Außerplanmäßige Ferien - Der Virus als Taktgeber | The European

Alle Kinder zu Hause – Neustart für die Familie?

Eckhard Kuhla25.04.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

In Zeiten der Corona wächst das nun erneut zusammen, was zusammengehört: Vater, Mutter und Kind.

Corona-Ausbruch, geschlossen, Quelle: Shutterstock

Kitas und Schulen geschlossen. Die Kinder bleiben zu Hause. Alles auf Anfang: Früher war: Vater und Mutter  berufstätig mit  Kind in  Fremdbetreuung und heute ist: Hausarrest. Jetzt findet „Familie“ statt mit Kind(ern) und zwar die nächsten Wochen, 24 Stunden, jeden Tag.  Das Drehbuch für das Unternehmen „Familie“ muss fast täglich neu gestaltet, die Rollen neu verteilt werden. Gewohnte Abläufe im  Familienleben werden zwangsläufig ersetzt durch intuitives Verhalten, gegenseitige Rücksichtnahme ergibt sich fast von selbst. Eine Situation ohne Fremdbetreuung konnten Familien früher in den Schulferien so halbwegs hinbekommen. Ferien hatten immer ein planbares Ende – genauso wie ein Kitastreik. Die derzeitigen „Ferien“ haben jedoch noch kein planbares Ende. Der Virus ist der Taktgeber.

Die negativen und langfristigen Folgen einer isolierten Familie für das Individuum und die Gesellschaft sind noch nicht absehbar. Die derzeitig lamoryanten Betrachtungen von in den Qualitätsmedien stöhnen unter der neuen Work Life Balance zwischen Home Office und Care Arbeit. Kinder werden wahrgenommen als Quälgeister und erst recht als Störenfriede. Jetzt heißt „Familie zu leben“ ein Leben mit durchtrainierten Individuen, wie Vater und  Mutter. Dazu gesellen sich dann ihre Kinder, begünstigt  durch kreative Desorganisation, ungeübter Selbstbestimmtheit und das Alles mit großer Intensität und obendrein noch in räumlicher Eingeschränktheit. Eine Agenda, in der es selbst einen Familienlobbyisten scherfällt, das fast verlorengegangene Gefühl für das Leben in einer Gemeinschaft, wie der Familie zu erwarten.

Auch übersteigt  es offensichtlich die Vorstellungskraft vieler junger Journalisten. So titeln denn auch zwei Redakteurinnen kürzlich im Wirtschaftsteil einer bundesweiten Tageszeitung ihren Artikel mit „Wohin mit den Kindern?“ Was für eine Frage! Es ist so, als wenn ich unerwartet ein Utensil beim Aufräumen finde und mich frage: Wohin damit? Die Redakteurinnen hatten allerdings auch entsprechende Tröstungen parat, wie die beruhigende Feststellung für “systemrelevante“ Eltern:

Notbetreuungen….bleiben noch überschaubar“ (so die Bundeselternsprecherin), oder: die wachsende Nachfrage nach „Supernannys“, sowie die Möglichkeit von Lohnfortzahlungen und einem notwendigen Abbau von Überstunden. Das waren Problemlösungen schon fast aus einer längst vergangenen Zeit mit dem Vertrauen auf staatlicher Fürsorge und externer Careberufe. Auf die naheliegende Idee, auch die familiäre Betreuung zumindest in Betracht zu ziehen, kamen die Redakteurinnen (noch) nicht.

Diese häusliche Betreuung praktizieren  jetzt nolens volens die Familien in Quarantäne. Der Wegfall externer Betreuung und eventuelle Verdienstausfälle erfordern fast täglich neue Lösungen. Die Work Life Balance muß immer wieder neu  austariert werden. Das geschieht dann wohl mehr als früher mit Vater UND Mutter gemeinsam am Küchentisch. Dafür bieten sich sowohl althergebrachte Rollenverteilungen, als auch gender-indoktrinierte Lösungen an, getragen von der pragmatischen Einsicht in die Notwendigkeit und nicht von politisch korrektem Verhalten als Folge der Genderideologie.

Der Genderismus, eine die Ideologie der Gleichheit von Mann und Frau, steht zur Disposition. Die Bruchlinien in der Familienpolitik laufen zwischen einem zunehmenden ideologiefreien Bereich  und  der Politik ideologischer Gralshütern im  „Familien“-Ministerium. Pressemitteilungen des Ministeriums nerven immer noch mit den unsäglichen ewig gleichen  Genderthemen, wie Gewalt gegen Frauen, Minderverdienst der Frauen, die Geschlechtervielfalt, oder die Opferrolle der Frau.  Von derzeit aktuellen Familienthemen in Zeiten der Corona immer noch keine Spur.
So bestätigt die Coronakrise: Die Genderideologie ist ein Kind des  Wohlstandes und einer Phantasiewelt.

Heute, mit Quarantäne-Anpassungen im täglichen Leben, gewinnen dagegen die Existenzfragen des Bürgers an Bedeutung, wie die häusliche Kinderbetreuung, Kontaktsperre zu den Großeltern und der mögliche Verdienstausfall eines Elternteils. Das erfordert  stabile und erprobte Lösungen. In Krisenzeiten ermöglicht das in aller Regel die klassische Familie, bestehend aus Vater, Mutter, Kind(ern). Als kleinste Einheit der Gesellschaft mobilisiert sie Zusammenhalt. Das beschreibt Frank Schirrmacher in seinem Buch „Minimal“ mit der Narrative vom Donnerpass:
Ein plötzlich eingeschneiter Siedler-Treck musste monatelang ums Überleben kämpfen, und während fast alle – weitgehend alleinstehende – Männer starben, überlebten die meisten Frauen, weil sie in ihre Familien eingebunden waren.

Seit Jahrzehnten haben viele Familienvereine und – verbände für den Stellenwert der klassischen Familie gekämpft. Das dazugehörige Feindbild „Gender“ ist nun über Nacht in den Hintergrund geraten. Das hätte man vor Monaten kaum für möglich gehalten.Es bleibt allerdings zu befürchten, dass es linksgrünen Gruppen wieder relativ schnell gelingt,  ihre weltanschauliche Definitionsmacht zum Thema „Familie“ wiederzugewinnen. Ein probates Mittel wird bereits massiv angewandt: die einseitige Thematisierung des „Horrors“ in den Familien mit Hausarrest, besonders hinsichtlich der häuslichen Gewalt mit Männern als  DIE Störer des Familienfriedens – entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse. Auch die Erfahrung spricht da eine andere Sprache: Hausarrest und Ungeduld der Kinder können Männer ebenso wie Frauen aus der Haut fahren lassen –  vergleichbar mit den Folgen eines „Lagerkollers“.Letztendlich muss man sine ira et studio schlicht festhalten: Es sind kaum Studien bekannt, die das gesamtgesellschaftliche Großexperiment „Millionen Kleinfamilien im wochenlangen Hausarrest“ dokumentiert und ausgewertet haben. Dazu gehören auch die potentiellen psychosozialen Folgen eines längeren Hausarrests auf das Individuum und die Gesellschaft, beispielsweise die Kontaktsperre zwischen Großeltern und Kinder.Allen diesen Störeinflüssen zum Trotz: Im Hausarrest spricht Vieles dafür, dass die Familien  – frei von externen Einflüssen – das Mütterliche und das Väterliche in ihr wieder entdecken und so Störeinflüssen gegenüber einen stärkeren Widerstand leisten können. Die Bezeichnung „Beziehungskiste“ gewinnt somit eine zusätzliche Bedeutung als Kraftpotential. In Verbindung mit einer stärkeren, gelebten Nähe ermöglicht  den Eltern eine intensivere Beziehung zum Vorbild und „Nachleben“ durch die Kinder. Hiermit schließt sich der Kreis zum Thema häusliche Gewalt. Die Triade Vater/Mutter/Kind verstärkt den Zufluchtsort „Familie“ für Konfliktlösungen.
Mit dem Hausarrest reduziert sich auch das frühere tägliche Betreuungs- und Versorgungsmanagement in den jungen Familien. Die dadurch eingesparte Zeit ergibt mehr Zeit für die Familie, beispielsweise für das Wahrnehmen des Kindesglücks. Es blieb häufig in der alltäglichen Familie auf der Strecke, genauso  wie das Kinderlachen. Das Kinderlachen entfaltet seine Stärke wohl erst, wenn die Zeit dafür vorhanden ist. Zeit dafür, dass das Lachen des Kindes im Familienkreise alle zum Lachen  bringt.In Zeiten der Corona  wächst das nun erneut zusammen, was zusammengehört: Vater, Mutter und Kind.

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