Apple muss nur noch die Kreativität der Menschen herausfordern, um damit Umsatz zu machen. Ibrahim Evsan

Vernunft? Ich kann es nicht mehr hören!

Da will jemand eine Volksabstimmung abhalten und geht deshalb politisch k.o. Und das soll dann das Resultat jener Vernunft sein, die alle beschwören? Geht’s noch?

Ja, der griechische Premier Giorgos Papandreou hat mit der Ankündigung seines Referendums sicher hoch gepokert. Und da es zum Wesen von Poker gehört, sich auch einmal zu verzocken, ist der erste Reflex natürlich eindeutig. Wie kann er nur, dieser Grieche? Pokern. Spielen. In so einer – wir senken die Stimme und ziehen die Augenbrauen hoch – ernsten Situation. Das ist doch unverantwortlich. Und grundunvernünftig obendrein.

Auf den ersten Blick ist einem dieser Blickwinkel ja durchaus vertraut. Hat ja die Mutter schon immer gesagt, dass man in Momenten der Not gefälligst den vernünftigen Ratschlägen der Großen folgen solle. Nicht rauchen, nicht trinken, brav sein.

Vernunft, mit humanistischem Halbwissen über das Werk Immanuel Kants begriffen, ist die Fähigkeit des menschlichen Geistes, von einzelnen Beobachtungen und Erfahrungen auf universelle Zusammenhänge in der Welt zu schließen. Dank der Vernunft erkennen wir ihre Bedeutung und handeln danach. Und ohne Vernunft stünden wir ziemlich blöd da.

Papandreou riskiert alles

So weit, so Kant. In der Praxis war dieses Konzept immer schon viel komplizierter. Es war zum Beispiel nicht sehr vernünftig von Christoph Columbus, gen Westen in den Atlantik hinaus zu segeln. Er hätte ja auch mit seinen Schiffen vom Rand der Erdscheibe stürzen können. Es war auch nicht sehr vernünftig von Otto Lilienthal, fliegen zu wollen. Schließlich starb er an den Folgen des möglicherweise ersten Trudelunfalls der Luftfahrtgeschichte. Aber ohne Lilienthal müssten wir vielleicht noch immer mit dem Schiff auf ferne Inseln in den Urlaub fahren. Oder – viel vernünftiger – daheim bleiben, anstatt auf der langen Fahrt an Skorbut zu sterben.

Man sieht schon, worauf ich hinauswill: Vernunft kommt gerne als hohle Phrase daher. Und oft entpuppt sie sich im Rückblick als falscher Rat.
Immerhin war sie auch ein wichtiges Argument auf dem Weg in die Misere an den Finanzmärkten, von denen ich keine Ahnung habe. Ach wie waren wir nicht alle vernünftig, private Pensionsversicherungen abzuschließen, weil es ja verantwortungslos gewesen wäre, unser Wohlergehen im Alter dem Staat zu überlassen. Und sehr dumm, nicht auch von den hohen Renditen zu naschen, die uns angetragen wurden.

Ich pfeife auf die Vernunft

Vor lauter Vernunft wurden wir so zu Anlegern und Spekulanten und schufen Unmengen virtuellen Geldes. Vor lauter Vernunft setzten wir jenen Kreislauf in Gang, der heute Weltwirtschaft und Euro-Zone beutelt. Und vor lauter Vernunft orientieren wir uns ausschließlich an ökonomischen Zielen und unterwerfen uns ihren Regeln.

Weil – wie schon gesagt – alles andere doch schlicht unvernünftig wäre. Im Falle des Falles auch unsere Entscheidung. Oder – abstrakter formuliert – so ein Instrument wie eine direkte Demokratie, die unseren Willen ausdrücken kann.

Ganz ehrlich: Wenn das die Vernunft ist, die sie meinen, dann pfeife ich darauf.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

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