Ein Herz für Slacktivisten

von Eberhard Lauth10.03.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Heute Katzenfotos, morgen Verbrecherjagd in Uganda. Passionierten Mausklick-Aktivisten eilt ein zweifelhafter Ruf voraus. Der ist naheliegend, aber nicht immer berechtigt.

Es war im Sommer 2009, da färbten viele meiner Facebook-Bekanntschaften ihr Profilfoto grün. Damals ging es um den Iran. Die Wiederwahl Mahmud Ahmadinedschads zum Präsidenten hatte einmal mehr nach Manipulation gerochen, Zehntausende gingen auf die Straße, sie wurden niedergeknüppelt, die Fotos und Videoschnipsel davon gingen um die Welt, millionenfach verlinkt auf Twitter und Facebook. „Die Welt protestiert nicht nur mit – sie wird Teil des Widerstands“, hieß es damals. Eine Einschätzung, die man auch danach sinngemäß immer wieder lesen konnte. Egal, ob in Tunesien und Ägypten – mit dem Einsatz von Social-Media-Tools verändere sich die Welt, sie werde freier und vielleicht auch demokratischer. Und der Slacktivist – auch gerne Nerd oder Digital Native genannt – mit seiner aktiven Teilnahme an digitalen Endgeräten sei der Motor dieser Entwicklung.

Bewirtschaftung von Betroffenheit

Dass einem diese Sicht der Dinge gerne einen Tick zu naiv vorkommt, lässt sich auch den äußeren Umständen zuschreiben, dem aufgeregten Grundrauschen, das Großereignisse dieser Tage in den sozialen Netzwerken begleitet. Das kann einem ja tatsächlich ordentlich auf die Nerven gehen, wie alles, das sich bis zur Penetranz wiederholt. Schließlich gibt es für alles und jenes ein Anliegen, viele davon sind wichtig, aber je mehr sie werden, desto näher rücken sie Fotos von lustigen Katzen und toten Hunden. Und dabei verlieren sie dann einen Gutteil ihrer Authentizität. Das jüngste Beispiel ist ein Film von 28 Minuten Länge. Er trägt den Titel „Kony 2012“ und wurde binnen Tagen mehrere Millionen Mal angesehen. Er handelt von Joseph Kony, einem blutrünstigen Rebellenführer aus Uganda. Er ist ein Fanatiker, selbsternannter General Gottes und Massenmörder. Das Ziel der Aktion „Kony 2012“ ist, ihn bis Ende des Jahres zu fassen und vor ein Gericht zu stellen. Tun wir uns zusammen und machen wir was dagegen. Schnappen wir diesen Kerl. Der Film dazu ist sehr gut gemacht, er stammt von Jason Russell, einem amerikanischen Regisseur. Wie viele gut gemachte Filme schafft er es, Nähe zu erzeugen. Und wie oft wird dieses Gefühl der Nähe noch verstärkt, wenn einen Nahestehende dazu einladen, doch bitte hinzusehen, weil es wichtig ist. Zuerst der eine Facebook-Freund, dann der nächste, und noch einer. Da war sie also wieder, die Bewirtschaftung der Betroffenheit. Sie wird heute standardmäßig als Begleiterscheinung zu weltbewegenden Ereignissen ausgeliefert. Und ich möchte sie nicht einmal schlechtreden. Sich für etwas zu interessieren und sich zu etwas zu bekennen, und sei es nur via Like-Button, ist immer noch besser als Desinteresse und Nabelschau. Es kann aber auch am Thema vorbei führen, wie Recherchen zur Aktion zeigen. Die Grenzen zwischen echtem Anliegen und gesteuerter Kampagne sind hier fließend, die Betroffenheit der Zuseher wird ganz bewusst zu einer Protestaktion umgedeutet. Wer sich nicht die Mühe macht, relativierende Statements zu „Kony 2012“ zu lesen, kriegt das nicht einmal mit. Und der Slacktivist hat einmal mehr den Ruf weg, sich in gemütlicher, von allen Zusammenhängen befreiter Anteilnahme zu suhlen, die dann doch nichts bewirkt. Doch auch bei diesem Vorwurf lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Zum Beispiel auf eine Studie aus dem Jahr 2010, die sich mit der Wirkungskraft des Slacktivisten beschäftigt. Sie wurde in den USA vom Georgetown University Center for Social Impact Communication gemeinsam mit Ogilvy Worldwide durchgeführt, ist hier als Download erhältlich, und vergleicht anhand diverser Faktoren die soziale Ader von Slacktivisten mit dem Rest der Bevölkerung.

Engagement und flüchtige Aufmerksamkeit

Die Resultate können sich durchaus sehen lassen: Slacktivisten neigen zu Charity-Aktivitäten. Sie arbeiten eher ehrenamtlich bei gemeinnützigen Projekten mit. Und sie verwenden auch offline deutlich mehr Energie darauf, für ihre Anliegen einzutreten. Was ein Glück ist, denn online ist ihre Aufmerksamkeit doch recht flüchtig. Der Hashtag #StopKony war nach nur einem Tag wieder aus den Top-Themen von Twitter verschwunden. Die Präsentation des #iPad3 erwies sich als prominenter.

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