Ich bin dann mal weg

von Eberhard Jüttner4.06.2011Gesellschaft & Kultur

Durch den demografischen Wandel steigt die Zahl der Menschen mit Demenz. Doch eine öffentliche Debatte über eine Ausweitung der Pflegeleistungen und der Akzeptanz findet nicht statt. Das muss sich ändern – denn jeder kann einmal betroffen sein.

In Deutschland leben über 1,3 Millionen Bürgerinnen und Bürger mit einer Demenz. Die Dunkelziffer ist noch höher. Doch obwohl jede Familie früher oder später mit dem Problem Demenz konfrontiert wird, ist die “Demenz ein Tabuthema”:http://www.theeuropean.de/marcus-knaup/6677-die-angst-vor-alzheimer. Demenz bedeutet Isolation, der Erkrankte und die Angehörigen werden in der Regel alleingelassen. Häufig wird vor allem nicht (an)erkannt, dass bei jedem Betroffenen noch Ressourcen und Kompetenzen vorhanden sind, die es gilt zu finden, zu erhalten oder gezielt zu fördern.

Flächendeckende Angebote? Fehlanzeige!

Übernehmen die Angehörigen selbst die Betreuung, sind sie vielfach mit der Komplexität und den sich ständig ergebenden Veränderungen bei diesem Krankheitsbild überfordert. Auch die stationären Pflegeeinrichtungen sind kaum ausreichend auf Menschen mit Demenz eingestellt. Alternative Wohn-, Pflege- und Betreuungsformen, die individuelle Lösungen bieten könnten, existieren noch längst nicht flächendeckend. Es seien nur vier Punkte genannt, wo akuter Handlungsbedarf besteht: 1. Die Qualifizierung der Fachkräfte muss angepasst werden: Angefangen von der Früherkennung der Erkrankung und den damit verbundenen Möglichkeiten frühzeitiger Interventionen bis hin zur sozial-pflegerischen Betreuung – bei Ärzten und pflegerischem Personal liegen bisher kaum ausreichende Kenntnisse über Demenz vor. 2. Die breite Öffentlichkeit, insbesondere auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Ämtern und allgemeinen Dienstleistungseinrichtungen, müssen für den Umgang mit Demenzbetroffenen sensibilisiert werden: Beschäftigte in den Verwaltungen, der Polizei, des Nahverkehrs, in Geschäften, Wohnungsgenossenschaften und anderen Dienstleistungsbereichen sollten auf den Umgang mit Menschen mit Demenz vorbereitet sein. 3. Nicht jeder Mensch mit Einschränkungen der Alltagskompetenzen bedarf einer stationären Betreuung. Wenn vor Ort ein guter Mix von betreuten Wohnformen, niedrigschwelligen Angeboten der Nachbarschaftshilfe, Tageseinrichtungen sowie ambulanter Angebote der sozialen und medizinischen Betreuung besteht und qualifizierte Beratung für Betroffene und Angehörige verfügbar ist, kann eine Heimaufnahme häufig vermieden oder zumindest verzögert werden. 4. Pflegende Familienangehörige müssen unterstützt und entlastet werden, auch durch bessere Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Das geplante Familienpflegezeitgesetz ist da absolut unzureichend.

Wir brauchen die öffentliche Debatte

Wir brauchen dringend eine breite öffentliche Debatte. Unsere Gesellschaft muss sich einigen grundlegenden Fragen stellen: Wie sind Menschen mit einer Demenz weiterhin in die Gesellschaft zu integrieren? Welche Ressourcen besitzen sie, die zu fördern sind, um auch in einer schwierigen Lebensphase möglichst selbstbestimmt das eigene Leben gestalten zu können? Wie ermöglichen wir Menschen mit demenziellen Veränderungen ein Altern in Würde? Wie verdeutlichen wir ihnen, dass sie keine Last darstellen, sondern für die Gesellschaft auch weiterhin wertvoll sind, weiterhin Mensch bleiben, nur mit Besonderheiten und eingeschränkten Alltagskompetenzen, die für das soziale Umfeld deutlich sichtbarer sind als bei anderen? Natürlich benötigt man zur Verbesserung der Lebenssituation für Menschen mit Demenz infolge des Ausbaues präventiver Maßnahmen, durch eine verbesserte Rehabilitation der Betroffenen und ihrer Familienangehörigen, durch bessere Beratung und für die Aufklärung auch mehr finanzielle Mittel. Diese Mittel aber sind Investitionen für unser aller Zukunft. Denn: Treffen kann es jeden.

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