Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt. Mahatma Gandhi

Echt jetzt?

Die lesbische Bloggerin Amina Arraf aus Syrien hat es also nie gegeben. Eine weniger, die unsere Sehnsucht nach Authentizität befriedigt.

Die lesbische Bloggerin Amina Arraf aus Syrien, so haben wir diese Woche gelernt, ist ein 40-jähriger Amerikaner namens Tom MacMaster, der in Edinburgh, Schottland lebt und studiert. Der mittlerweile nicht mehr erreichbare Blog „A Gay Girl in Damascus“ war also Fake, alles Blödsinn, niemand wurde verschleppt, niemand ist gestorben, alle darauf reingefallen.

In den Tagen danach wurde vielerorts analysiert, was der Fall des Gay Girl in Damascus für unseren Umgang mit Avataren im Netz bedeuten könnte. Es ist, so das Fazit vieler Beobachter, leichter geworden, sich fiktionale Identitäten zu basteln. Und irgendwie ist das schlecht.

Fiktion ist Teil unserer Kultur

Genau dieses schwammige Irgendwie macht diesen Befund spannend: Leben wir tatsächlich in einer Phase der fortschreitenden Fiktionalisierung unseres Alltags? Und was bedeutet das? Schließlich ist es dem Menschen nicht neu, sich mit kleineren oder größeren Lügen in ein anderes Licht zu rücken. Einzig die Möglichkeiten sind vielfältiger: Ein digitaler Avatar ist schneller angelegt und gepflegt als zum Beispiel einer, der Bücher verkaufen und Interviews geben muss so wie damals beim literarischen Hoax von JT LeRoy vor gut einem Jahrzehnt.

Fiktion ist ein Teil unserer Kultur. Unser Leben besteht aus Geschichten, und die besten davon sind oft nicht ganz wahr. Doch selbstverständlich besteht ein Unterschied zwischen dem unbewussten Flunkern und dem bewussten Täuschen. A Gay Girl in Damascus war eine Täuschung. Was bleibt, ist die Frage, ob sie tatsächlich so böse war wie nun vielfach unterstellt.

Die Grenzen zwischen böser und guter Fiktion sind nämlich schwer zu ziehen. Der 40-jährige US-Amerikaner Tom MacMaster, verheiratet und hetero, als Gay Girl in Damascus, da sind sich alle einig, gehe zu weit. Er torpedierte mit seinem Avatar die ohnehin schon verworrene Nachrichtenlage um die brutalen Auseinandersetzungen zwischen Regime und Regimegegnern in Syrien, heißt es. Und er untergrub damit die Authentizität vieler Bloggerinnen und Blogger, die unter dem Schutzmantel von Avataren veröffentlichen müssen, um Repressalien des Regimes zu entgehen.

Da ist sie wieder: die Authentizität. Und damit die Suche nach dem Echten und Wahren in einer Welt der medialen Abbilder im digitalen Raum. Echt ist, wenn eine Tatsache und deren Darstellung übereinstimmen. Und wahr ist daher, wenn Konsens darüber herrscht, dass diese Übereinstimmung eingetreten ist.

Doch diesen Konsens verändern wir nicht nur ständig mit unserer permanenten Selbstinszenierung in sozialen Netzwerken, sondern auch damit, dass wir gerne gute Geschichten hören, die unserem Weltbild entsprechen.

David Kenner hat diesen Mechanismus am Beispiel Amina Arraf/Tom MacMaster auf Foreign Policy analysiert und kommt zum Schluss, dass die Fake-Bloggerin im Westen auch deshalb so gerne gelesen und zitiert wurde, weil sie alles erzählte, was wir gerne hören: Aufbruchstimmung, Sehnsucht nach Demokratie, Mitbestimmung und persönlicher Freiheit, ja: Sehnsucht nach einer Welt, die in ihren Werten den westlichen gleicht.

Glauben Sie nicht alles, was Sie lesen

Es ist also zu wenig, allein den Medien, die Amina Arraf vor ihrer Enttarnung so gerne zitiert haben, die Schuld dran zu geben, dass der Schwindel so lange nicht aufflog. Sicher, sie hätten genauer hinsehen können, aber das lässt sich danach immer sagen.
Vielmehr hat es den Anschein, dass alle Beteiligten, vielleicht sogar der Urheber Tom MacMaster, hier nur ihrer Suche nach dem Wahren und Echten in einer komplexen Welt auf den Leim gingen. Und hier schlägt die gute Geschichte eben jene, die den Tatsachen entspricht.

So wie auch im Fall des arbeitslosen Hochschulabsolventen Mohammed Bouazizi, dessen Selbstverbrennung am 17. Dezember 2010 in Sidi Bouzid als Ausgangspunkt der tunesischen Revolution gilt. Bloß, dass Bouazizi kein arbeitsloser Akademiker war und wohl auch nicht – wie erzählt – von städtischen Ordnungshütern gedemütigt und geschlagen worden war. Doch diese Version der Geschichte half den Revolutionären, das tunesische Bildungsbürgertum für ihre Protestbewegung zu gewinnen. Im Übrigen sollten wir ohnehin weniger glauben, was irgendwo geschrieben steht. Das gilt selbstverständlich auch für diesen Text.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

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