Repräsentative Demokratie ist ein Modell aus einer Zeit ohne Internet. Leon de Winter

Genug ist genug

Neoliberalismus und Globalisierung haben lange genug Unrecht und Ausbeutung forciert. Für einen Systemwechsel müssen wir bei der kleinsten Einheit ansetzen: bei uns.

Ob in Jackson Hole, Wyoming, oder in Lindau am Bodensee. Ob mit US-Notenbank-Chef Ben Bernanke beim jährlichen Treffen der internationalen Notenbanker vor der Kulisse der Rocky Mountains oder mit einem guten Dutzend Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften in bayerischer Beschaulichkeit – es wird wieder einmal eine Zauberformel für die Zukunft der Weltwirtschaft gesucht.

Das ist nachvollziehbar, schließlich hat die Weltwirtschaft dieser Tage keinen guten Leumund. Angst vor der Rezession, miese Konjunktur, verrückte Märkte – ein Rundumpaket schlechter Nachrichten, die einem das vermeintliche Menschenrecht auf ungedeckte Kredite eben einbrockt.

Die Suche nach der Zauberformel

Und die Suche nach dieser Zauberformel ist durchaus komplex, denn die Beschäftigung mit der Zukunft hat einen gravierenden Nachteil: Morgen wird es so oder so. Und weil diese banale Erkenntnis immer gilt, haben die Strategen der Weltwirtschaft neoliberaler Prägung in den vergangenen Jahrzehnten auch großzügig darauf verzichtet, über die Zukunft nachzudenken. Kurzfristige Gewinnmaximierung hat schließlich auch gereicht, um das System zu rechtfertigen.

Ja, es gibt zwischen Rockys und Bodensee vieles nachzuholen – und es gerät zusehends schwieriger, Neoliberalismus und Globalisierung als Heilsbringer für die Welt darzustellen. Reiche wurden reicher, Arme wurden ärmer, der Planet wurde ausgebeutet, der freie Markt wollte es angeblich so.

„Die gängigen makroökonomischen Modelle sind zu einem großen Teil verantwortlich für die Krise“, sagte der New Yorker Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz in Lindau. „Wir leben mitten in einem Systemwechsel. Wir werden einhundert Jahre brauchen, um zu begreifen, wie er sich abgespielt hat“, schrieb Arno Widmann vor ein paar Tagen.

Wir leben im Systemwechsel

Viele Indizien für diesen Systemwechsel sind nicht einmal schwer zu erkennen: Wir müssen etwa über ein Leben nach dem Erdöl nachdenken. Wir müssen uns fragen, ob wir tatsächlich ein Recht aufs Leben im Überfluss haben. Oder grundsätzlicher formuliert: Wir müssen uns fragen, ob es nicht irgendwann auch genug ist. Genug Geld, genug Wohnraum, genug Straße, genug Unterhaltungselektronik, genug Kohlehydrate. Schon allein deshalb, damit auch für zukünftige Generation noch genug von allem da ist.

Es ist zwar der innere Antrieb des Menschen, immer mehr zu haben, um sich glücklich zu fühlen, doch es war ein Fehler, darauf eine Weltordnung zu errichten. So pathetisch es klingen mag, so oft muss es auch gesagt werden: Ein Systemwechsel setzt vor allem voraus, dass wir endlich an die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt denken.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

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