Informationen sind Macht und deshalb ist die Informationsrevolution ein Segen für die Demokratie. Francis Fukuyama

Hurra, die Popkritik ist tot!

Es gab einmal eine Zeit, da wäre es mir verwerflich erschienen, meine Schallplatten nicht anhören zu können. Diese Zeit ist längst vorbei. Und schon wieder ist dieses Internet an etwas schuld.

Mein Plattenspieler ist kaputt. Ich weiß, das ist eine Nebensächlichkeit und so was von banal, dass es eigentlich ein Skandal ist, mir hier zu gestatten, daraus einen ersten Satz zu formulieren. Aber gemach, dieser erste Satz hat schon seine Berechtigung. Der Plattenspieler ist nämlich schon seit Monaten kaputt, und über die Monate hat sich der anfänglich noch drängende Wunsch, ihn reparieren zu lassen, völlig aufgelöst. Da steht er also, ist hin, und es ist mir egal.

Früher, vor ein paar Jahren noch, wäre das anders gewesen: Da musste dieser Plattenspieler einfach funktionieren. Er war Symbol für die Bedeutung von Musik. Er war der Schlüssel zu den Schallplatten, die im Regal auf der anderen Seite des Zimmers lagern. Er war das Symbol dafür, dass ich immer wusste, welch wertvolles Gut Musik für mich ist.

Eine Mischung aus Halbwissen, Fantum und Exhibitionismus

Ich war und bin Heavy User im Zusammenhang mit Popmusik. Und wäre ich nicht auch noch nebenbei paranoid, hätte ich mir schon längst eine Trilliarde Songs aus dem Netz gesaugt. Einfach, weil ich gerne alle irgendwann einmal hören möchte, um noch einen besseren zu finden. Einfach, weil ich in den vergangenen Jahren viel zu viel Geld in den gierigen Schlund der Musikindustrie gestopft habe, die dann tatsächlich noch die Idee ersann, dass der angemessene Preis für einen Song wohl ein Euro sei. Aber wie gesagt: Paranoia hilft recht gut, um die Musikindustrie trotzdem nicht um eine Trilliarde Euro zu bringen.

Man muss sich das nur vorstellen: Im ersten Morgengrauen läuten mich Uniformierte aus dem Bett, deuten auf die Festplatten mit den Trilliarden Liedern drauf und sagen: „Sie werden sicher wissen, warum wir hier sind.“ Ausgerechnet zu mir sagen die das! Ich trinke nicht einmal Cola aus Dosen! Ich esse keine Tiefkühlpizza! Und ich habe ein Leben, eine Familie und auch sonst alles, was diese archetypischen Nerds in schlecht gemachten Fernsehfilmen nicht haben … solche Fantasien spinne ich jedenfalls vor mich hin, ehe ich mich entscheide, doch nicht ins Gefängnis wandern zu wollen.

Dann schalte ich meinen Rechner ein und surfe los. In die Musik-Blogs, um neue Songs zu entdecken. Auf Youtube und sonst wohin, um mir die aktuellsten Liveclips aus den amerikanischen Talk-Sendungen anzusehen. Alles immer neu und direkt von der Quelle. Alles immer schon in Kontext zu Herkunft und Bedeutung gestellt. Alles zur Weiterverarbeitung bereit. Alles, was früher langes Suchen und Expertenwissen brauchte, in Echtzeit abzurufen. Es ist mein Paradies, eine Mischung aus angeberischem Halbwissen, blindem Fantum und purem Exhibitionismus. Es raubt der Kunst nichts von ihrer Authentizität, sondern lädt sie sogar mit noch mehr Bedeutung auf.

Berufswunsch Musikjournalist? Besser nicht auf dem Land aufwachsen

Und es ist Symbol für den Tod meines Plattenspielers und den Tod der Musikrezension gleichermaßen. Beides ist ein Relikt aus einer Zeit, in der das Herrschaftswissen um die gute und richtige Musik noch einem selbst ernannten Expertenzirkel gehörte und nicht der Fanbasis im Netz. Damals musste man sich richtig anstrengen, um mitzukommen. Die wichtigen Magazine und Fanzines lesen, die richtigen Plattenläden besuchen, besser nicht auf dem Land aufwachsen, irgendwann selbst wichtig darüber schreiben. Berufsziel Musikjournalist – auch ein Teil meiner Biografie.

Rückblickend klingt das allerdings nicht einmal mehr nostalgisch, sondern fast ein bisschen lachhaft. So bedeutungsschwanger war Popmusik einmal? So mehr als nur immer und überall da?

Ach, war sie ja gar nicht. Ein paar Leute haben daran geglaubt, den meisten war sie egal. Und selbst heute gibt es noch ein paar, die Lady Gaga für die neue Madonna halten, während sich die meisten anderen das Zeug einfach nur anhören. Vielleicht sollte ich meinen Plattenspieler wegschmeißen. Diese Gaga käme mir so oder so nicht darauf.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

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