Frau das heruntergekommene elterliche Schloss und die dazu gehörenden umfangreichen Ländereien, ohne jemals aus den roten Zahlen zu kommen. Als Florent-Claude Aymeric nach einiger Zeit wieder besucht, ist dessen Frau mit einem bekannten Pianisten durchgebrannt und Aymeric dem Suff verfallen. Die Abschaffung der Milchquoten und die Einfuhr billiger irischer Milch für die Camembert-Herstellung bringt dann das Fass zum Überlaufen: Aymeric und die mit ihm befreundeten Milchbauern bewaffnen sich und blockieren eine Autobahn. Florent-Claude beobachtet von einem Hügel aus, wie sich Aymeric mit einer seiner aristokratischen Herkunft gemäßen theatralischen Geste vor der Polizeikette mit seinem Sturmgewehr selbst erschließt und damit den Angriff der Polizei auslöst, dem zehn Bauern zum Opfer fallen. Er versucht wenig später, mit einer der Präzisionswaffen, die Aymeric hinterlassen hat, das inzwischen von einem anderen Mann gezeugte Kind Camilles aus einem Hinterhalt zu töten, bringt das aber – wie alles, was er anfasst – nicht fertig.

Endgültig von sich selbst und der Welt enttäuscht, beschließt Florent-Claude zu verschwinden. Seinen Job beim Agrarministerium hat er bereits aufgegeben, um stattdessen von einer Erbschaft zu leben. Im Hotel kann er nicht bleiben, weil ihm kein Raucher-Zimmer mehr zur Verfügung gestellt wird. Er kauft sich eine kleine Wohnung in einem Hochhaus – mit dem Hintergedanken, sich bald aus dem Fenster zu stürzen. Penibel rechnet er mithilfe des Fallgesetzes aus, wieviel Sekunden er im freien Fall verbringen und mit welcher Geschwindigkeit er unten aufschlagen würde. Doch Michel Houellebecq sagt uns nicht, ob er damit ernstmacht.

Houellebecq zeigt uns anhand der Handlungsblockaden seines Anti-Helden, dass dessen Depression mitnichten eine Folge von Serotonin-Mangel, sondern vielmehr die Konsequenz fehlender Liebe ist. Die Liebe treibt nicht nur die Menschen, sondern vielleicht sogar das ganze Universum an. Er weiß auch: Die Menschen können zwar in ihren Eingeweiden das Antriebshormon Serotonin, das Sexualhormon Testosteron und das „Kuschelhormon“ Oxytocin produzieren und dann schmusen und vögeln, aber nicht Liebe machen im Sinne von herstellen, sondern Liebe nur empfangen. Sie muss ihnen geschenkt werden. Das lehrt die Bibel seit zweitausend Jahren. Houellebecq hat sich denn auch in letzter Zeit wiederholt positiv zum Katholizismus geäußert, auch wenn er durchblicken lässt, dass er selbst nicht aus seiner (atheistischen) Haut herauskann. Er ging sogar so weit zu erklären, nur der Katholizismus als Staatsreligion sei in der Lage, die Islamisierung Europas aufzuhalten. Da gehen unsere Meinungen sicher auseinander, denn den Staat würde ich da lieber draußen lassen.

Freilich hat Michel Houellebecq, soweit ich weiß, nie behauptet, ein Libertärer zu sein. Als bekennender Nicht-Wähler hält er sich lediglich aus der Tagespolitik heraus. Wählen würde er aber jeden, der den „Frexit“, den Austritt Frankreichs aus der EU verspricht, hat er im letzten Herbst dem rechten Wochenmagazin Valeurs actuelles gestanden. Zu Beginn des neuen Jahres feierte ihn dieses Magazin bei der Vorstellung seines neuen Romans übrigens als „National-Schriftsteller“, das heißt als mit dem Säulenheiligen Victor Hugo vergleichbar. Houellebecq sieht in der EU wohl zu allererst ein bürokratisches Monstrum. Schon zu Beginn des Romans schreibt er, die Verwaltung diene dazu, die Möglichkeiten des Lebens maximal einzuschränken, wenn nicht ganz zu zerstören. Dennoch stimmt er in den Chor derer ein, die den „Neoliberalismus“ der europäischen Agrarpolitik anprangern. In Wirklichkeit zeugt die Tatsache, dass die EU die Landwirte erst von Subventionen abhängig machte, um ihnen dann bis ins kleinste Detail vorzuschreiben, wie sie zu wirtschaften haben, nicht von liberalem Geist, sondern von sozialistischem Ungeist.

Michel Houellebecq hat offenbar gut verstanden, dass die Nation, wie die Familie, Ergebnis spontaner Selbstorganisation mithilfe emotionaler Abhängigkeit oder Zustimmung und somit Bestandteil der „natürlichen Ordnung“ ist. Er hat aber, wie die meisten seiner Landsleute, vermutlich nicht verstanden, dass auch der freiwillige Tausch auf dem Markt sowie der freie Handel zwischen den Nationen zu gegenseitigem Vorteil Teil dieser durch die Zehn Gebote der Bibel begründeten Ordnung ist. Houellebecq geht meines Erachtens der EU-Propaganda auf den Leim, wenn er die Misere der französischen Viehzüchter und die Auswüchse der Massentierhaltung dem Neoliberalismus ankreidet. Tatsächlich definiert die EU-Elite das Gebilde, das sie beherrscht, ja längst nicht mehr als gemeinsamen Markt, sondern als ingenieurmäßig ausgestaltetes Management-System zur Verfolgung ideologischer und politischer Ziele.

Da erscheint der Nationalismus, zu dem sich Houellebecq offen bekennt, als durchaus vernünftige Reaktion. Aber vielleicht freut sich Marine Le Pen zu früh, wenn sie in ihm einen wichtigen Bündnispartner sieht. Denn Houellebecq scheint sich auch ganz gut mit Staatspräsident Emmanuel Macron zu verstehen. Der ernannte ihn zu Beginn dieses Jahres zum Ritter der Ehrenlegion. Vielleicht sieht er in Houellebecq nicht nur einen National-, sondern sogar einen Staats-Schreiber. Wer weiß!

Aber ich will hier nicht spekulieren. Fest steht: Michel Houellebecq ist in seinem neuen Roman ein eindringliches Stimmungsbild Frankreichs kurz vor dem Ausbruch der Gelbwesten-Revolte gelungen. Er beschreibt sehr realistisch nicht nur die geistige Leere des entchristlichten Pariser Bobo-Milieus sowie den Überdruss und die Hoffnungslosigkeit des peripheren Frankreich, sondern auch die aufkommende Wut der vom übergewichtigen Sozialstaat Ausgepressten. Er schildert plastisch vom Mut der Verzweiflung getriebene Widerstandsaktionen. Houellebecq bleibt dabei seinem Stil treu, indem er diese Schilderungen einbettet in Passagen, die an Hardcore-Pornos erinnern. Aber wer würde das Buch allein deswegen kaufen oder liegenlassen?

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