Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann darüber soll man schweigen. Ludwig Wittgenstein

Eure Freiheit kotzt mich an

Im Sommer könnte meine Stadt der beste Ort der Welt sein. Nur leider sind zu viele Autos darin. Und Menschen, die ihre Autos als Mittel zur Freiheit missverstehen.

Pünktlich mit dem Sommer kommt auch der Frust. Es reicht. Die Stadt. Der Dreck. Die Leute. Und natürlich vor allem: die Autos der Leute überall, die einem in der Hitze noch näher wirken, als einem sonst schon angenehm ist.

Das Auto, die heilige Kuh

Und dann das alles auch noch in einer Stadt, in der das Auto als heilige Kuh gilt, und – wie die hiesige Stadtzeitung zusammenfasst – nun auch von der Opposition angewandt wird, um die rot-grüne Koalition zu schlachten. Diese hat sich nämlich entschlossen, in mehreren Stadtbezirken (konkret: den äußeren) ebenfalls Gebühren von jenen zu kassieren, die mit ihren Wagen öffentlichen Raum vollzustellen gedenken.

Das, so sagt die Opposition, geht nicht. Das ist ein Eingriff ins vermeintliche Menschenrecht auf motorisierten Individualverkehr. Das dürfen doch um Gottes willen keine Grünen mit entscheiden. Da muss ein Volksentscheid her, direkte Demokratie für Führerscheinbesitzer, jawoll!

Warum ich hier dieses glücklose Stück Lokalpolitik nacherzähle?

Ganz einfach: weil es mich anekelt. Weil hier alles verkehrt ist: Die Kampagne gegen eine verkehrspolitische Maßnahme mit Steuerungseffekt kommt als Plädoyer für mehr Mitbestimmung des Volkes daher. Und das Mittel zum Zweck ist obendrein das Automobil mit all der ihm anhaftenden Symbolik: Individualität, Mobilität und – natürlich – Freiheit.

Das Auto als Symbol für Freiheit stammt aus dem letzten Jahrhundert

Sagen wir es so: Dieser Freiheitsbegriff stammt aus dem tiefsten 20. Jahrhundert. Als Menschen die Landschaft zersiedelten und lokale Infrastruktur zerstörten, weil sie nicht zu Fuß zum Fleischhauer gingen, sondern mit dem Auto zum Supermarkt hinter der Ortstafel fuhren. Und als der Führerschein das einzige Dokument war, das einen zuverlässig zum Erwachsenen stempelte.

Mag sein, dass dieser Freiheitsbegriff noch immer die meisten Anhänger hat. Und mag schon sein, dass wir in der Stadt ganz andere Probleme haben als die auf dem Land und leicht auf Autos verzichten können – doch ich kann es nicht mehr hören, wenn sich jemand in seinem Leben eingeschränkt fühlt, weil er seinen Wagen nicht mehr gratis abstellen darf.

Wenn schon Freiheit, dann richtig.

Wenn schon Freiheit, warum dann nicht zur Abwechslung einmal so: als Freiheit zu arbeiten, die einem eine Zugfahrt beschert. Als Freiheit, in halbwegs gesunder und sauberer Umgebung zu leben? Oder als Freiheit, seine Kinder ohne Sorge von der Schule nach Hause gehen zu lassen?

Ich weiß, was ihr mir jetzt sagen wollt: Dort wo ihr wohnt, fährt kein Zug hin. Wenn ihr gesunde Luft wollt, fahrt ihr aufs Land. Und die Schule liegt am anderen Ende der Stadt: _Es ist viel zu gefährlich, die Kinder allein dorthin zu schicken. Viel zu viele Autos auf viel zu gefährlichen Kreuzungen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

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