Als die Mauer fiel, hatte ich einen Kloß im Bauch. Paul van Dyk

Die Früchte der Krise

Wer aus Hunger Gemüse stiehlt, ist in Zeiten wie diesen nicht nur ein Dieb. Er taugt auch als Beispiel für die Entsolidarisierung in reichen Gesellschaften.

Auf den ersten Blick ist die Geschichte vor allem für Lacher gut. Sie wurde via ORF Online an mich herangetragen, der reichweitenstärksten News-Site Österreichs – und des durchschnittlichsten Fensters, durch das Österreich die Welt betrachtet. Dort, wo demnächst Triumph und Niederlage der weltbesten Skifahrer des Landes verhandelt werden, stand gestern eine Story in prominenter Position, die nebensächlicher nicht sein könnte.

Reiches Land, ungerechtes Land

Sie erzählte von einem Kriminalfall in der englischen Grafschaft Cambridgeshire, der mittels Fahndungsfotos von Gemüse (hier auch die hämische Notiz aus der „Daily Mail“ dazu) aufgeklärt wurde. Lawrence Miller und Steven Randall, beide Mitte vierzig, beide seit langer Zeit arbeitslos, waren im Ort Brampton von der Polizei mit einem Sack voll gestohlenem Gemüse festgenommen worden. Die Täter waren sofort geständig, es blieb nur mehr ein Problem: Wem das Gemüse zurückgeben, noch dazu in einer Gegend voller üppiger Gemüsegärten? Es war die Lösung dieses Problems, die die Geschichte in die öffentliche Wahrnehmung rückte. Mit Fotos des beschlagnahmten Gemüses wurden die Gemüsegärtner von Brampton um Identifizierung gebeten – und siehe da, aufgrund markanter Kürbisse und anderer besonderer Kennzeichen konnten die vier bestohlenen Gärtner schließlich ausfindig gemacht werden. Wie gesagt, auf den ersten Blick scheinen bei dieser Geschichte vor allem die Lacher im Vordergrund zu stehen, die man damit, hihi, ernten kann.

Beim zweiten Blick kann man auch von den Gründen für diesen Diebstahl lesen: Die beiden Männer hatten einfach bohrenden Hunger, ihre Familien ebenso, und da sie kein Geld hatten, um ihren Hunger anders zu stillen, wollten sie das Gemüse anderer essen.

Großbritannien ist eine der reichsten Nationen der Welt – und eine der ungerechtesten in Sachen Einkommensverteilung, wie Richard G. Wilkinson, Gesundheitswissenschafter und Autor des Buches „The Spirit Level: Why Equality is Better for Everyone“ immer wieder nachgewiesen hat (schön zusammengefasst hier in seinem kürzlich veröffentlichten TED Talk). Wilkinson belegt auch, dass im reichen Teil der Welt Faktoren wie Wirtschaftswachstum und steigende Einkommen keinen Einfluss mehr auf das durchschnittliche Wohlbefinden einer Gesellschaft haben. Im Gegenteil: Je reicher eine Nation, desto ungleicher verteilt sie den Reichtum auf ihre Bürger.

Und je reicher und ungleicher eine Gesellschaft, desto mehr psychische Krankheiten beschert sie ihren Mitgliedern. Desto schlechter ist es um ihre Kinder bestellt. Desto mehr Morde werden begangen. Desto öfter wird die Schule abgebrochen. Desto mehr Leute sitzen im Gefängnis. Desto schlechter ist es um ihren Zusammenhalt bestellt.
Und es ist fast müßig zu fragen, ob solche Mechanismen in Zeiten einer Wirtschaftskrise nicht noch verstärkt werden. Ob hier nicht Ungleichheiten weiter geschürt werden, die sich manche sogar noch vergolden lassen. Natürlich lautet die Antwort Ja. Es wird in Zukunft wohl noch öfter zu Gemüsediebstählen aus Not kommen.

Welche Systemkrise?

Rührend in diesem Zusammenhang ist übrigens auch die Reaktion der bestohlenen Gemüsegärtner: Die beiden Verurteilten hätten doch nur um Hilfe fragen müssen, dann hätte man ihnen das Gemüse auch geschenkt, sagten sie, nachdem die Herren Lawrence Miller und Steven Randall auf Bewährung zu 20 Pfund Strafe und 85 Pfund Gerichtskosten verurteilt worden waren.

Da es sich in kapitalistischen, an der Wettbewerbsfähigkeit des Einzelnen orientierten Gesellschaften allerdings nicht geziemt, um Hilfe zu fragen, kriegt die eine Hälfte der Gesellschaft die Not das anderen immer erst dann mit, wenn es zu spät ist. Auch das ist ein typisches Phänomen ungleicher Gesellschaften. Aber wen juckt’s, retten wir lieber weiter den Euro, anstatt uns der großen Systemkrise zu stellen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

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