Es gibt kein Recht auf Wirtschaftswachstum. Kieron O'Hara

Warum ich die Piraten mag

Niemand kann so viel falsch machen, wie den Piraten dieser Tage vorgeworfen wird. Abgesehen davon: Irgendwer muss sich schließlich der Kampfzone Internet annehmen, oder?

Eigentlich wollte ich zu diesem Thema gar nichts sagen. Erstens, weil ich fürchte, dass es niemand vermisst hätte. Zweitens, weil alles gesagt ist. In Großbuchstaben, Fettdruck und Kursiv, in Hingerotzt, Durchdacht und Nebensächlich, in wasweißich. Und drittens, weil ich vor lauter Wortmeldungen und vorauseilender Analyse gar keine Ahnung mehr habe, wie ich inhaltlich zu den Piraten stehe.

Aus anfänglicher Hoffnung war so zuerst ein großes Fragezeichen und dann ein Egal geworden. Doch, und das ist die gute Nachricht, der inhaltlichen Ratlosigkeit steht nun zusehends echte Sympathie gegenüber.

Aufruhr in der versteinerten Parteienlandschaft

Dafür gibt es mehrere Gründe. Allein, was in die alles hineininterpretiert wird, weil sie angeblich ja Diebe und Chaoten sind. Wie alle lachen, weil sie sich manchmal zerfleischen und übers Ziel hinausschießen. Wie alle anderen politischen Gruppierungen behaupten, dass sie ihre angeblichen Randthemen ja ohnehin längst zeitgemäß besetzen. Und wie ihnen vorgehalten wird, rechte Deppen in ihren Reihen zu haben.

Ja, selbst der letzte Punkt stiftet meine Sympathie, denn ich schreibe diese Zeilen aus einer Stadt, die mehrere Jahrzehnte brauchte, um den nach dem Antisemiten Karl Lueger benannten Abschnitt der Wiener Ringstraße umzubenennen – und aus einem Land, das den Umgang mit rechten Deppen zur Genüge kennt. Die sind nämlich keine Frage des Totenkopfes, sondern meistens eine Frage fehlenden Köpfchens. Und dieses Defizit, behaupte ich, ist in den meisten Lagern gleichmäßig verteilt. Und die mit hoher Deppen-Dichte sind garantiert nicht die Piraten.

Soll heißen: Ich mag die Piraten, weil sie in einer versteinerten politischen Landschaft für Aufruhr sorgen können – und weil sie in einem Punkt für fortlaufende Diskussionen sorgen, der mir sehr wichtig ist. Es wird endlich mehr über Netzpolitik geredet, und auch darüber, wie man mit Werken im digitalen Zeitalter sinnvoll umgehen sollte. Und vor allem, wie man Begriffe wie geistiges Eigentum oder Urheberrecht mit der gelebten Praxis sehr vieler Menschen in Einklang bringen kann, ohne sie zu kriminalisieren, weil: Filesharing wie Tausch von Kinderpornos verfolgen ist bitte schön auch nur unverhältnismäßige Rhetorik bar jeder Logik.

Große Kampfzone der Gegenwart

Es handelt sich hier um eine der großen Kampfzonen der Gegenwart, weil sich daran noch viele andere Fragen heften, sei es der Umgang mit Privatem und Öffentlichem, sei es der Umgang mit Datenspuren und wem diese gehören.

Sagen wir es so: Viele der Rahmenbedingungen, innerhalb derer wir unsere Leben leben, sind schon längst vom technologischen Fortschritt überholt worden. Und den Fortschritt mit neuen Gesetzen und drakonischen Strafen zu behindern, hat noch keiner Gesellschaft einen Dienst erwiesen. Mindestens genauso wenig, wie einer Gruppierung mit Spott und Häme zu begegnen, die sich dieser Kampfzone annimmt. Ich finde das einfach tapfer. Und Tapferkeit ist mir sympathisch.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

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