Dieser Untote wird bleiben

von Eberhard Lauth7.05.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Eine Pop-Ikone wie Osama bin Laden lässt sich nicht so einfach aus der Welt schaffen. Und der Terror leider auch nicht.

Fast eine Woche lang ist Osama bin Laden nun schon offiziell für tot erklärt. Die meisten finden gut, dass er weg ist. “Vielen gefällt es nicht, dass er einfach so und ohne Prozess aus der Welt geschafft wurde(Link)”:http://www.theeuropean.de/stefan-gaertner/6589-der-tod-ist-ein-meister-aus-merkel. Und die Freude um sein Ende als Gottseibeiuns der westlichen Welt weicht immer mehr der Frage, was nach ihm kommt. Das Ende des Terrors? Eine neue Terror-Welle? Oder einfach gar nichts? Vor allem zeigt sich, dass es wenig nutzt, Menschen zu töten, die schon längst als Untote durchs kollektive Bewusstsein geistern. Was heißt es da schon, dass er “vom unbekannten Soldaten(Link)”:http://www.zib21.com/16891/anataj/wer-totete-osama-bin-laden/ einer Spezialeinheit der US Navy am 2. Mai in Abbottabad, Pakistan erschossen wurde: Darum lassen sich höchstens ein paar Verschwörungstheorien spinnen. Schließlich kam die Todesnachricht zum einen für Obama sehr günstigen Zeitpunkt, um Härte und Offensive zu beweisen. Schließlich klingt die Geschichte von der Seebestattung abstrus. Und schließlich sind Verschwörungstheorien immer besser als die Realität, vor allem, wenn es sich um vermeintliche und echte Tote mit ikonografischen Qualitäten handelt.

McCartney, Elvis, Bin Laden

Paul McCartney zum Beispiel wurde von investigativ Überbegabten schon 1969 nachgewiesen, dass er zwei Jahre davor “bei einem Autounfall ums Leben gekommen(Link)”:http://en.wikipedia.org/wiki/Paul_is_dead war und der Typ bei den Beatles bloß ein Doppelgänger wäre. Und als Elvis Presley 1977 offiziell aus dem Leben schied, tat er das auch nur, um irgendwo auf einer einsamen Insel weiterzuleben. Wobei Elvis hier ein gutes Stichwort ist. Elvis lebt als Pop-Ikone ja tatsächlich noch. Es gibt sehr viele Menschen, die nicht nur aussehen wie Elvis, singen wie Elvis und sich bewegen wie Elvis – sie sind Elvis, weil sie es so wollen. Und sie halten ihn damit am Leben. Osama bin Laden war schon vor seinem offiziellen Tod ein Untoter wie Elvis. Er war Mythos und Abziehbild, eine Pop-Ikone. Unserer hedonistischen und am Diesseits orientierten Popkultur bleibt die dem Jenseits huldigende um Bin Laden zwar immer fremd, doch leugnen lässt sie sich deshalb noch lange nicht. Es gibt tatsächlich Menschen, die ihre Erfüllung und Reinheit im Tod suchen. Es gibt Menschen, die durch Massenmord zu weiteren leuchtenden Untoten werden wollen. Und sie werden nicht so schnell aufhören, nach diesem Ideal zu trachten, für das Osama bin Laden stand, nur weil er tot ist. Aufgrund des Unverständnisses für diese Lebensanschauung sind uns auch die aktuellen Umbrüche im arabischen Raum so nahe. Wir verstehen sie, weil wir sie als Selbstreinigung einer Weltregion begreifen können, die bisher unter dem Generalverdacht stand, Selbstmordattentäter heranzuziehen. Wir verstehen sie, weil sie auch durch die Brille unserer Kultur betrachtet logisch erscheinen. Wir sehen hier revolutionäre Bewegungen, die mehr sind als Terror – und vor allem: Es sind nicht die Revolutionen, die Osama bin Laden gewollte hätte.

Die Bedeutung der Ikone wird sich wandeln

Was bleibt, ist die Frage, ob die in Gründung befindlichen Demokratien in Ägypten und Tunesien oder die revolutionären Bewegungen in Bahrain, Libyen, Syrien und Jemen eine attraktive Alternative zur wahabitischen Auffassung des Islam bieten können, aus der sich Osama bin Ladens Religion des Terrors speist. Und vor allem: Ob diese potenziellen Demokratien es überhaupt nötig haben, sich als Alternative zu einer todessehnsüchtigen Subkultur zu positionieren. Womit wir bei der Hoffnung wären, die sich an die untote Pop-Ikone Osama bin Laden knüpfen lässt: Sie ist anscheinend trotz maximaler Medienpräsenz nicht in den Mainstream vorgedrungen. Sie konnte zwar viele Menschen gewinnen, blieb aber letztlich ein “One Hit Wonder der Nullerjahre(Link)”:http://www.zib21.com/category/museum-des-21-jahrhunderts/. Das wird zwar seine schmerzhaften Revivals erleben, aber die inhaltliche Bedeutung der Ikone Osama bin Laden wird sich wandeln. Auch Che Guevara war einst eine Symbolfigur der militanten Linken – und irgendwann war er nur mehr ein T-Shirt-Aufdruck unter vielen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Das völkische Denken der AfD ist antibürgerlich

Frank-Walter Steinmeier hat große Zweifel an der bürgerlichen Selbstdarstellung der AfD geäußert. Damit reagierteder Bundespräsident auf Äußerungen des Parteivorsitzenden Alexander Gauland, der seine Partei nach den Wahlen in Brandenburg und Sachsen als "Vertreter des Bürgertums" bezeichnet

Der Klassenkampf hat gerade erst begonnen

Es ist hohe Zeit zu begreifen, dass der linke Zeitgeist brandgefährlich ist. Jene, die das, was sie für das Gute halten, wie eine Monstranz vor sich her tragen und unermüdlich die Welt verbessern wollen, lassen alle Hemmungen fallen, wenn sie feststellen müssen, dass es Andersdenkende gibt.

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Mobile Sliding Menu