Nur Kinder, Narren und sehr alte Leute können es sich leisten, immer die Wahrheit zu sagen. Winston Churchill

Der Mythos vom Marsch durch die Institutionen

Im Umgang mit der Wirtschaftskrise sind bisher alle beteiligten Institutionen gescheitert. Nicht zuletzt darum sollte die #OccupyWallStreet-Bewegung am besten auf der Straße bleiben.

Die Liste der Vorwürfe an die #OccupyWallStreet-Bewegung wird von Tag zu Tag länger. Mal ist sie zu dezentral und anarchisch. Mal ist sie zu unausgegoren in ihren Forderungen. Mal ist sie zu spaßorientiert. Und mal – das hat natürlich noch gefehlt – ist sie drei Jahre zu spät dran.
Abgesehen davon, dass es immer einen merkwürdigen Geruch verströmt, wenn Schreibtischtäter den Menschen auf der Straße erklären, wie sie protestieren sollen: Ich bin dafür, diese Menschen jetzt einmal machen zu lassen und sie nach besten Kräften zu unterstützen. Mitdenken und mitreden ist ein guter Anfang, mitgehen ist noch besser. Das mag zwar kein so formvollendetes Curriculum wie bei einem Executive MBA ergeben, aber aus universitären Labors haben wir schon genug neue Ideen für die Welt. Und die meisten davon – die ökonomischen – warten noch immer auf ihre Bestätigung in der Praxis.

Fortschritt als elitäres Projekt

Vor allem den hier auf The European geäußerten Vorschlag vom Kollegen Alexander Görlach (wegen der Kommentare zum Text hier auch noch der Link zur gespiegelten Version auf ZiB21), die Protestierer mögen doch lieber den Marsch durch die Institutionen antreten, anstatt davor zu demonstrieren, muss ich öffentlich anzweifeln. Diese Forderung ist nicht nur alt, sondern versteht Fortschritt als elitäres Projekt. Er gehöre besser in den Labors der Macht und der Think Tanks ausgetüftelt. Dort wird er dann in Thesenpapiere gegossen und laut Business-Plan umgesetzt.

Klar, dass dem eine Bewegung diametral entgegensteht, die in ihrem frühen Stadium vor allem ein chaotisches Sammelbecken Unzufriedener aller Arten ist. Diese Unzufriedenen eint ein Gedanke. Sie gehen vom Schlimmsten aus. Sie sind zum Beispiel – so wie Jakob Augstein drüben auf S.P.O.N. – davon überzeugt, dass es am Ende dieser Krise den Euro nicht mehr gibt. Oder den Sozialstaat europäischer Prägung. Oder vielleicht beides.
Die Unzufriedenen glauben auch, dass genau jene Lösung nicht herbeigeführt wird, die allen am meisten helfen wüde: Banken regulieren, zurück zum Kerngeschäft, also Erspartes entgegennehmen und Kredite vergeben, anstatt fiktive Werte zu schaffen, die irgendwann einmal auf Kosten künftiger Generationen implodieren.

Die Unzufriedenen spüren auch, dass den europäischen Regierungschefs wohl nichts mehr anderes einfällt als eine zahnlose Forderung nach mehr Eigenkapital für die Banken. Das können in Zeiten der Krise natürlich nur einmal mehr Staaten stellen, denn niemand anderer wäre heute so verrückt, einer Bank Kapital zu geben.

Wir brauchen keine ratlosen Durchhalteparolen

Zugegeben, das können durchaus Gedankenspiele und Zusammenhänge sein, die nicht jeder Occupier teilt – aber sie sind ein weiteres Indiz für den Verdacht, dass die dieser Tage betriebene Schadensbegrenzung nur dem Erhalt von Institutionen dient, die ihr Versagen mehr als einmal bewiesen haben.

Nicht zuletzt darum ist ein Marsch durch diese Institutionen das Letzte, was wir brauchen. So endet er höchstens im Pausenraum der Wirtschaftskrise, wo alle zusammenstehen und sich ratlos Durchhalteparolen zuflüstern. Wird schon wieder. Ist immer alles wieder gut geworden. Oder?
Ich denke nicht, dass die Occupy-Bewegung irgendwann dort landen will. Und sie hat völlig recht damit.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

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