Die FDP existiert nur noch als aufblasbare Attrappe. Heribert Prantl

Wer überflüssig ist, braucht keine Moral

Wenn die Weltwirtschaft kracht oder in London Häuser brennen, gilt das als Zeichen mangelnder Moral. Doch die Moral, die alle meinen, gehört bloß einem elitären Club.

Dieser Tage wird viel von der Moral geredet. Die einen, etwa Charles Moore, ein Fan von Margaret Thatcher, und Frank Schirrmacher von der FAZ, haben erkannt, dass die Neokonservativen die Moral aus den Augen verloren haben und stiften damit eine dringend notwendige Diskussion darüber, dass unsere politischen Systeme nur den Reichen dienen, weil die Neoliberalen unter Freiheit bloß freie Marktwirtschaft verstehen, und unter Individualismus bloß Egoismus.

Und die anderen berufen sich darauf wie Großbritanniens Premierminister David Cameron, der sich keine Ratlosigkeit im Umgang mit den August-Riots in London und anderen britischen Städten leisten durfte und daher zum Schluss kam: Die britische Gesellschaft ist kaputt. Sie hat ihre Moral verloren. Und so geht das nicht weiter.

Ein Luxusproblem

Um die Moral wieder herzustellen, werden die Plünderer auch mit beispielloser Härte bestraft. Es ist sicher nicht das letzte Mal, dass jemand dem Missverständnis aufsitzt, Moral mit der Einhaltung von Gesetzen gleichzusetzen.

Die Moral, die sie alle meinen, gehört einem sehr exklusiven und elitären Club. Natürlich ist Gewalt keine Lösung, aber ich bin auch nicht verzweifelt. Und vor allem: Ich kann mich nicht wegen wirtschaftlichen Misserfolgs beklagen, sondern höchstens auf hohem Niveau jammern. Ein Luxusproblem also.

Am Beispiel Englands zeigte sich einmal mehr, dass Unruhen überall dort entstehen, wo die Staatsverschuldung und der Spardruck zu groß sind – und wo das Leben am unteren Ende der Gesellschaft von einem wirtschaftlichen Misserfolg geprägt ist, der so an die persönliche Existenz geht, dass er jegliche soziale Bindung auflöst.

In einer Diskussion im Schweizer Radio DRS zum Thema (hier nachzuhören) war auch Carlo Knöpfel von der Caritas Schweiz zu Gast. Er nannte die an den Riots beteiligten Jugendlichen die „Überflüssigen in der Gesellschaft“. Überflüssig als Arbeitskräfte, weil sie nichts gelernt haben. Überflüssig als Konsumenten, weil sie sich nichts leisten können. Und überflüssig als Wähler, weil sie kein Stimmrecht haben.

Ausschreitung statt Revolution

Wer überflüssig ist, der taugt nicht einmal mehr als Klassenkämpfer. Statt Revolution gibt’s eine Ausschreitung. Statt politischen Forderungen gibt’s eine neue Kapuzenjacke mit Markenlogo, die man sich auf legalem Wege nicht leisten kann. Und wer das als Taten eines unmoralischen Mobs abtut, bestätigt nur das Selbstbild der Täter: Sie waren überflüssig – und sie werden es bleiben.

Um auch in diesem Text noch einmal auf die kluge Analyse meines Kollegen Michel Reimon hinzuweisen: Solange in vielen europäischen Gesellschaften, die über Jahrzehnte immer reicher wurden, die Mehrheit der Bevölkerung glaubt, dass ihr Wohlstand in Gefahr ist, Sozialleistungen daher dringend gekürzt gehören, und der Abstieg wahrscheinlich trotzdem schon nächsten Montag stattfindet, wird auch bei vielen das Gefühl steigen, überflüssig zu sein.

Und angenommen, ich fühlte mich tatsächlich überflüssig: Da pfeife ich doch auf das Gerede von der Moral, oder? Die, die sie sich leisten können, sind sich schließlich auch selbst am nächsten.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

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