Aufstand im Affenstall

Eberhard Lauth19.11.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Niemand lässt sich ewig unfair behandeln. Darum gibt es die Occupy-Bewegung. Und darum sind Politiker die wahren Weltfremden.

Der Mensch und der Affe sind bekanntlich verwandt. Und beide Spezies haben daher auch viel gemeinsam. Zum Beispiel einen angeborenen Sinn für Unfairness, wie die Primatologen Franz de Waals und Sarah Brosnan in einem “berühmten Experiment(Link)”:http://www.nature.com/nature/journal/v428/n6979/full/428140b.html an Kapuzineraffen nachgewiesen haben. Sie warfen dabei Spielmarken in einen Affenkäfig, und immer wenn die Affen eine davon herausreichten, erhielten sie als Belohnung Gurken oder Weintrauben. Kapuzineraffen, das wussten de Waals und Brosnan, schmecken Weintrauben viel besser als Gurken. Als ein Affe für seine Spielmarke immer die Gurke bekam, und der andere immer die Weintraube, verweigerte der Gurkenaffe plötzlich seine Mitarbeit. Und als der andere dann auch noch ohne Gegenleistung mit Weintrauben belohnt wurde, kam es zur Revolution. Der ungerecht behandelte Affe warf seine Gurken nach den Forschern.

Die Menschen werden wütend

Eine verständliche Reaktion für uns Menschen, denn auch wir sind grundsätzlich zur Fairness geboren. Wir können zwar viele Ungleichheiten ertragen, doch wir ertragen nicht, wenn diese Ungleichheit auf Ungerechtigkeit basiert. Oder anders formuliert: Jeder gönnt einem anderen sein vieles Geld, das er durch nachvollziehbare Leistung verdient hat. Doch wenn – und hier gelangen wir zum eigentlichen Thema dieses Textes – das große untere Ende der Gesellschaft den Eindruck gewinnt, das kleine obere werde völlig grundlos belohnt und bevorzugt, beginnt es an der breiten Basis zu rumoren. Die Menschen werden wütend. Sie werfen zwar vielleicht keine Gurken, aber sie stellen Zelte in den Park. Sie werden von der Polizei vertrieben. Sie kommen wieder. Und wenn dann zum ersten Mal Polizeigewalt angewendet wird, wird immer sichtbarer, wie recht sie mit ihrer Einschätzung haben. Sie, das sind die 99 Prozent, die sich von einem System verarscht fühlen, das das verbleibende eine Prozent deutlich bevorzugt. Der einzige Nachteil dieser an sich logischen Kausalkette: Man mag die 99 Prozent auch jetzt, wo Gewalt im Spiel ist, “noch immer nicht recht ernst nehmen(Link)”:http://www.zib21.com/19146/ebelau/der-mythos-vom-marsch-durch-die-institutionen/. Sie haben immer noch das “Image der unkoordinierten Basisdemokraten(Link)”:http://theeuropean.de/alexander-goerlach/8524-weltweite-proteste-gegen-den-kapitalismus, die sich mangels anderer als vager Ziele recht bald selbst zersetzen werden. So oft wird diese Interpretation erzählt, dass man sie fast schon glauben möchte. Und daher ist es eine große Freude, auf Texte wie jenen des “britischen politischen Philosophen John N. Gray(Link)”:http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2011/nov/15/occupy-realists-europe-ruling-elites zu stoßen, der vor ein paar Tagen im „Guardian“ erschienen ist. Gray ist ein ehemaliger Neoliberaler, der sich im Laufe seines Lebens zum Kritiker der Globalisierung gewandelt hat. Und warum? Mit Recht – und aus gut argumentierten Gründen, wie auch im oben verlinkten Text einmal mehr nachzulesen ist. Die Illusion vom globalisierten Markt, der sich zum Wohle des Menschen selbst reguliert, so Gray, sei nur deshalb zwei Jahrzehnte lang aufrechtzuerhalten gewesen, weil sie den Menschen nicht einberechnet hatte. Diese Illusion hat so sehr die Strukturen unserer Leben bestimmt, dass sie noch heute politisch unverwundbar erscheint. Tatsache ist aber, dass dieser Tage die nach dem Kalten Krieg installierten Strukturen des entfesselten Weltmarktes zerbrechen. Und es gibt keine Institution von globaler Schlagkraft mehr, um die nötigen Reformen anzustoßen. Was bleibt, ist Geopolitik und Kleinstaaterei anstatt der Systemfrage.

Die Systemfrage wird trotzig gestellt

Und damit bricht Gray eine Lanze für die Occupy-Bewegung, weil sie im Gegensatz zu allen internationalen Politikern die “Systemfrage(Link)”:http://theeuropean.de/debatte/3865-systemfrage trotzdem stellt. Nicht sie ist eine Ansammlung lebensfremder Utopisten – es sind die Politiker, die ein System aufrechterhalten, das unter chronischer Dysfunktionalität leidet. Damit, so Gray, „erhöhen unsere Staatsoberhäupter nur die Wahrscheinlichkeit, dass es am Ende zu einem verhängnisvollen Zusammenbruch kommt“. Noch so ein Grund, warum die Occupy-Bewegung noch lange auf den Straßen bleiben muss.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Was bedeutet der Sieg von Walter-Borjans und Esken?

Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sind von der SPD-Basis zum neuen Duo an der Parteispitze gewählt worden. In der Stichwahl setzten sich die beiden Kandidaten klar mit 53,06 Prozent gegen den Vizekanzler Olaf Scholz

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Winfried Kretschmann - Wir müssen die Disruption des öffentlichen Raums verhindern

Wie kann es uns gelingen, die fragmentierte Öffentlichkeit wieder zusammen zu führen? Wie können wir Brücken zwischen der ganzen Fülle unterschiedlichster Gruppen bauen? Müssen wir vielleicht den Ort erst schaffen, an dem ein gemeinsamer Diskurs wieder möglich wird?

Rentner zahlen sechsmal so viel Steuern wie Erben

Rentnerinnen und Rentner, die in diesem Jahr in Rente gehen, zahlen bis zu fünfmal mehr Steuern, als Rentnerinnen und Rentner, die 2010 in Rente gegangen sind. Und das bei gleicher Rentenhöhe, die seitdem real an Kaufkraft verloren hat. Dass die Finanzämter selbst bei einer Bruttorente von 1200 E

Mobile Sliding Menu