Die Helden einer Revolution sind immer die mutigen Menschen vor Ort. Srdja Popovic

Die Macht der Gefällt-mir-Solidarität

Dank Social Media sind uns Umbrüche wie die von Tunesien und Ägypten näher als andere zuvor. Die Revolution wird zwar noch immer nicht auf Facebook entschieden, aber es schafft zumindest nachhaltige Solidarität.

In Ägypten ist Revolution. Soviel steht einmal fest. In Ägypten entlädt sich die Unzufriedenheit einer jungen Generation auf den Straßen in einer Dimension, die tatsächlich Hosni Mubarak aus dem Amt treiben könnte. Soviel steht wahrscheinlich auch fest. Und wenn das geschieht, dann wäre es vielleicht wirklich der Anfang einer Demokratisierung des arabischen Raums, ein Ereignis, das sich durchaus mit dem Jahr 1989 für Osteuropa messen könnte. Gestern Tunesien, heute Ägypten, wer kommt morgen dran?

Diese Kettenreaktion hat sicher viele Gründe. Ich will mich hier nur einem widmen: Hier hat eine junge Generation eine Öffentlichkeit für ihre Anliegen gefunden. Und diese Öffentlichkeit wird sie sich – temporär abgeschalteter Internetverbindungen und Mobilnetze zum Trotz – nicht so einfach nehmen lassen. Ihre Stimmen, ihre Ansichten, ihre Träume von Veränderungen sind nun öffentlich und werden es auch bleiben. Das ist der Punkt, an dem sich jenes Potenzial von Facebook, Twitter und Blogs zeigt, das ich vor einer Woche noch nicht so ganz einordnen konnte.

Social Media kann ein Regime stürzen

Ohne Social-Media-Kanäle kann wohl keine dezentrale Protestbewegung dieses Ausmaßes entstehen, die nur vom gemeinsamen Wunsch nach Veränderung und vom gemeinsamen Feind Mubarak getragen wird. Social Media hilft im konkreten Fall, Druck aufzubauen, der sich dann auf den Straßen entlädt. Social Media hilft, zu reflektieren und zu koordinieren, was auf den Straßen passiert.

Wie sich in Tunesien zeigte, kann dieser Druck tatsächlich ein Regime stürzen. Viel mehr noch: Er kann eine globale Welle der Gefällt-mir-Solidarität erzeugen.

Da unser Alltag von Social Media mittlerweile durchdrungener ist als je zuvor, erscheinen uns Ereignisse wie die in Ägypten auch näher als je zuvor. Wer sich einmal auf die vielen Bilder, Statusmeldungen, Links, Blogs und Videos zum Thema einlässt, bekommt die Revolution so vielschichtig vermittelt, dass er sich fast schon als Teil davon fühlen kann. Wir begegnen ihr schließlich im Zuge unserer Alltagskommunikation. Wir empfinden sie als etwas, das in unserer nächsten Umgebung geschieht.

Aus dieser Gefällt-mir-Solidarität entsteht eine Feedback-Schleife, die der Protestbewegung vor Ort ebenfalls nützen sollte. Die Eindrücke vor Ort werden so oft gespiegelt, dass sie sich mit lokalen Netz- und Handysperren nicht mehr aus der Welt schaffen lassen. Die Einzelgeschichten werden miteinander zu einer größeren Erzählung verknüpft. Sie werden aufbewahrt und weitergegeben.

Das erhöht auch den Druck auf die bisherigen Partner und Freunde der Diktatoren in Ägypten und anderswo. Es lässt Mubarak schneller zum Feind werden, als sich das Internet abschalten lässt.

Die große Unbekannte

Das ist die eine, die euphorisierende Seite der Geschichte. Die andere ist eine große Unbekannte, denn was auf diese Welle der Proteste folgt und was nach dem Sturz der Diktatoren tatsächlich passiert, entscheiden nach wie vor keine Statusmeldungen auf Facebook. Das wird im komplexen Zusammenspiel aus Religion, Politik, alten Garden und bürgerlichem Ungehorsam ausgefochten – und führt zur Hoffnung, dass Letzterer noch lange die Oberhand behält.

Nur das gefiele mir wirklich. Nur das kann die nachhaltige Basis eines demokratischen, freien und aufgeklärten arabischen Raums sein.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

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