Vernunft? Ich kann es nicht mehr hören!

von Eberhard Lauth5.11.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Da will jemand eine Volksabstimmung abhalten und geht deshalb politisch k.o. Und das soll dann das Resultat jener Vernunft sein, die alle beschwören? Geht’s noch?

Ja, der griechische Premier Giorgos Papandreou hat mit der Ankündigung seines Referendums sicher hoch gepokert. Und da es zum Wesen von Poker gehört, sich auch einmal zu verzocken, ist der erste Reflex natürlich eindeutig. Wie kann er nur, dieser Grieche? Pokern. Spielen. In so einer – wir senken die Stimme und ziehen die Augenbrauen hoch – ernsten Situation. Das ist doch unverantwortlich. Und grundunvernünftig obendrein. Auf den ersten Blick ist einem dieser Blickwinkel ja durchaus vertraut. Hat ja die Mutter schon immer gesagt, dass man in Momenten der Not gefälligst den vernünftigen Ratschlägen der Großen folgen solle. Nicht rauchen, nicht trinken, brav sein. Vernunft, mit humanistischem Halbwissen über das Werk Immanuel Kants begriffen, ist die Fähigkeit des menschlichen Geistes, von einzelnen Beobachtungen und Erfahrungen auf universelle Zusammenhänge in der Welt zu schließen. Dank der Vernunft erkennen wir ihre Bedeutung und handeln danach. Und ohne Vernunft stünden wir ziemlich blöd da.

Papandreou riskiert alles

So weit, so Kant. In der Praxis war dieses Konzept immer schon viel komplizierter. Es war zum Beispiel nicht sehr vernünftig von Christoph Columbus, gen Westen in den Atlantik hinaus zu segeln. Er hätte ja auch mit seinen Schiffen vom Rand der Erdscheibe stürzen können. Es war auch nicht sehr vernünftig von Otto Lilienthal, fliegen zu wollen. Schließlich starb er an den Folgen des möglicherweise ersten Trudelunfalls der Luftfahrtgeschichte. Aber ohne Lilienthal müssten wir vielleicht noch immer mit dem Schiff auf ferne Inseln in den Urlaub fahren. Oder – viel vernünftiger – daheim bleiben, anstatt auf der langen Fahrt an Skorbut zu sterben. Man sieht schon, worauf ich hinauswill: Vernunft kommt gerne als hohle Phrase daher. Und oft entpuppt sie sich im Rückblick als falscher Rat. Immerhin war sie auch ein wichtiges Argument auf dem Weg in die Misere an den Finanzmärkten,

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die B...

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminis...

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann...

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Bus...

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s...

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deut...

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu