Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten. Albert Camus

Ich arbeite nicht – ich schreibe

Arianna Huffington hat für 315 Millionen Dollar ihre Huffington Post verkauft. Ihre Blogger sehen davon keinen Cent. Ist das gerecht? Falsche Frage.

Google gegen Apple. Verlage gegen Aggregatoren. Urheber gegen Diebe. Gut gegen Böse. Auf diese Gegensätze hat sich noch jede Diskussion reduzieren lassen, die in den vergangenen Jahren ums Geschäftemachen mit Content im Netz geführt worden ist. Ja, ums Geschäftemachen. Es existieren – bitte nicht überrascht sein – da draußen nämlich viele Unternehmen, die im Netz mit journalistischem Content Geschäfte machen wollen. Große Unternehmen, mächtige Unternehmen, sicher auch heillos überbewertete Unternehmen – aber gerade Letzteres ist keine Besonderheit der Netz-Ökonomie.

„Tom-Sawyer-Moment für die Medien“

Dieser Tage wird in den einschlägigen Zirkeln wieder viel über die prekäre Ökonomie des Journalismus geredet. Grund für diese Diskussion sind auch nach einer guten Woche noch immer jene 315 Millionen US-Dollar, um die Arianna Huffington ihre Website „Huffington Post“ an AOL verkauft hat. Die „Huffington Post“ hat sehr viele Leser. Doch im Vergleich zu anderen Medien im Web mit sehr vielen Lesern hat die „Huffington Post“ sehr wenige Mitarbeiter, die bezahlt werden. Die meisten, die dafür schreiben, tun das gratis und mit großer Begeisterung. Und die wenigen, die für die „Huffington Post“ arbeiten, schreiben vergleichsweise wenig, sondern kuratieren das Geschriebene, mischen und verlinken es mit den permanent eintrudelnden Nachrichten von überall und gestalten so eine spannende Seite.

Das funktioniert zumindest in diesem Fall auch als Geschäftsmodell. Doch für viele ist das nicht der Journalismus, den sie gelernt haben. Für Leute wie David Carr zum Beispiel, Medien-Kolumnist der „New York Times“. Dem gefällt es nicht, dass Menschen ohne Bezahlung Content produzieren. Einen „Tom-Sawyer-Moment für die Medien“ nennt er das, weil es ihn an die Geschichte erinnert, als Tom einen Zaun streichen musste und erfolgreich seine Freunde dafür einspannte, weil er ihnen einreden konnte, wie viel Spaß die Arbeit mit dem Pinsel macht. In Carrs Sinne ist also Arianna Huffington der Tom Sawyer der Medienbranche, weil sie andere gratis für sich arbeiten lässt.

Bei Beobachtern und „Huffington Post“-Bloggern führt das nun zur moralischen Frage, ob es zulässig ist, eine Website um 315 Millionen Dollar zu verkaufen – und den Bloggern weiterhin nichts für ihre Werke zu bezahlen. Es gibt mittlerweile eine Facebook-Seite, die einen Anteil für die Blogger fordert. Und es gibt bis auf Weiteres keine Änderung der Geschäftspolitik: Wer für die „Huffington Post“ bloggen will, möge das tun, aber es wird dafür kein Geld geben.

Ist das nun in Ordnung? Ich finde: ja.

Ich schreibe fürs Web, derzeit ausschließlich und mehr als ich je für Print geschrieben habe. Ich werde dafür nicht bezahlt. Und ich fühle mich deshalb trotzdem nicht um meine Existenz gebracht, weil es erstens eine freiwillige Entscheidung war und weil ich zweitens damit begonnen habe, mich nach einer anderen Existenz umzusehen, in der das Schreiben nicht mehr zwingend mit Geldverdienen zu tun hat.

Mein eigenes Online-Magazin und auch der Platz hier auf The European sind zwei Bilderrahmen ähnlich der „Huffington Post“, in den viele Menschen gerne hineinsehen. Ich bin eitel genug, um sie zu nutzen, denn je mehr Bilderrahmen, desto mehr Publikum, desto mehr Verlinkungen und desto mehr Relevanz – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, aber die Relevanz sollte immer die Folge bleiben.

Ich genieße die Freiheit, die mir die Unabhängigkeit von ökonomischen Zwängen beim Schreiben bietet. Und ich bin mittlerweile zur Überzeugung gelangt, dass ich nur mehr unter einem Vorbehalt auf Honorarbasis schreiben möchte: Wenn mir oben erwähnte Freiheit erhalten bleibt. Sonst wäre es nämlich Arbeit.

Vielen Dank übrigens an Jeff Jarvis, der auf diesen feinen Unterschied hingewiesen hat.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

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