Zugriff! Oder: die Politische Korrektheit manipuliert die Redefreiheit

Eckhard Kuhla27.07.2018Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

“Ein Virus breitet sich aus. Die Politische Korrektheit fördert die Selbstjustiz und das gruppenorientierte Rechtsempfinden. Das allgemein gültige Rechtsbewusstsein bleibt dabei auf der Strecke”, so Eckhard Kuhla.

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Demokraten kennen das: Andersdenkende sind das Salz in der Suppe, sie sind ein willkommener Anlass für einen spannenden Gedankenaustausch. Der Andersdenkende beflügelt die eigene Denke und im Falle abweichender Meinungen freut man sich auf das nächste Gespräch. Man bleibt man sich trotzdem gewogen. Das war gestern.

Freies Sprechen ade

Unsere ehemalige Konsensrepublik verwandelt sich zusehend in eine Spielwiese der achtsamen Minderheiten-Lobby. Und das mit der Folge, dass die Selbstverständlichkeit der freien Rede auch im privaten Umfeld in Frage gestellt wird. Unterschiedliche politische Positionen können alte Freundschaften spalten, in gute Menschen und Andersdenkende. In einer Demokratie ein seltsames Phänomen.

Da sitzt eine gemütliche Gesprächsrunde am Kamin und mutiert – ohne Vorwarnung – zu einem VHS – Gesprächskreis „Politisch korrekt Sprechen“. Völlig unvermittelt steht ein Wort oder eine Aussage im Raum, ein Naserümpfen oder ein erhobener Zeigefinger sind zu spüren, gefolgt von einem abschätzigen Unterbrechen des Gesprächs und einem anonymen „Das sagt man nicht!“, beispielsweise bezogen auf das Wort „Neger“, oder auf das Äußern einer politisch unkorrekten Meinung. Auf diese Weise gebrandmarkt, hält man inne und stutzt. Es folgen Belehrungen zum achtsamen Umgang mit Minderheiten. Peinlichkeit breitet sich aus.

Von nun an nimmt das Gespräch einen angespannten Verlauf und irgendwann fällt das Wort „Rechtspopulismus“Grund genug zu schauen, wann die nächste S – Bahn fährt.

Gruppenmoral ersetzt Rechtsprechung

In privaten Gesprächsrunden kann unkorrektes Reden im Ernstfall einen Gruppen-Ausschluss bedeuten. Im öffentlichen Raum arbeitet die politische Korrektheit allerdings mit Machtmitteln der besonderen Art. Abweichende Meinungen werden von den politisch Korrekten nicht mehr diskutiert, sondern schlicht moralisch verurteilt. Mit ihrer ideologisch geprägten Sprachkosmetik versuchen die politisch Korrekten, das Denken ihrer Gegner zu beeinflussen, ja, zu formen. Unbefangene Normalbürger sehen sich auf diese Weise plötzlich einer – zunächst unsichtbaren – „Sprachpolizei“ konfrontiert.

Deren Vertreter betrachten sich als Interessenvertreter des politischen Mainstreams, den sie selber natürlich für „progressiv“ halten. Sie ersetzen kurzerhand unseren gelebten Wertekontext und den gesunden Menschenverstand durch irgendein Gruppen-orientiertes und Moralin-gesäuertes Aburteilen. Besonders kämpferisch gebärden sich dabei die unzähligen Gleichstellungsbeauftragtinnen mit der Durchsetzung ihrer geschlechtergerechten“ Sprache.

Bei Nicht-Beachtung des politisch korrekten Sprechens erfolgt Diskriminierung – bis hin zur Ächtung und schließlich Ausschluss aus Gruppe, Verein, oder Firma.

Observierung, Täterprofil, Zugriff

Politisch Korrekte arbeiten häufig – wie Ideologen – mit Feindbildern. Ein „falsches“ Wort kann dem Sprecher zum Verhängnis werden, es verhilft dem politisch Korrekten zu einer Personifizierung seines Feindbildes. Dies setzt häufig im öffentlichen Bereich einen ganzen Prozess in Gang, es folgen Aktionen, die einem polizeilichen Ermittlungsverfahren sehr ähneln:

Die verdächtige Person wird zunächst observiert, eine mögliche Zugehörigkeit zu politisch unkorrekten Gruppen geprüft, Beweismaterial für das Täterprofil über das Internet ermittelt und das Drehbuch für die Gruppe geschrieben: wer diffamiert den Täter, mit welchem belastenden Material, an welchem Ort?

Entscheidend ist der Ort für die öffentliche Diskriminierung des Verdächtigen, er muss eine breite Öffentlichkeit sicherstellen, wie beispielsweise Betriebs- oder Vereinsversammlungen.
Dann erfolgt „ZUGRIFF“.

„Recht sprechen“ in einem rechtsfreien Raum

Der normale polizeiliche Zugriff“ bedeutet das Überleiten einer bisher verdeckten Aktion in eine Festnahme. Im Rahmen der Politischen Korrektheit hat der Zugriff mehr Ähnlichkeit mit einem Zugriff aus Stasi-Zeiten: Diskriminierung des Täters als sexistisch, rassistisch, nationalistisch, oder populistisch, und das vor aller Öffentlichkeit und ohne vorherige Anhörung.

Das Fallbeil ist gefallen.

Die verurteilte Person ist zum Schweigen verurteilt, Gegenargument verhallen. Die Person gilt von Stund‘ an als „verbrannt“ – oder wie im Mittelalter – als „vogelfrei“. Ein vogelfreier Mensch im Mittelalter konnte sogar von jedem Bürger getötet werden – ebenso ohne vorhergehende Anhörung. Das „politisch korrekte“ Verurteilen, treffender: „Entsorgen“, eines Menschen geschieht in einem rechtsfreien Raum, und das Alles nach einer, nicht nachvollziehbaren, subjektiven (Gruppen-) „Empfindung“.

Nebenbei bemerkt: Ähnliche Phänomene sind auch in der medialen Aburteilung von Menschen in der #metoo- Kampagne zu finden, oder auf dem US Campus. Dort genügt der versehentliche Gebrauch eines Tabu-Wortes, genannt „Microagression“, für negative Konsequenzen auf die akademische Karriere eines Professors. Auch in Deutschland sind solche Fälle in der Szene bereits bekannt.

Man stelle sich vor: selbsternannte „Richter“ können existenzbedrohend handeln – ohne dass sie selber die Folgen ihres Tuns verantworten müssen. So kann beispielsweise die Mitgliedschaft zu einer Partei heutzutage in Institutionen zu Mobbing oder Abmahnungen führen. Eine solche Inszenierung politischer Korrektheit ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt und wird von den Medien sorgfältig beschwiegen. Man kennt diese Geschehnisse nur vom Hörensagen.

Und der Rest ist Schweigen

Ein so gearteter rechtsfreier Raum fördert die Einschränkung der Redefreiheit durch die zahlreichen Möchtegern-Richter – nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch Gruppen, wie Vereinen, usw. Cui bono? Nicht zum Nutzen der vermeintlichen Betroffenen, sondern nur des eigenen Wohl- und Wertgefühls. Das Ergebnis ist Willkür a la carte. Welch‘ menschenverachtende Arroganz.
Wo bleibt eigentlich unsere Elite? Wo der „freie“ Bürger ? Vertreten sie alle dieses fatale Spiel einer politischen Korrektheit, ohne Rücksicht auf die Folgen? Norbert Bolz: “Die größte Gefahr für die Demokratie ist das Schweigen der Vielen”:http://folio.nzz.ch/2018/juni/die-gedanken-sind-nicht-frei ,die sich vom Paternalismus der Medienelite bevormundet fühlen.“ Ihr Schweigen legt sich wie Mehltau über die Republik.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“

Dieses Zitat von Hölderlin gibt Hoffnung für eine Gegenbewegung, beispielsweise das „Poetry Slam“. Ein Poetry-Slam ist ein literarischer Vortragswettbewerb, bei dem selbstgeschriebene, häufig humorvolle Texte vor einem überwiegend jugendlichen Publikum von zunächst namenlosen Autoren vorgetragen werden. Die Zuhörer küren anschließend den Sieger. Da ist sie: die Lust, die Freude auf Sprache, auf das Fabulieren, hier noch in Form einer Subkultur.

Es gibt inzwischen rund 100 jährliche Veranstaltungen zum Poetry Slam in Deutschland: Dort stellt sich Sprache dar, als ein Phänomen des gemeinsamen, kreativen und freudvollem Tuns, der Potentiale des Veränderns mit Elementen aus dem Multi Media – Bereich, individueller Performance und Improvisationstheater. Zeigt dieses Beispiel nicht: Diese Subkultur birgt unermessliche Potentiale der Freude, kann Freudefunken für ein gemeinschaftlichen Erleben und Erzählen zünden. Gelebte Sprechkultur als Pendant zum Bekämpfen einer Kunstsprache. Oder: Lachsalven über das “Gender GaGa”:http://www.gendergaga.de/ befördern die ach so korrekte Sprache ins wohl verdiente Nirwana des Lächerlichen………..

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